AFFÄREN / MÜNEMANN Zurück auf Null
»Es gab für mich drei Wege aus der Katastrophe«, so erklärte der gestrauchelte Finanzmakler Rudolf Münemann, 62, seinen Gläubigern. »Erstens hätte ich sagen können: Du hast genug gelebt -- was soll die Qual, und hätte mir eine Kugel durch den Kopf schießen können.«
»Der zweite Weg wäre der mangels Masse sinnlose Konkurs. Ich bin den dritten und härtesten Weg gegangen: durch ein Arrangement mit den Gläubigern zurechtzukommen.«
Doch dieses Kunststück ist dem gescheiterten Industriefinanzier und Bankrivalen nicht ganz gelungen. Das Münchner Bankhaus H. Aufhäuser drängt energisch auf Rückzahlung von 4,3 Millionen Mark. Wenn die Forderung nicht prompt erfüllt wird, wollen die bayrischen Privatbankiers ihren früheren Geschäftsfreund zum Offenbarungseid zwingen. Für Münemann wäre das der Tiefpunkt des Debakels, das an seinen Nerven zerrt,
»Sie wollen meinen Mann kaputtmachen. Er hat doch kein Geld mehr«, so klagte die Frau des Maklers, den das Glück verließ, vergangene Woche unter Tränen. Rudolf und Lucia Münemann taten beide einen tiefen Fall. Früher viel beneidet, stürzte er im Januar nach dem Zusammenbruch seines Finanzkonzerns vom Millionärs-Podest. Seine Ehefrau ("Ich bin ganz am Boden zerstört") nahm der Schreck so mit, daß sie hinschlug und einen Arm brach.
Die Misere im Hause Münemann ist auch von dem Inserat abzulesen, das schon mehrmals in den Münchner Zeitungen erschien: »Haben Sie Hitze, Staub und Lärm endlich satt und wollen Sie Ihre Büros ins Grüne verlegen? In unserem von Gärten umgebenen Verwaltungsgebäude sind in bester Lage ca. 700 Quadratmeter repräsentative Büroräume zu vermieten.« Doch bis jetzt meldete sich kein Interessent. Nervös wandert der Hausherr durch die Räume. Auf dem Klubtisch in der Halle liegt ein Buch aufgeschlagen mit dem tröstlichen Spruch: »Das Leben ist voller Schiffbrüche. Das bedeutet jedoch nicht, daß man ertrinken muß.«
Münemann steht das Wasser seit Monaten am Hals. Am 8. Januar dieses Jahres, genau an seinem 62. Geburtstag, berichtete er dem Präsidenten des Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen in Berlin: »Ich bin am Ende.«
Er hatte sich in der Schlinge seines eigenen Kreditsystems gefangen, aus kurzfristigem, früher zinsbilligem Geld der Versicherungsgesellschaften, Sparkassen und Banken langfristige Schuldscheindarlehen zu häkeln, die er erstrangigen Firmen der Großindustrie bis 35 Jahre zur Verfügung stellte. Der Reiz lag in der Zinsgarantie: Die Schuldner brauchen die Darlehen während der gesamten Laufzeit nur mit durchschnittlich sechs Prozent zu verzinsen.
Solange kurzfristiges Geld billig zu haben war, konnte sich Münemann die Munition für seinen Kreditrevolver mühelos beschaffen. Er zahlte zum Beispiel den Versicherungsgesellschaften für halbjährlich ausgeliehene Millionenbeträge nur drei bis vier Prozent Zinsen und kassierte selbst zwei bis drei Prozent Profit. Meist prolongierten seine Geldlieferanten die Partien von einem halben Jahr zum anderen.
Der Nachschub billigen Geldes lief reibungslos, bis die Bundesbank die Konjunkturbremse zog und den Diskontsatz immer höher schraubte. Da verteuerte sich auch Münemanns Geldeinkauf. Schließlich mußte er selbst bei Banken bis zu 13,5 Prozent Kreditzinsen zahlen, um seinen Industriekunden die für sechs Prozent garantierten langfristigen Darlehen weiterhin zu sichern.
