POLIZEI Zum Sammler degradiert
Die junge Kommissarin, die jedem Besucher der Fachtagung des Bundeskriminalamtes (BKA) in Wiesbaden das Namensschildchen in die Hand drückt, hat ihre Entscheidung längst getroffen. Sie will sich zur Kripo nach Frankfurt versetzen lassen und träumt von einem Job bei der Mordkommission.
Mit großen Erwartungen hatte sie sich beim BKA beworben, doch nach der Ausbildung sah die Realität ganz anders aus: kaum Ermittlungen, dafür jede Menge Verwaltungstätigkeit, Langeweile pur. So hatte sich die Frau ihre Arbeit bei der einst renommiertesten deutschen Polizeidienststelle nicht vorgestellt.
So wie der Kommissarin geht es vielen. Gerade junge Leute laufen dem BKA davon, zurzeit liegen der Amtsleitung rund 50 Versetzungsgesuche vor, eine beachtliche Zahl. Die Stimmung unter den etwa 2100 Ermittlern ist mies, denn mit kriminalistischer Arbeit hat ihr Job immer weniger zu tun.
Beharrlich treibt BKA-Präsident Ulrich Kersten, 59, den Wandel zur reinen Zentralstelle für Information und Technik voran. Dabei läuft er Gefahr, das eigene Amt ins Abseits zu stellen.
Schon heute arbeiten viele Landeskriminalämter, allen voran Bayern und Baden-Württemberg, lieber direkt mit dem Ausland zusammen, als den Dienstweg über das BKA zu nehmen. Hinzu kommt, wie Kersten bitter beklagt, dass die Länder das Bundesamt immer spärlicher mit Erkenntnissen aus eigenen Ermittlungen beliefern. »Zwischen dem Soll- und dem Ist-Zustand«, so Kersten, »klafft eine beträchtliche Lücke.«
Das Image der Bundespolizei ist auf einen Tiefstand gesunken. »Das BKA hat seine Meinungsführerschaft in der Kriminalitätsbekämpfung eingebüßt«, kritisiert Konrad Freiberg von der Gewerkschaft der Polizei. Unter Kerstens Führung, so sieht es auch Eike Bleibtreu vom Bund Deutscher Kriminalbeamter, sei das BKA »zur Sammel- und Auswertungsbehörde degradiert« worden.
Dabei hat das BKA eine Doppelfunktion - als Ermittlungs- und Service-Dienststelle. Laut Gesetz ist es zuständig für Straftaten von internationaler Bedeutung wie Falschgelddelikte, Drogen- und Waffenhandel sowie für die Terrorismus-Bekämpfung.
Die Ermittlungsarbeit schnitt Kersten zielstrebig zurück; er setzte ganz auf den Servicebereich. Auf Grund fehlender Ermittlungspraxis haben die BKA-Beamten an Reputation bei den Landeskriminalämtern verloren; es folgte, wie ein Kriminaldirektor es ausdrückte, »die Flucht ins Analytische und Abstrakte«.
Mit diesem Kurs konnte Kersten im Bundesinnenministerium zwar mehr Stellen für Kriminalbeamte einwerben, nicht aber für Verwaltungsangestellte. Weil die Arbeit aber trotzdem gemacht werden muss, finden sich immer mehr teuer ausgebildete Kriminalisten bei der Dateneingabe am Bildschirm wieder. Statt Kriminalfälle zu lösen, zogen sie sich Rückenschmerzen zu. Das schafft Frust.
Dass im Hause BKA manches nicht optimal läuft, hat sich mittlerweile auch in Berlin herumgesprochen. »Bei dem Potenzial der Behörde wäre einiges mehr machbar«, sagt der Polizeibeauftragte der SPD-Fraktion im Bundestag, Günter Graf. Die hohe Qualifikation der BKA-Beamten werde »nicht ausreichend genutzt«. Graf: »Wer optimale Leistungen will, muss die Leute motivieren.« Gerade bei der internationalen Kriminalitätsbekämpfung müsse das BKA stärker mitmischen.
Dessen Rückzug aus der Ermittlungsarbeit hat bereits dazu geführt, dass der Bundesgrenzschutz (BGS) auf der Suche nach neuen Aufgaben die Kriminalitätsbekämpfung entdeckt hat. Überall im Land baut der BGS seine »Inspektionen Verbrechensbekämpfung« auf, die bei Schleusung und Menschenhandel aktiv werden.
»Wir müssen im Bund darüber nachdenken, wie Doppelungen vermieden werden können«, fordert folgerichtig Graf. Bei den mit der Kriminalitätsbekämpfung beauftragten Behörden gebe es zu viele Überschneidungen: »Da ist eine Straffung notwendig.«
Mittlerweile entsendet der BGS sogar eigene Verbindungsbeamte an deutsche Botschaften im Ausland. »Die streiten sich dann da«, berichtet ein Beamter, »mit den Kollegen vom BKA um die Butter auf dem Brot.« ANDREAS ULRICH