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»Zuviel an Größe«, »Grund zum Fürchten«?

SPIEGEL-Report über Bertelsmann -- den größten Verlagskonzern der Welt Bunte Blätter und Video-Sex, billige Bücher und LPs - mit ihren Gemischtwaren stieg die Gütersloher Bertelsmann AG zum weltgrößten Verlagshaus auf. Doch während Konkurrent Axel Springer und seine Zeitungen zum Negativsymbol protestierender Studenten wie liberaler Bürger wurden, blieb der Riesenwuchs von Bertelsmann fast unbemerkt. Nun, bei fünf Milliarden Mark Umsatz, denkt Konzernschöpfer Mohn an seinen Rückzug.
• aus DER SPIEGEL 7/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Jahre 1824 gründete der Buchbinder Carl Bertelsmann eine Steindruckerei und machte, weil er einer pietistischen Erweckungsbewegung anhing, später auch einen Verlag für evangelische Gesangbücher und Missionsschriften auf ("60 Lieder für 30 Pfennig"). Stets war er »auf die christliche Gestaltung« seiner kleinen Welt bedacht, und deshalb weigerte er sich auch, sein Unternehmen zu vergrößern, um ja nicht »dem Gegenteil zu dienen«.

Der Ururenkel des Steindruckers führt den mächtigsten deutschen Medienmulti, expansiv wie kein anderes Branchenunternehmen in Europa oder Amerika. Reinhard Mohn, 59, Vorstandschef des Buch- und Zeitschriftenkonzerns Bertelsmann, kann »überhaupt nicht erkennen«, daß ihm auf dem Weltmarkt irgendwelche Grenzen gesetzt sind.

Ob Triviales von Heinz G. Konsalik (89 Romane, 47 Millionen Auflage; jährlich sieben Titel bei Bertelsmann-Verlagen und -Buchklubs) oder Politisches von Henry Kissinger ("Memoiren« zu 56 Mark) -- Bertelsmann verkauft alles, was sich verkaufen läßt, Bücher wie Platten, Illustrierte wie »Stern« in Deutschland und Journale wie »Dunia« in Spanien, Video-Sex von der konzerneigenen Ufa ("Bohr weiter, Kumpel!") und Bildungsreisen ins »alte Rußland«.

Krimis von Goldmann sind in Wahrheit Krimis von Bertelsmann. Bantam Books, einer der größten Taschenbuchverlage in den USA (Marktanteil: 22 Prozent), gehört seit 1980 den Medienspezialisten von Gütersloh.

Die Stars der New Yorker Schallplattenfirma Arista Records, wie »Alan Parsons Project«, singen für den deutschen Eigentümer Bertelsmann. Der brasilianische Buchklub »Circulo do Livro« -- Bertelsmann. Die »Offset Paperback Manufactures« im pennsylvanischen Dallas -- Bertelsmann. Die italienische Papierfabrik Cartiere del Garda -- Bertelsmann.

Grenzenlos ist das Firmenimperium schon heute, das der Gütersloher Medienzar da erbaut, Stück für Stück zusammengekauft hat. In seinem Reich geht die Sonne nicht unter: Mehr als die Hälfte aller in Kolumbien verkauften Bücher stammt von Bertelsmann, und jeder vierte westdeutsche Haushalt ist sein Dauerkunde.

Hand in Hand mit der westfälischen Mutter aus Gütersloh ist auch Bertelsmanns wichtigste Beteiligungsgesellschaft, der Hamburger Großverlag Gruner + Jahr ("Stern«, »Brigitte«, »Schöner Wohnen"), auf dem Vormarsch in die weite Welt. Angeführt vom Mohn-Intimus Manfred Fischer, 47, verbreitet das Unternehmen seine Erziehungszeitschrift »Eltern«, in neun Auslandsausgaben, von Italien bis zur Türkei.

Eine französische Version des auch in der Bundesrepublik reüssierenden Erdkundemagazins »Geo« brachte es innerhalb eines Jahres auf 250 000 Auflage. In den USA, wo der Start von »Geo« schwieriger war, arrondierte Gruner + Jahr (G + J) seinen Besitz durch den Zukauf der Druckerei Brown Printing (1500 Mitarbeiter in drei Betrieben).

Was auf dem Drucksektor zu lernen war, lernten die US-Drucker in der gerade modernisierten G + J-Druckerei im holsteinischen Itzehoe. Denn in der Drucktechnik, sagt Reinhard Mohn, »verfügen wir teilweise über besseres Know-how« als die Amerikaner, weil die »Entwicklungsgeschwindigkeit in den USA viel langsamer ist als in Europa und Japan«. S.73

Alles in allem war Bertelsmann in der Kommunikationsbranche bislang Dritter in der Welt. Nur zwei amerikanische Medienkonzerne, mit eigenen Radio- und Fernsehstationen, konnten sich vor dem Gütersloher Giganten behaupten.

