Zunächst danken - DER SPIEGEL
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ADENAUER Zunächst danken

• aus DER SPIEGEL 20/1967
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In langsamer Fahrt manövrierten zwei Mercedes-300-Limousinen durch die enge Löwenburger Straße in Rhöndorf. Stets in Gefahr, zur Linken in die offene Abflußrinne eines Siebengebirgs-Bachs zu rutschen und zur Rechten direkt auf der Straße endende Hausstiegen zu streifen, steuerten die schwerfälligen Fahrzeuge am Dienstag letzter Woche den Waldfriedhof der Ortschaft am Fuße des Drachenfelses an.

Bundespräsident Heinrich Lübke und Frau Wilhelmine ließen sich zur Vormittagsstunde an die Rhöndorfer Gräberstätte chauffieren. nur begleitet vom obligatorischen Polizeigefährt der Sicherungsgruppe. Vom Eingang des Friedhofs an wiesen welkende Kränze, ausgelegt in dichter Folge zu beiden Seiten eines ausgetretenen Pfades, dem Präsidentenpaar den Weg hin zum Grab Konrad Adenauers. Heinrich Lübke ehrte den Toten mit einem Strauß weißer Nelken, zusammengehalten von einer schwarzrotgoldenen Schleife.

Dem Ehepaar Lübke wurde mit der direkten Anfahrt zum Friedhof eine Vergünstigung gewährt, die mindergestellten motorisierten Adenauer-Verehrern seit Anfang letzter Woche versagt ist.

Kaum war der tote Kanzler bestattet worden, startete sein zurückgelassenes Volk aus allen Teilen der Bundesrepublik zu einer Sternfahrt nach Rhöndorf. Der Wunsch, persönlich am Grab Lebwohl zu sagen und mitunter auch verstohlen etwas Graberde als Souvenir im Plastikbeutel mit nach Haus zu nehmen, wurde nur noch von der Bequemlichkeit der Wallfahrer übertroffen: Sie zwängten ihre Autos bis zum Eingang des Waldfriedhofes und verwickelten sich mit den entgegenkommenden Wagen zu einem erst nach Stunden entwirrbaren Verkehrsknäuel.

Stadtdirektor Dr. Wahl van Bad Honnef, zu dem Rhöndorf als Ortsteil gehört, observierte persönlich: »Da rangierten sogar etliche Omnibusse aus dem Ruhrgebiet rum, die regelrecht Ausflugsfahrten zum Grab veranstalteten.

Kurz entschlossen sperrte die Stadt die Zufahrtsstraße zum Waldfriedhof für den allgemeinen Verkehr. Überdies wurde das Straßennetz von Rhöndorf durch Einbahnregelungen für den Massenansturm notdürftig hergerichtet.

Der dadurch bedingte Halbstunden-Anmarsch zum Waldfriedhof stoppte den Besucherstrom nicht. Kameras geschultert, Kleinkinder im Arm, pilgern täglich Hunderte an zwei Andenkenläden und einem Sondermarken-Verkäufer vorbei zum Prominentengrah.

Dem toten Konrad Adenauer widerfuhr, was er zu Lebzeiten durch zähen Widerstand gegen die Pläne des Bäckermeisters Profittlich, eine Seilhahn zum Drachenfels zu hauen. verhindert hatte: daß der stille Rheinort Rhöndorf zum Touristen-Rummelplatz wurde.

Adenauers jüngster Sohn Georg, der unterhalb des Hauses seines Vaters einen Bungalow bewohnt, klagte dem SPIEGEL: »Wenn wir Kinder zum Grab wollen, können wir nur noch morgens um halb sechs hingehen.«

Pläne bestehen, das Adenauer-An -- denken auch noch an anderen Stätten zu wahren. Des Kanzlers Kinder beratschlagen, ob im Wohnhaus am Zennigsweg 8 a oder im Arbeitszimmer 119 N im Bundesrat-Flügel des Bundeshauses eine Gedenkstätte geschaffen werden könne. Entscheidungen sind noch nicht gefallen, denn, so Sohn Georg: »Wenn Erben vorhanden sind. muß man sich erst mal über die äußeren Dinge unterhalten.«

Zu den »äußeren Dingen« zählt Georg Adenauer die Beantwortung der Beileidschreiben, die in Pappkartons gesammelt wurden. Viereinhalb Stunden sortierte der Junior letzten Mittwochabend zusammen mit Frau Ulla-Britta allein die Kondolenzpost, die ihm persönlich zuging.

