Zutiefst unzufrieden
(Nr. 33/1981, Leserbriefe zur wachsenden Kritik an Washington in der Bundesrepublik)
Als junge Amerikaner waren wir schockiert, als wir die antiamerikanischen Briefe im SPIEGEL lasen. Dazu wollen wir folgendes klarstellen:
Bis jetzt war es für Amerika manchmal nötig, seine Militärmacht einzusetzen, um den amerikanischen Glauben an die Freiheit in unserem Land wie auch in anderen Ländern zu verteidigen. Wir bemühen uns, die Greuel vergangener Kriege zu vergessen, genauso wie Deutschland die Nazizeit vergessen will.
Die von Herrn Werner May erwähnten Napalmbomben und die chemischen Kampfmittel sind kein gutes Beispiel für Amerika, genausowenig wie die Nazis oder die Terroristen Deutschland repräsentieren können. Unser Interesse, andere Länder zu verstehen und ihnen zu helfen, wird durch solche antiamerikanischen Hetzereien schwer beeinträchtigt.
Wenn wir Ihr Land beschützen und dafür weitere finanzielle Opfer auf uns nehmen (Militär-Budget), so geschieht das wirklich nicht nur in unserem Interesse, sondern auch in dem ihrigen.
Durch Briefe wie den, den Sie veröffentlicht haben, wird unser Interesse an der deutschen Sprache und daher unser Verständnis für Deutschland und S.13 für die Mithilfe zum Schutz der Deutschen schwer beschädigt.
Und wenn man sich überhaupt nicht mehr versteht, was dann? Wer leidet dann am meisten?
Munster (USA) BRIAN MORFORD, JEFF WALCUTT, LUCY YU, JOHN ZAJAC, AMY STRACHAN, BRENDA KUSHNAK
Studenten der deutschen Sprache an The Munster High School
Als Amerikaner muß ich heftig dafür plädieren, daß Sie »die amerikanische Regierung« nicht mit »den Amerikanern« verwechseln. Da nur 27 Prozent unserer Wahlberechtigten Ronald Reagan gewählt haben, wäre es fast eine Beleidigung, wenn man meinen würde, dessen Ansichten wären auch diejenigen der amerikanischen Bevölkerung. Ursache ist überwiegend die Folge unseres bis zur Lächerlichkeit veralteten Wahlsystems.
Als ich neulich nach einem Austauschjahr aus Amerika zurückkehrte, haben mich viele Leute gefragt, was denn eigentlich mit den Deutschen los sei.
Daß so ein großes Interesse für die deutsche Szene bestand, hat mich überrascht, da uns Amerikanern normalerweise die Meinungen von Ausländern völlig egal sind.
Ich schloß daraus, daß die Unzufriedenheit in der Bundesrepublik über die neue Nachrüstung und die so lange aufgeschobenen Gespräche zwischen den USA und der Sowjet-Union einer wachsenden Unzufriedenheit in unserer eigenen Bevölkerung entspricht. Mit anderen Worten: Sie -- die Deutschen -- haben uns zum Nachdenken über uns selbst gezwungen.
Viele Amerikaner waren zum Beispiel erschrocken, aber viele waren auch erfreut S.14 und sogar ermutigt, als vor einigen Wochen unser Außenminister Alexander Haig in Berlin so lebhaft begrüßt wurde.
Meine deutschen Freunde waren es von Anfang an, doch allmählich werden wir Amerikaner auch mit der Reagan-Regierung zutiefst unzufrieden. Ich habe neulich an einer Demo in Washington am Tag der Solidarität teilgenommen; das Schöne daran war, daß kaum ein Chaot da zu sehen war. Die 400 000 Menschen, die da erschienen sind, waren praktisch alle Stützen unserer Gesellschaft. Die Studentenbewegung, nicht nur gegen Atomkraft, sondern auch gegen nukleare Waffen, wächst hier in Nachahmung des deutschen Widerstandes.
In Anbetracht dieser Hoffnung gebenden Tatsachen muß ich Sie Ihretwegen ebenso wie auch unseretwegen dringend ersuchen, nicht mit Ihrer Kritik aufzuhören.
New York (USA) STEPHEN BROCKMANN