Branchengrößter ist die New Yorker Musik- und Fernsehfabrik Columbia Broadcasting System (CBS), Betreiberin eines der drei in den USA landesweit sendenden TV-Networks, mit 5,5 Milliarden Mark Umsatz im vorletzten Jahr. Dahinter rangierte damals der Mischkonzern RCA, zu dessen Medienbetrieben (gut vier Milliarden Mark Umsatz) das US-Network NBC gehört.

Bertelsmann, damals mit knapp vier Milliarden Mark noch leicht im Rückstand, dürfte mittlerweile Zweiter sein. Denn der westfälische Konzern überschritt soeben, zum Jahreswechsel 1980/81, mit seinem weltweiten Umsatz planmäßig die Grenze von fünf Milliarden Mark. Bleibt es hüben und drüben bei dieser Geschäftsentwicklung, wird der TV-lose deutsche Medienmulti in den nächsten Jahren auch noch den führenden amerikanischen TV-Riesen überholen und die Weltspitze vor allen anderen Medienunternehmen erobern.

»Bertelsmann in stürmischer Expansion« -- das ist eine Art Standardzeile in der westdeutschen Wirtschaftspresse. Als die ständigen jährlichen Wachstumsraten um die zwanzig Prozent vorletztes Jahr mal von einer immer noch bemerkenswerten 14,9-Prozent-Marge unterbrochen wurden, deutete das Inhaber Mohn schon als Expansionsverzicht. Die »Welt« mokierte sich: »Bei zweistelligem Plus spricht man von Konsolidierung.«

Kompliziert verflochtene Betriebe in Europa und Amerika wachsen und gedeihen schon zu gemeinsamem Nutzen, investieren zentral gelenkt, zählen alle zu Mohns Besitz. Westdeutsche Verlagskonzerne hat der Marktführer weit hinter sich gelassen.

Längst ist Bertelsmann mehr als doppelt so groß wie die nächstfolgende Verlagsgruppe, der Springer-Konzern. Doch während Springer und Springer-Blätter immer wieder zur Zielscheibe politischer Angriffe werden, das Schlagzeilenblatt »Bild« selber immer wieder Schlagzeilen macht, wächst und wuchert Bertelsmann still und leise vor sich hin.

Sachlich bis wohlwollend registrierten die Blätter den Zuwachs beim heimlichen Medienmogul. »Bertelsmann streckt sich«, überschrieb die liberale »Stuttgarter Zeitung« vor einem Dutzend Jahren die »optimistische Bilanz eines vielseitigen Konzerns«, dessen Mitarbeiterzahl damals gerade die Grenze von 10 000 (heute rund 30 000) überschritten hatte. Auch das Fernsehen konnte nur einen »stillen Menschen von Gütersloh« erkennen.

Und so weiter. Stieg Bertelsmann bei einem Fachverlag für Verkehrs- und Fahrschulwesen ein, rief der Branchendienst »Text intern« ein Bravo hinterher: »Kauf geklappt.« Ging einer der führenden Wissenschaftsverlage an den Giganten über, gratulierte das »Handelsblatt« S.75 zum »Schutz unter einem Konzerndach«. Je zügiger das Geschäft vorankam, um so beeindruckter waren die Kommentare -- etwa in der »Süddeutschen Zeitung": »Bertelsmann strahlt eine große Ertragskraft aus.«

Nur einmal gab''s einige Aufregung: als sich der seinerzeitige Branchenzweite Anfang 1970 anschickte, mit dem Kauf eines Drittelanteils den damals noch Ersten, Springer, zu schlucken. »Es ist zuviel an Größe«, stöhnte die »Frankfurter Allgemeine«, und für den »Kress Report« war''s ein »Grund zum Fürchten«.

Doch die Transaktion scheiterte, Springer erwarb sein Drittel bald darauf zurück. Und seither bestaunen die Berichterstatter wieder die »stolzen Gewinnzuwächse« ("Frankfurter Rundschau") des Konzerns, der unterdessen noch viel größer wurde, als er seinerzeit durch die Hochzeit mit Springer vorübergehend geworden war.

Ganz anders bei dem längst überholten Mohn-Kollegen. Auf den hatten es zur Apo-Zeit schon die protestierenden Studenten abgesehen: »Haut dem Springer auf die Finger.« In Berlin, Hamburg, Frankfurt verhinderten Demonstranten die Auslieferung von Springer-Zeitungen, warfen Springer-Lieferwagen um und steckten sie in Brand.

Kein Jahr verging seither ohne Aufsehen um den Berliner Presseherren, der sich bald als »der meistangegriffene Mann der Bundesrepublik« fühlte. Eine Bonner Pressekommission verlangte, wenn auch vergeblich, eine gegen Springer gerichtete Anteilsbegrenzung am Pressemarkt. Derweil kursierte die Parole: »Enteignet Springer«, und 1972 ließen Terroristen im Hamburger Springer-Haus Bomben hochgehen.

