MARKTFORSCHUNG / DIVO Zukunft verborgen
Das »Deutsche Institut für Volksumfragen« (Divo) in Frankfurt war berühmt wegen seiner exakten Prognosen. Es prophezeite Bundestagswahlergebnisse mit 0,4 Prozent Abweichung, sagte die Edel-Freßwelle voraus und kündigte westdeutschen Wirtschaftskapitänen neue Trends an. Nur die eigene Zukunft blieb den Forschern verborgen.
Zum Herbst dieses Jahres muß das einst führende Marktforschungsunternehmen der Bundesrepublik seinen gesamten Interviewer-Stab von über 600 Mitarbeitern aufgeben.
Die gut gedrillte Außendienst-Organisation wird nicht mehr benötigt, weil der Hamburger Zigaretten-Konzern Reemtsma nach dreizehnjähriger Zusammenarbeit seine Millionenaufträge zurückzog und auch Großkunde Gillette Roth-Büchner auf ein anderes Institut umstieg.
Noch vor acht Jahren war die Frankfurter Firma -- sie erhielt nach dem Kriege von der US-Militärregierung die ersten Aufträge -- »tonangebend auf dem Gebiet der Konsumgüter- und Mediaforschung. Fast alle renommierten Verlage und Markenartikler ließen bei dem Institut arbeiten, darunter Weltfirmen wie Coca-Cola, Colgate-Palmolive, Shell und Nestlé. Das von der Divo herausgegebene Statistik-Buch »Der Westdeutsche Markt in Zahlen« galt bei Werbern und Marktforschern als unentbehrliches Handwerkszeug.
Bereits 1955 war Diva lexikonreif: Der Große Brockhaus registrierte das Institut als »führendes« Marktforschungsunternehmen. Besonders stolz waren die Diva-Bosse auf ein halbes Tausend Exklusiv-Interviewer, die von sechs Außenstellenleitern und 30 Chef-Interviewern dirigiert wurden.
Doch als das Unternehmen 1961 zu 50 Prozent an die französische Forschungsgruppe Sema, Tochter der Banque de Paris et des Pays-Bas, ging und später die restlichen Anteile an die deutsche Privatbank Berliner Handels-Gesellschaft (BHG) verkauft wurden, begann Divas Stern zu verblassen.
Schuld an der beginnenden Misere war vor allem eine verfehlte Personalpolitik. Die neuen Gesellschafter übertrugen das Kommando nicht einem deutschen Experten, sondern hoben den Franzosen Michel Algan, Absolvent der berühmten Ecole Polytechnique, in den Frankfurter Chef-Sessel. Diplomingenieur Algan begann die Marktforschung zu vernachlässigen und baute statt dessen neue, zunächst wenig gewinnbringende Arbeitsbereiche aus: Computer-Programmierung, Fertigungssteuerung, Informatik und Regionalforschung für Wirtschaft und Verkehr.
Zu Divos nicht-akademischen Umfrage-Technikern fand der »verhinderte Nobel-Preisträger« (Kollegen-Spott) keinen Kontakt. Die Kündigungen alter Divo-Mitarbeiter häuften sich, und Newcomer blieben auch nicht lange. Allein innerhalb der letzten zwei Jahre verschliß Algan acht Führungskräfte. Die Personalfluktuation wurde schließlich so groß, daß die Firma Reemtsma während einer Marktanalyse vier sich ablösende Studienleiter kennenlernte.
Darunter litten nicht nur die Termine. Auch in wichtige Untersuchungen schlichen sich grobe Schnitzer ein. So fanden Diva-Forscher zu einer Studie über den Getränke-Markt heraus, daß unter 28 Whisky-Marken eine besonders gern gekauft wurde und auch in Schaufenstern häufig auftauchte. Nur: Die von Diva hoch gepriesene Whisky-Marke »Dujardin« existierte gar nicht,
Als immer mehr Kunden fortblieben und die Verluste siebenstellige Zahlen erreichten, wurde Michel Algan in den Aufsichtsrat der Sema-Holding Metra befördert. Sein Nachfolger, Claude Iégy, vermochte Divas Talfahrt freilich nicht zu bremsen. In einem Rundschreiben ließ Iégy kürzlich seine letzten Kunden wissen: »Zur Erreichung einer weiteren Steigerung der Leistungsfähigkeit hat sich das Diva-Institut zu einer stärkeren Spezialisierung entschlossen.«