Vom Eindruck der vergangenen Tage noch überwältigt, kommen im Familienkreis Gedanken an die Zukunft kaum auf. Georg: »Zunächst müssen wir danken, das ist viel Arbeit.« Und: »Das war alles so viel, daß man es noch nicht verdaut hat.«

Weil noch nicht anders entschieden wurde, arbeiten im Kanzleramt, wo Adenauer bis zuletzt ein »persönliches Büro« hatte, im Arbeitszimmer im Bundeshaus und im Privathaus in Rhöndorf noch sechs Sekretärinnen und ein persönlicher Referent wie zu Lebzeiten ihres Chefs. CDU-Parteizentrale und Unions-Fraktion, die gemeinsam die Kosten des Mitarbeiterstabs Adenauers bestritten, haben indes schon die künftige Einsparung ausgerechnet: monatlich rund 15 000 Mark,

Wie zu Lebzeiten Adenauers ist auch noch Tag und Nacht die Sonderwache am Zennigsweg 8 a besetzt, obwohl sie ihren Sinn verloren hat, dem Geheimnisträger Konrad Adenauer Schutz zu gewähren.

Persönlich hatte sich Adenauer noch zwei Monate vor seinem Tod um die Verschönerung des Wachhauses gekümmert. Bei einem Besuch der Schutzbeamten war Adenauer die verräucherte Tapete aufgefallen. »Dat sieht nicht sehr schön aus. Da muß gemalt werden.« Die Antwort des diensttuenden Beamten, dem Land Nordrhein-Westfalen fehle dazu das Geld, hatte Adenauer nicht gelten lassen. Zwei Tage später hatte er durch Boten den Polizisten ein Paket mit Pinsel und Farben übersandt.

Erst allmählich, so Bonns stellvertretender Polizeipräsident Gerd Wend, sollen die Wachen vor Adenauers Haus abgezogen werden. Wend begründet es mit menschlicher Rücksicht: »Die Polizisten haben noch den Schlüssel zum Gartentor. Den wollen wir der Familie nicht einfach in die Hand drücken und sagen: ,Wir gehen jetzt.' Wir warten, bis wir uns mit der Familie darüber aussprechen können.

Rascher stellten sich Geschäftsleute auf die neue Lage ein:

> Schon am Freitag vorletzter Woche, Adenauer war drei Tage zuvor beigesetzt worden, brachte der Offenburger Burda-Verlag einen Bildband über den ersten Kanzler der Bundesrepublik auf den Markt. Verkauf bis zum letzten Wochenende: 100 000 Stück. Preis: broschiert 13,50 Mark, in Leinen 18,50 Mark.

> Noch fixer war »Hör zu«. Schon am Tag vor der Beerdigung, dem Montag vorletzter Woche, warf das Springer-Blatt eine Gedenk-Schallplatte auf den Markt: »In memoriam / Konrad Adenauer erzählt aus seinem Leben«. Als Polit-Conférencier plaudert auf der Platte Publizist Winfried Martini mit Adenauer über dessen Lebenswerk. Auflage: 4000 Stück. Preis: 18 Mark. Geschlagen wurden beide Verlage aber von dem Postkarten- und Sondermarkenverkäufer vor dem Rhöndorfer Waldfriedhof. Der bietet seit dem vorletzten Wochenende nicht nur Adenauer-Porträts feil, sondern erweiterte sein Sortiment um Bildnisse der frisch gebackenen niederländischen Prinzeneltern Beatrix und Claus.

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