Journalistisch ist das Haus Springer angeschlagen, seit der Enthüllungsautor Günter Wallraff sich bei »Bild« in Hannover einschlich und die fragwürdige Art des Zeitungsmachens in einem Bestseller ("Der Aufmacher") schilderte. Derzeit haben über 350 westdeutsche Autoren und Künstler geschworen: »Wir schreiben nicht für Springer-Zeitungen.«

Zugezogen hatte Springer sich das alles mit einer rechtsorientierten, teils gewollt illiberalen Haltung, die Mitarbeiter schon wieder an Methoden der »Gleichschaltung« erinnerte und später solche wie den damaligen »Welt«-Chefredakteur Herbert Kremp auf den Weg eines engstirnigen »Kampfblatt«-Journalismus (Springer: »Wir, die andere Stimme") gegen Bonner Sozialliberale zwang.

Der Verleger hat sich denn auch strikt gegen ein pluralistisches Konzept in Großverlagen abgegrenzt, wie er es Mohn zur Begründung seines Rücktritts von der Springer-Bertelsmann-Partnerschaft vorwarf: »Ich bin nicht der Meinung, daß ein Verlag eine Art Warenhaus sein darf, in dem alles zu haben sein kann ... vom Propagandajournal der Linken bis zur konservativen Zeitung.«

Mohn hingegen postuliert: »Ein Großverlag ist nur unter der Prämisse der garantierten Meinungsvielfalt im eigenen Haus legitimierbar, weil ihm sonst zu Recht der Vorwurf der Meinungsmanipulation gemacht werden kann.«

Gleichschaltung hier, Medienopportunismus dort -- die gegenseitigen Vorhaltungen spiegeln zwei grundverschiedene Auffassungen von Pressefreiheit und Verlagspolitik wider, wie sie bereits aus dem 19. Jahrhundert geläufig sind: das Prinzip der Tendenzzeitung und das der Geschäftspresse.

Wurde der Buchdruck schon bald nach seiner Erfindung zum Erwerbsgeschäft, einem der ersten kapitalistischen Unternehmenszweige überhaupt, und brachte die Massenpresse dann endgültig die Wandlung der Branche zu industrieller Größenordnung mit sich, so rivalisieren doch bis heute die Figuren des politischen Verlegers und des Kaufmanns an der Verlagsspitze miteinander.

Daß der eine womöglich noch erfolgreicher sein kann als der andere -am Beispiel der beiden Branchenführer wird das deutlich. Springer läßt sich seine politischen Ambitionen bei der »Welt« Verluste von schätzungsweise 30 Millionen Mark jährlich kosten, Mohn paßt sich ohne Rücksicht auf irgendeine Linie jeder Markt- und Lesernachfrage an: Er setzt Volksnahes von Luis Trenker ebenso ab wie Anspruchsvolles von Walter Kempowski (im Bertelsmann-Partnerverlag Albrecht Knaus), Systemkritisches von Franz Josef Degenhardt wie Erzkonservatives von Helmut Schelsky ("Die Arbeit tun die anderen").

Der Gütersloher Macher verkauft Bücher in parlamentarisch regierten Ländern ebensogern wie in der Militärdiktatur Argentinien; im rassistischen Südafrika wie im präsidialgelenkten Indonesien kassiert er für »Eltern«-Lizenzen.

Mohns patentes Rezept, »aus jeder Situation das Mögliche zu machen«, macht auch Widersprüchliches möglich -- etwa, daß Bertelsmann einerseits für S.77 Saudi-Arabien fünf Millionen Broschüren und Buchausgaben des Koran druckte, andererseits mit dem Keter Publishing House in Jerusalem einen israelischen Buchklub gründete.

Selbst Revolutionen konnten dem rührigen Riesen bisher nichts anhaben. Zwar wurde Mohns »Circulo de Leitores« in Portugal von Umstürzlern besetzt und Bertelsmann vorübergehend enteignet. Doch als der Laden binnen Wochen fast ruiniert war, durften die Gütersloher ihn noch in den Revolutionstagen wieder übernehmen; sie sanierten ihn mit einer Million.

Bei einem Vortrag in New York pries Unternehmer Mohn, der in den USA auch künftig noch »außerordentliche Möglichkeiten« für Bertelsmann sieht, den »großen Erfolg der multinational operierenden Unternehmen«.

Er befürwortete aber auch »absolut die Politik der SPD zur Annäherung an den Osten, gegen unrealistische Extrempositionen in der CDU/CSU«. »Nach Kräften« fördert er »eine Kooperation mit der UdSSR«.