Heute übt er harte Selbstkritik: »Ich habe einen großen Fehler begangen. Hätte ich mir doch nur in den Schuldscheinverträgen eine Katastrophen-Klausel für den Fall hoher Zinsen ausbedungen.« Diese Unterlassung kostete ihn ein Vermögen. Im Januar mußte er den 91 Geldlieferanten, die bis zuletzt sein Revolving-Karussell in Schwung gehalten hatten, mitteilen, daß seine Reserven erschöpft seien.
Nur die Mannesmann AG war bereit, die Darlehen zurückzugeben und auf weitere Vertragserfüllung zu verzichten. 22 Großunternehmen, darunter die Feldmühle AG, die Edelstahlwerke Witten AG und die Stahlwerke Südwestfalen AG wollen jedoch den zinsbilligen Kredit nicht missen. Insgesamt müssen diese Firmen in zwölf bis 16 Jahren 324 Millionen Mark zurückzahlen.
Um einen bundesweiten Finanzskandal zu vermeiden, folgten die meisten Geldgeber dem Rat des Präsidenten der Landeszentralbank Hessen, Leopold Bröker, die Münemann-Krise in aller Stille zu regeln. Banken, Girozentralen und Versicherungen übernahmen Münemanns Darlehensverpflichtungen, obwohl sie dabei rund 70 Millionen Mark Zinseinnahmen einbüßen (zur Zeit würden ihnen langfristige Kredite acht bis neun Prozent Zinsen bringen). Das Münchner Bankhaus H. Aufhäuser aber widersetzte sich dem Stillhalteabkommen. Seine Inhaber drohten, Münernann zum Offenbarungseid vor den Richter zu bringen, wenn er nicht schnellstens die 6,3 Millionen Mark wieder herausrücke, die sie ihm im vergangenen Jahr geliehen hatten.
In seiner Bedrängnis hetzte der Schuldner von einem Bankier zum anderen. Wer einmal durch ihn gut verdient hatte, wurde daran erinnert und gebeten, wenigstens eine kleine Teilschuldverschreibung zu dem ungünstigen Zinssatz zu übernehmen. So fischte Münemann schließlich zwei Millionen Mark, mit denen er die Aufhäuser-Schuld auf 4,3 Millionen Mark reduzieren konnte.
Wie ein Büßer macht sich der einst mit Hunderten von Millionen Mark jonglierende Großmakler jetzt ganz klein. Er stieß alle Statussymbole vergangener Pracht ab. Seine beiden Cadillacs mit Autotelephon und seinen Buick ließ er über seinen Freund Herbert G. Styler, dessen Ehefrau Ysabel in den Klatschspalten der Illustrierten als »Diamanten-Wally« ressortiert, an andere Angehörige des Jet Set verkaufen. Seine Chris-Craft-Motorjacht auf dem Starnberger See erwarb der Grieche Dimitri Pappas, Mercedes-Vertreter und Generalkonsul in Salzburg, für 25000 Mark.
Auch im Ausland schlachtete Münemann letzte Vermögenswerte aus. Ein Verwaltungsgebäude im liechtensteinischen Dorf Mauren, das der große Makler vor etwa zwölf Jahren für rund eine Million Mark als Auffangstellung im Steuerparadies errichten ließ, geht in diesen Tagen in andere Hände über. Erlös: etwa 650 000 Mark.
Auf Münemanns Firmenpalette liegt kein Goldkorn mehr. Über seinen Kopf wurde kürzlich seine letzte Gesellschaft mit Substanz -- Westdeutschlands größte Einzelhandeiskette für Uhren, Gold- und Schmuckwaren, die Ordiam GmbH -- versilbert. Käufer Ist die Luzerner Multimillionärs-Familie Bucherer, deren Chronometer- und Bijouterie-Ladenkette von Zürich bis nach Tokio und New York reicht. Sie erwarb die 45 Ordiam-Läden für 20 Millionen Mark.
