FERNSEHEN Zum grauen Block
Kaum war Wolfgang Lehr, 60, zum Intendanten des Hessischen Rundfunks (HR) gewählt, da hatte er für seine Mitarbeiter eine gute Nachricht: Im Frankfurter Sender, so erklärte er im April, werde es künftig auf breiter Basis »offen« und »demokratisch« zugehen, in »gegenseitigem Vertrauen« und »enger Kooperation«.
»Das klang sehr schön«, entsinnt sich Redakteur Rüdiger Hertzog. Neuerdings jedoch sind aus dem Funkhaus am Dornbusch nur noch dumpfe Töne zu hören.
Denn völlig überraschend hatte Intendant Lehr vorletzte Woche einen Mann, der beim Publikum gänzlich unbekannt war, auf den Posten des Programmdirektors Fernsehen geholt: den ehemaligen Grundschullehrer Horst Glänzel, 53, seit 1979 Schulrat in Hanau.
Daß Lehr einem Außenseiter eines der wichtigsten Ämter übertragen hat, die es im deutschen Fernsehen gibt, hat auch die ARD überrascht. Als auf der ständigen Programmkonferenz der ARD-Fernsehdirektoren am 5. und 6. August in Bremen Glänzels Berufung bekannt wurde, »schlugen alle«, berichtet ein Teilnehmer dem SPIEGEL, »fassungslos die Hände überm Kopf zusammen«. So »betreibt man«, schimpft ein führender ARD-Mann, »den Ruin des Rundfunks.«
TV-Neuling Glänzel, ein »unauffällig braver Mann« ("Die Welt"), wird Nachfolger des Fernsehexperten Hans-Otto Grünefeldt, der im November nach 35 Rundfunkjahren, davon 19 als Fernseh-Programmdirektor, in Pension geht.
Kulenkampff-Entdecker Grünefeldt -- Schöpfer einfältiger, aber erfolgreicher Sendungen wie der »Blaue Bock« oder das EG-Quiz »Einer wird gewinnen« -- galt in der ARD zwar nicht als Förderer kritischer Polit-Sendungen, aber immerhin als versierter Unterhalter alter Schule und als Kenner des Apparats. WDR-Programmdirektor Heinz Werner Hübner: »Grünefeldt hat das Medium aus dem Effeff beherrscht.«
Für den gutdotierten TV-Job bringt Grünefeldt-Nachfolger Glänzel, der im HR-Rundfunkrat die hessischen Lehrervereinigungen vertritt und der zuvor Lehrerzeitungen redigiert hat, nach Meinung von Funkkennern kaum Qualifikation ein.
Der TV-Programmdirektor, umreißt der Chefredakteur des Hessischen Fernsehens, Michael Stoffregen-Büller, die Aufgabe, muß ein »exzellenter Programm-Macher« und ein »guter Journalist« sein, und er muß »in höchstem Maße etwas vom Managen verstehen«. WDR-Direktor Hübner: »Ohne praktische Fernseherfahrung ist man da völlig aufgeschmissen.«
Denn beim Hessischen Rundfunk ist der Fernseh-Direktor auch Herr über die gesamte TV-Produktion, einen Riesenkomplex mit rund 300 Mitarbeitern, Kameraleuten und Cutterinnen, Bildmischern und Ausstattern. »Das schafft«, weiß Grünefeldt-Referent Jörg Fenkohl, »nur ein Profi.«
Der wäre wohl nötig. Denn neue Impulse hätten dem Hessischen Rundfunk, der im gemeinsamen ARD-Programm kaum mit aktuellen Sondersendungen und Magazinbeiträgen vertreten ist, schon gut getan.
Gehofft hatte der Sender auf einen kompetenten Erneuerer, der die Routine S.62 vieler Sendungen aufbricht und damit das Ansehen des Hessischen Rundfunks innerhalb der ARD stärkt.
Gewünscht hatten sich Funkmitarbeiter einen Journalisten wie den Fernseh-Chefredakteur Stoffregen-Büller oder einen Praktiker wie den Leiter des Studios Kassel, Kurt Morneweg. Gebraucht werde einer, der offen diskutiert, Pilotsendungen anleiert und auch mal Experimente wagt. Denn zu lange schon, klagen Redakteure, spiele in dem öffentlich-rechtlichen Funkhaus in Frankfurt »die Verwaltung eine größere Rolle als das Programm«.
Amateur Glänzel, dem am neuen Beruf noch »beinahe alles total fremd ist«, wie Ratskollege Hans-Dieter Resch fürchtet, erfüllt kaum eines der geforderten Kriterien -- mal abgesehen davon, daß er, wie Lehr meint, als Programmbeiratsvorsitzender des ARD-Fernsehens (seit Mai 1980) sein künftiges Aufgabengebiet »intensiv kennengelernt« hat.
Doch bei ARD-Zusammenkünften glänzte der Schulmann häufig, wie sich ein Teilnehmer erinnert, nur »durch abenteuerliche Unkenntnis über programmtechnische und sonstige Details«. Im Programmausschuß des HR-Rundfunkrats fiel der neue Direktor durch Ehrgeiz und Eitelkeit auf. In die Sitzungsprotokolle ließ er bisweilen nachträglich einfügen: »Wie Horst Glänzel sagte.«
Daß mit Glänzel ein Anfänger in eine führende Fernseh-Position rückt, erscheint um so mißlicher, als auch der erste Mann im HR kein Programm-Macher ist: Intendant Lehr, Hausherr über 1900 feste und 9000 freie Mitarbeiter, ist Verwaltungsjurist, war lange Zeit Justitiar des Rundfunks und gilt im Sender, vornehmlich in den Redaktionen, als »entscheidungsscheuer Patriarch«.
Redaktionsprobleme schiebt Lehr gern vor sich her. Mitarbeiter nervt er mit lateinischen und griechischen Versen -- ein Intendant »fürs Feuilletonistische und Feingeistige«, wie sich ein Funkmacher mokiert.
Warum Lehr ausgerechnet Glänzel, den »einzigen, der nie zur Debatte stand« (TV-Moderatorin Barbara Dickmann), zum Programmdirektor berufen hat, wird jetzt nach und nach ruchbar. Womöglich war Dankbarkeit im Spiel: Bei Lehrs Wahl zum Intendanten im November vorigen Jahres, so kolportierten am vergangenen Mittwoch zwei Rundfunkräte, gab Glänzels Stimme den Ausschlag.
Damals waren neun der 19 HR-Ratsmitglieder auf den Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann (SPD) eingeschworen, neun andere --CDU-Anhänger sowie die sogenannten Grauen -- auf den parteilosen Lehr. Als sich, eine Woche vor der Wahl, an einem Sonntagvormittag in Hattersheim, die SPD-nahen Rundfunkräte trafen, um Hoffmanns Chancen zu besprechen, schlug sich Sozialdemokrat Glänzel zum grauen Block: Er erklärte »klipp und klar«, daß er seine Stimme bereits »Herrn Lehr versprochen« habe (Hoffmann).
Hätte sich Lehr nun so direkt revanchiert, so hielte das Rundfunkrat Resch für einen »unverzeihlichen Fehler«. Resch: »Das wird noch die Gremien beschäftigen.«
Erst mal haben die Funk- und Fernsehschaffenden in Frankfurt an ihrem Arbeitsplatz zu tun. »Überall im Haus«, beobachtete ein leitender Redakteur letzte Woche, »werden die Schützengräben ausgehoben.«