Durchaus eigennützig: Der Konzern erwarb literarische Rechte aus Moskau und erlangte bei der Auswertung klassischer Schallplatten-Aufnahmen aus dem Osten »eine Art Monopolstellung mit sowjetischer Hilfe«, wie das SPD-Organ »Vorwärts« anzüglich vermerkte.

Der Drang nach draußen ist noch stärker geworden, seit die Ausdehnung im Inland den westfälischen Medienerwerbern zunehmend Schwierigkeiten bereitete. Jahr für Jahr hatte Bertelsmann aufgekauft -- mal ein paar kleine betriebswirtschaftliche, medizinische, politische Monatsblätter, mal einen Fachverlag für Fernmelde- und Elektrotechnik.

Dann aber verschlang der Gigant gleich drei Viertel der Gruner + Jahr AG mit deren großen Publikumsblättern und der zweitgrößten westdeutschen Tiefdruckerei (in Itzehoe), oder er verleibte sich zwei Druckhäuser auf einmal, in Stuttgart und Nürnberg, mit insgesamt 1650 Mitarbeitern ein.

Schnell und sicher bauten die Mohn-Männer ihren Konzern auf den meisten kartellrechtlich »relevanten Teilmärkten« im Mediengeschäft zur Vormacht aus. Dann aber mußten sie ihren Appetit zügeln, von Amts wegen.

Das Berliner Bundeskartellamt winkte mehrfach mit Sanktionen und verbot den Westfalen kurzerhand den geplanten Aufkauf des Deutschen Verkehrs-Verlags, eines florierenden Fachblattunternehmens in Hamburg. Auch die Beteiligung am Kölner Grossohaus Saarbach, Deutschlands größtem Presseimporteur, wurde untersagt.

Anfang dieses Jahres schließlich blockierten die Wettbewerbshüter eine für später vorgesehene Beteiligung an der Hamburger »Zeit«. Deren kinderloser Verleger Gerd Bucerius, 74, wollte rechtzeitig seine Nachfolge regeln und sah im »Stern«-Verlag Gruner + Jahr, den er einst selbst mitgegründet hatte, sozusagen den geborenen Erben. Doch Mehrheitseigner von G + J ist heute Mohn -- dem Kartellamt war''s zu viel Marktmacht.

»Verschlimmernd« sei bei der Abwägung hinzugekommen, daß Mohns Hamburger Beteiligungsgesellschaft einen 24,9-Prozent-Anteil am SPIEGEL-Verlag halte. Das Kartellamt irrt. Der G + J-Anteil am SPIEGEL-Verlag beträgt 24,75 Prozent.

Das Kartellamt irrt aber auch mit seiner Behauptung, die Marktposition des SPIEGEL würde durch den Zusammenschluß verstärkt, weil aufgrund der mittelbaren Verflechtung über G + J das Interesse der »Zeit« an der Konkurrenz gegen den SPIEGEL nachlassen würde.

Richtig ist, daß Gruner + Jahr in zehn Jahren, spätestens aber beim Tod von »Zeit«-Verleger Bucerius die wirtschaftliche Verantwortung als »Zeit«-Komplementär übernehmen soll. Doch die Nutzung der Titelrechte und die uneingeschränkte Bestandssicherung für die »Zeit« ist und bleibt Sache der unabhängigen »Zeit«-Stiftung, der Bucerius für den Fall seines Todes die Hälfte seines Vermögens, beim Tod seiner Frau auch den Rest testamentarisch vermacht hat.

Durch die G + J-Beteiligung werde sich, so der »Zeit«-Verleger, »an der Wettbewerbssituation gegenüber heute nichts ändern«. Bucerius will die Kartellamtsentscheidung daher anfechten.

Um Gefahr abzuwenden, hatte Bertelsmann-Eigner Mohn schon vor gut zwei Jahren seinen gesamten Vorstand zum Spitzengespräch in die Berliner Kartellbehörde verfrachtet -- und erhielt prompt die Warnung mit auf den Heimweg, künftig von fremden Zeitschriften, Tiefdruckereien, Buchgemeinschaften die Finger zu lassen. Mohn: »Man gestattet uns in Deutschland nichts mehr.«

Diese Einsicht markierte die Wende zum noch Besseren. Denn was mancher in der Branche schon als das Ende der Expansion für den »gefesselten Riesen« ("Buchreport") ausmachte, bildete den Auftakt für stürmischen Aufschwung -- außerhalb kleindeutscher Kartellgrenzen. Mohns neue Parole: »Unsere größte Chance liegt im Ausland.«

Wie er diese Chance wahrnimmt, gehört zum Verblüffenden des Bertelsmann-Erfolges. Der Konzern reüssiert S.80 nicht nur mit enormer Finanzkraft und vorzüglichem Know-how etwa in der Drucktechnik, sondern auch mit dem altbackenen, mittlerweile international erprobten Händlermodell des Buchklubs -- Schlüssel zum Bertelsmann-Phänomen.