Der Erlös floß sofort an die Frankfurter Investitions- und Handels-Bank (IHB), die Münemann auf dem Gipfel seiner Makler-Karriere gegründet hatte, aber in Etappen verkaufen mußte, als er später in Schwierigkeiten kam. Diese Bank war von ihrem Gründer schon 1964 in ein Abenteuer hineingezerrt worden, das Münemann heute als »mein Stalingrad« bezeichnet.
Er hatte sich mit dem Uhren-Preisbrecher Leon Lipot Weiß liiert, der daraufhin, wie sein Finanzier, nur noch Cadillac fuhr. Fehlgelenkte Investitionen und überhöhter Aufwand trieben das Kompaniegeschäft in den Ruin. Als der Geldgeber seinen Partner Weiß 1964 nach großem Krach hinauswarf, stand die Firma mit 30 Millionen Mark bei der Münemann-Bank IHB in der Kreide. Der Münchner Makler bürgte dafür. Er brachte die Uhrenläden in eine neue Gesellschaft, die Ordiam GmbH, ein.
Obwohl grundsolide, warf Ordiam erst 1969 einen kleinen Gewinn ab. Für Münemann erhöhten sich indes die Bürgschaftsverpflichtungen gegenüber der IHB auf 40 Millionen Mark. Die Hälfte der Schuld wurde abgetragen, bevor Münemann zahlungsunfähig wurde; den Rest kassierte die IHB jetzt aus dem Ordiam-Verkauf.
Von dieser florierenden Bank, die Münemann früher sein »liebstes Kind« nannte, besitzt er nicht mehr eine Aktie. Vor zehn Jahren schenkte er zwar seiner Frau, seiner Tochter Angela ("Anschi") und seinem Sohn Cornelius je ein Päckchen IHB-Aktien im Nominalwert von einer Million Mark. Damit wollte er der Familie im Krisenfall ein sorgloses Leben sichern. Die reich Beschenkten verkauften die Wertpapiere aber sehr bald, als der Börsenkurs auf 200 (heute 380) stieg. Jedes Familienmitglied kassierte damals rund zwei Millionen Mark.
Frau Lucia legte 500 000 Mark in einem 5000 Quadratmeter großen Grundstück an Spaniens andalusischer Sonnenküste bei Marbella an. Mit der Immobilie erwarb sie ein rustikales Gebäude, die Finca »Gazapo«. Die Frau des Maklers ist auch offiziell Eigentümerin der Geschäfts- und Wohnvilla in München-Harlaching.
Auf ihrer Finca bei Marbella hält sich die Münemann-Familie am liebsten auf. Dort überwand der Totalausverkäufer nach dem Sturz seine Depressionen. Er widmete sich ganz seinem alten Hobby, der Bastelei, reparierte defekte Elektrogeräte und legte auf der Finca eine neue Wasserleitung. »Dabei verging mir das Grübeln«, so lobt er seine selbstverordnete Beschäftigungs-Therapie. Ich brauchte nicht mehr zu denken und sank abends todmüde in den Schlaf.«
In wohlkalkulierter Bescheidenheit, die auf die Gläubiger-Banken einen guten Eindruck macht, behauptet der jetzt auf Kleinbürger-Format geschrumpfte Frühpensionär: »Meine Frau muß mich ernähren und auch die Zigarren bezahlen, die ich rauche. Nur einmal in der Woche gehe ich mit ihr ins Franziskaner zum Essen und trinke da still ein Bier.«
So posiert Rudolf Münemann als Expropriierter des Schicksals, dessen finstere Macht ihn auf den Nullpunkt seiner 42jährigen Makler-Karriere zurückgeworfen hat: »Ich habe mit nichts angefangen, und jetzt hin ich wieder ein Habenichts.« Sein Trost: »Jetzt kann mich niemand mehr als kapitalistisches Schwein beschimpfen.«