Die Wiederauflage erfolgreicher Buchtitel in ein- bis zweijährigem Nachklapp zur Erstausgabe, zu erheblich reduziertem Preis gegen befristete Abnahmeverpflichtung der Käufer in einer Buchgemeinschaft -- diesem Rezept verschrieb sich Reinhard Mohn, der bei Kriegsende das eher bescheidene elterliche Erbe übernahm, frühzeitig und vor allem gründlich.

Er begriff: Das bedeutete ein sicheres Geschäft mit Büchern, die den Markttest bereits bestanden hatten, bei geringen Lizenzgebühren und Millionenumsätzen in einem festen Kundenkreis -- wenn der nur rekrutiert würde.

Mohns schärfster Rivale, Georg von Holtzbrinck, der als Student einst selbst mit Büchern hausieren gegangen war, hatte bereits zwei Jahre früher mit dem Kundenfang für seinen Deutschen Bücherbund begonnen. Auch er brachte es seitdem auf Millionen Buch- und Phonokunden. Doch als Neuling Mohn ins Geschäft einstieg, betrieb er es noch rigoroser.

Bald darauf schwärmten Tausende von Vertretern, sogenannte Drücker aus der derben Zunft des Reisebuchhandels, mit Hunderten von Werbewagen über die gerade gegründete Bundesrepublik aus und redeten, rempelten, tricksten Hunderttausende Bundesbürger in den neuen Lesering. S.81

Der Rufschaden infolge rüder oder gar krimineller Werbemethoden war für Bertelsmann auf Jahre hinaus beträchtlich, doch größer der Erfolg. Heute zählen weltweit zwölf Millionen Abonnenten, sogenannte Mitglieder, zu Bertelsmanns Buchgemeinschaften und Phonoklubs, davon fünf Millionen in Deutschland.

Ableger nach dem Vorbild des Gütersloher Leserings residieren in Wien ("Buchgemeinschaft Donauland") und Malmö ("Musik för Alla"), Mailand ("Euroclub Italia") wie Utrecht ("Europaclub Internationaal E.C.I."). Einen spanischsprachigen »Circulo de Lectores« gibt es jeweils in Barcelona und Sao Paulo, Buenos Aires, Quito, Bogota, Mexico City, Montevideo und Caracas.

Schon entstehen Filialen der Filialen. So verzweigte sich »France Loisirs« nach Belgien, in die Schweiz und, für Frankokanadier, jüngst nach Quebec. In den USA kommt, kalkuliert Mohn, seinem im Frühjahr -- mit dem ersten Katalog für den Testmarkt Chicago -startenden Buchklub zugute, daß es auch dort bislang keine vergleichbare Verkaufsorganisation für Billigbücher gibt.

Die alteingesessene Vertriebsfirma »World Book-Childcraft« in Chicago, deren Verkäufer gedruckte Lebenshilfe und Berufsliteratur an den Haustüren losschlagen, haben sich die Bertelsmänner zum Minderheitspartner (49 Prozent) für die gemeinsame, bislang namenlose Buchklubtochter erkoren.

Die weltweite Bertelsmann-Expansion ist aus dieser »Königsidee«, wie Mohns Mitarbeiter den Lesering-Start im Jahre 1950 rühmen, hervorgegangen. In den ersten fünf Jahren nach Beginn verdoppelte sich der Umsatz jedesmal, und Mohn mußte öfters seinen Urlaub abbrechen, um »im dunklen Anzug zur Bank zu gehen«.

Das Wachstum wurde so hemmungslos durch Wechsel finanziert, daß, wie der Inhaber zugibt, »heute jede Bank sagen würde, das ist vollständig unseriös«. Doch die Engpässe konnten den »gescheiterten Ingenieur« (Mohn über Mohn), der seine Kalkulationen vorzugsweise mit dem Rechenschieber besorgte, nicht beirren: »Das läuft.«

Auf dem festen Absatzfundament seiner Buchklubs konnte Konzernbauer Reinhard Mohn seine anderen Unternehmenssäulen hochziehen:

* Der Unternehmensbereich Druck- und Industriebetriebe wuchs zum größten graphischen Betriebsverbund Europas, produziert Zeitschriften, Werbedrucksachen wie den »Quelle«-Katalog, Schallplatten und bespielte Kassetten, Papier und weltweit jährlich rund 100 Millionen Bücher. Gesamt-Jahresumsatz (jeweils im Geschäftsjahr 1978/79): eine Milliarde Mark.

* Zum Unternehmensbereich Verlage zählen die Buchverlage C. Bertelsmann und Blanvalet sowie der neue Literaturverlag Steinhausen, ferner wissenschaftliche, kartographische und Sachbuchverlage mit einem Gesamtrepertoire von 5000 verfügbaren Titeln sowie Auslandsfilialen von Bantam bis zum Schweizer »Krimi Verlag« in Zug. Gesamt-Jahresumsatz: 465 Millionen Mark.

* Bei Gruner + Jahr erwarb Mohn 1972 einen Großteil seines heutigen 74,9-Prozent-Anteils von »Zeit«-Verleger Bucerius, der dafür 10,74 Prozent an der Bertelsmann AG erhielt. Unter Betriebswirt Dr. rer. pol. Manfred Fischer, zuvor fünfzehn Jahre in Gütersloh, wurden bei G + J zusätzlich zu »Brigitte«, »Capital«, »Eltern«, »Essen & Trinken«, »Schöner Wohnen« und dem »Stern« die Verkaufserfolge »Geo«, »P.M.«, »Art« und »Yps« sowie das gerade gestartete Wirtschaftsblatt »Impulse« neu entwickelt. Gesamt-Jahresumsatz: 1,14 Milliarden Mark.

* Der Unternehmensbereich Musik, Film, Fernsehen gruppiert sich um die Musikfirma Ariola Eurodisc in München, die Mohn 1958 eröffnete, weil die Schallplattenindustrie seinen neugegründeten »Schallplattenring« boykottierte; mittlerweile gehören weitere Schallplattenfirmen im In- und Ausland, Musikverlage, Film- und Fernsehproduktionen S.82 (Ufa) dazu. Gesamt-Jahresumsatz: 372 Millionen Mark.

Heute wirtschaftet Mohn in etwa 180 Firmen, verdient fast jede zweite Umsatzmark im Ausland und sieht noch immer »weite Horizonte«. Die Expansion geht meist lautlos vonstatten. Mohn läßt, bevor er selbst seine Einkäufe perfekt macht, die Verhandlungen von seinen Vorständen und Geschäftsführern bis zur Unterschriftsreife führen: »Ich bin für Systematik und gegen Überraschungen.«

Wie hinter seine Mitarbeiter zieht sich Mohn denn auch hinter sein Werk, »die Gemeinschaftsleistung«, zurück: »Es wäre ein völlig falscher Akzent, zu sagen, Mohn hat das gemacht«, denn: »Die Tausende im Unternehmen machen''s doch, daß Bertelsmann wächst.« Unprätentiös, als einer von ihnen, reiht er sich mittags in der Betriebskantine mit einem Selbstbedienungstablett am Tresen ein, um inmitten seiner Leute westfälische Hausmannskost zu essen.

Nicht nur schöner Schein. Um nicht durch pure Meistbegünstigung des Kapitalhalters Sozialneid zu provozieren, gewährt Mohn seinen Mitarbeitern seit 1970 ein Gewinnbeteiligungsprogramm, das ihnen die Hälfte vom Bertelsmann-Gewinn sichert -- nach Abzug eines Kapitalzinses von zwölf bis fünfzehn Prozent für Mohn und seinen Minderheitspartner Bucerius. Beide rufen jedoch nur die für Steuern benötigten Beträge ab und reinvestieren den Rest.

Auch die Arbeitnehmer erhalten ihren jährlichen Gewinnanteil nicht bar auf die Hand, sondern kassieren bis zur Auszahlung nach 25 Jahren die Zinsen aus dem von einer eigenen Verwaltungsgesellschaft angelegten Vermögen (oder verkaufen ihre Bezugsberechtigungen schon früher an einer hauseigenen Börse). Die Teilnahme an der Gewinnausschüttung ist freiwillig (93 Prozent der Belegschaft nutzen sie), jeder Mitarbeiter muß dafür 25 Prozent des auf ihn entfallenden Gewinnanteils entrichten, die er allerdings aus den anfallenden Beträgen finanzieren kann.

Im ganzen sind Bertelsmanns Sozialleistungen fast noch einmal so hoch wie die gezahlten Löhne und Gehälter -- ein sozialer Doppeleffekt, der dem Kalkül eines aufgeklärten Kapitalisten entstammt: Mohn läßt sich »Gerechtigkeit, Fairneß, Menschlichkeit« im Betrieb nicht um moralischer Werte willen was kosten, jedenfalls nicht nur, sondern er setzt sie als Produktionsfaktoren ein.

Denn bei gehobener Arbeitslaune --Bertelsmann-Deutsch: »Eine größere Identifikation des Mitarbeiters mit seiner Aufgabe und dem Unternehmen« -- geht es »durch viel weniger Konflikte und viel mehr Gestaltungsmöglichkeiten für den einzelnen viel produktiver« zu, sagt zufrieden der Chef. Im übrigen reduziert er durch die Beteiligung der Belegschaft seinen eigenen steuerpflichtigen Gewinn und verfügt dennoch über eine ständige Kapitalreserve.

Das Zutrauen seiner Leute in die Effizienz des Ladens zeigte sich, als Bertelsmann Ende 1979 auf Vorschlag des Betriebsrats zusätzlich Genußrechte, eine Art stimmrechtslose Vorzugsaktie, zu 15 Prozent Jahreszins anbot. Sage und schreibe rund 95 Millionen Mark wurden von den Mitarbeitern gezeichnet, weit mehr, als die Firmenleitung veranschlagt hatte.

Das Unternehmen hätte sich für diese Erhöhung des Eigenkapitals am Finanzmarkt günstiger bedienen können. Aber durch die Zeichnung im Haus, so Vorstandsmitglied Hermann Hoffmann, werde abermals »das Interesse der Mitarbeiter am Unternehmen« verstärkt. Auch die bisher ausgeworfenen Gewinnanteile sollen demnächst in Genußrechte umgewandelt werden.

Auf diesem Prinzip, die Belegschaft für Lohn und Mohn zu motivieren, beruht auch Bertelsmanns Unternehmensverfassung, die sich selbst als »liberal und fortschrittlich« preist. »Wir treten für eine freiheitliche, demokratische und soziale Ordnung in der Gesellschaft ein«, heißt es in der gerade von Arbeitskreisen der Belegschaft überarbeiteten neuen Fassung, für eine »marktwirtschaftliche Ordnung« aber auch, »die auf den Prinzipien Wettbewerb, Leistung und breitgestreutem privaten Eigentum aufbaut«.

Im Reiche Mohns hat sich das gottgefällige Gewerbe der Ahnen zur rationalen, perfekt organisierten Wahrnehmung jeglicher Marktchancen umgekehrt. Theologie kommt nur noch in jenem von Mohns jüngerem Bruder Gerd geleiteten »Gütersloher Verlagshaus« S.83 vor, einer geschäftlich bedeutungslosen Dependance, die für Kirchenbücher wie »Gottesdienstpraxis« und »Evangelische Spiritualität« zuständig ist sowie für Theologie-Taschenbücher, unter denen Max Webers »Protestantische Ethik« das sicherlich unfrommste ist.

Der berühmte Soziologe las aus puritanischen Schriften des 19. Jahrhunderts als das »wirklich Verwerfliche« nicht weltlichen Besitz an sich heraus, sondern die Verführung zum »Genuß des Reichtums«. Der Fleißige aber müsse, richtig bedacht, geradezu Gottes Wink folgen, wenn der ihm »eine Gewinnchance zeigt« -- eine Konfession, wie für Reinhard Mohn gemacht.

Was von »Mohn''s grand design« zu halten sei, das der »king of Gütersloh« laut New Yorks »Business Week« in wenigen Jahren realisiert hat, welcher wirtschaftliche, gesellschaftliche, politische Stellenwert diesem kapitalistischen Druck-, Musik- und Lesewarenkoloß zukomme, darüber sind sich konservative und linke Kritiker meist einig, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Für die Hüter von Marktwirtschaft und Wettbewerb zählt die Bertelsmann AG ganz von selbst zu jenen »Mammutgebilden«, in denen etwa die »Frankfurter Allgemeine« eine Gefahr für »unsere freiheitliche Wirtschaftsordnung« sieht, die Gefahr, daß vor lauter Fusionen und Kartellen »alles in Scherben fällt«. Und für Systemkritiker der anderen Couleur ist sowieso alles »Mohnopoly«, so das Linksblatt »Konkret«, was beim »größten Medien-Monopolisten der Bundesrepublik« gespielt wird.

Schon das Godesberger Programm der Sozialdemokraten, das vor gut zwanzig Jahren die »durch Kartelle und Verbände noch gesteigerte Macht« der Großunternehmen hart kritisierte, forderte nicht kurzerhand die Entflechtung, sondern »eine gesunde Ordnung der wirtschaftlichen Machtverhältnisse«.

Daß dazu Reformen »von innen heraus«, etwa das »Prinzip einer dezentralen Entscheidungsstruktur«, auch innerhalb der Konzerne beitragen können, erläutert SPD-MdB Uwe Jens, zuvor wirtschaftspolitischer Referent beim SPD-Parteivorstand, in einer jüngst erschienenen Untersuchung wirtschaftlicher Machtverhältnisse in der Bundesrepublik.

( Uwe Jens: »Alternativen zur Macht -- ) ( Wege zu einer neuen ) ( Wirtschaftsordnung«. Econ Verlag, ) ( Düsseldorf; 240 Seiten; 28 Mark. )

Der paritätischen Mitbestimmung beispielsweise traut der Obmann des wirtschaftspolitischen SPD-Fraktionsausschusses zwar viel für die Wahrnehmung von Arbeitnehmerinteressen im Betrieb zu, aber wenig für die Differenzierung der Marktmächte.

Jens: »Die Aufrechterhaltung einer dezentralen Entscheidungsstruktur, der Machtteilung und der Schaffung von S.84 Gegenmacht bleibt deshalb auch bei wirksamer Mitbestimmung der Arbeitnehmer die dringendste Forderung für die zukünftige Politik.«

Dieses Konzept könnte mit dem Bertelsmann-Chef verabredet sein. Denn viel vehementer noch als der Sozialdemokrat wettert Unternehmer Mohn über den »grotesken Mangel an Entscheidungsfreiheit in den Großunternehmen, wie sie heute sind«. Mohn: »Eine Gefahr für unsere Gesellschaft.«

Er selbst ist da fein raus. Denn er hat mit einem ausgetüftelten System dezentraler Entscheidungsfreiheit für seine Vorstandsmitglieder, Geschäftsführer und Betriebsleiter seine potentielle Eigenmacht im Unternehmen breit verteilt. Die »Delegation von Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortung« (Mohn) ermöglicht es ihm, seinen Medienmulti in geradezu lockerer Manier zu lenken.

Die Machtverteilung macht bei den »Alleinverantwortlichen« aller Arbeitsbereiche nicht halt. Die »Führung folgt über alle Ebenen« dem Delegationsprinzip: »Aufgaben, Befugnisse und Verantwortung«, so sehen es die »Leitsätze für die Führung« vor, »sind soweit wie möglich auf die Mitarbeiter zu übertragen.« Unfähige Chefs dürfen erst gar keinen Schaden anrichten, ihre Ablösung »darf nicht aus persönlicher Rücksichtnahme unterlassen werden«, verfügt der Führungskatalog bündig.

Freier Spielraum und Leistungsansporn zusammen, meint Mohn, hätten enorme Kräfte freigesetzt. Und sie hätten, wie er dem an dieser Frage besonders interessierten Bundeskanzler Helmut Schmidt bei dessen Betriebsbesuch vor Jahresfrist erläutert hat, »die Kontinuität des Unternehmens gesichert«.

Bisweilen geht die Expansion allerdings auch auf die Knochen der Mitarbeiter. »Höchste Anforderungen an den Arbeitseinsatz, eine äußerst zurückhaltende Personalpolitik und große Expansionsschritte«, klagte Betriebsratsvorsitzender Martin Wolf vorletztes Jahr, »sind oft Ursache für sehr viel Streß bis zum letzten Mann. Wir beobachten dies mit großer Sorge.«

Naht- und problemlos konnte das auf Eigeninitiative gedrillte Management vor Jahren das abrupte Ausscheiden des Generalbevollmächtigten Manfred Köhnlechner verkraften, der sich zum Naturheilpraktiker wandelte und heute dem Verleger Axel Springer als eine Art privater Medizinmann dient. Der nächste Wechsel könnte im Sommer dieses Jahres bevorstehen, wenn Reinhard Mohn, am 29. Juni, sechzig wird.

Hält er sich an seine Devise, bei Bertelsmanns Topleuten sei das Ausscheiden beim Erreichen des 60. Lebensjahres »üblich«, und Mohn-Äußerungen sprechen für diese Absicht, dann steht die Berufung eines neuen Vorstandsvorsitzenden anstelle des Konzernschöpfers kurz bevor.

Sitzungen der Aufsichtsräte von Bertelsmann und Gruner + Jahr am Mittwoch dieser Woche bieten dem Chef die Möglichkeit, seinen Wechsel an die Spitze des Bertelsmann-Aufsichtsrats vorzubereiten. Der jetzige Vorsitzer, Bucerius, hat bereits im Herbst letzten Jahres wie nebenbei und buchstäblich in Klammern gesprochen: »Ich bin (bis Mitte nächsten Jahres) Vorsitzender des Aufsichtsrates der Bertelsmann AG.«

Seinem Ältesten, Johannes, 31, heute Manager bei einem westdeutschen S.85 Elektrokonzern, hat der Vater schon vor Jahren nominell 72,2 Prozent der Unternehmensanteile übertragen. Doch für die Spitzenposition im eigenen Haus hält sich Mohn junior selbst noch nicht für reif: »Fragen Sie meinen Vater.« Eine testamentarische Offenhalteklausel ermöglicht die spätere Familiennachfolge. Eine »Testamentsvollstreckungs GmbH« hat nach Mohns Tod darüber zu entscheiden, ob der Mohn-Sohn nach mindestens »fünf Jahren Führungserfahrung« (Mohn) in den AG-Vorstand berufen werden soll.

Somit ist ausgemacht, daß erst einmal ein Manager den vorsitzenden Inhaber ablöst. Ausersehen für die Mohn-Nachfolge ist, nach einhelliger Meinung im Konzern, Vorstandschef Fischer von Gruner + Jahr.

Der früher leicht verbissen wirkende Sauerländer, dessen »Persönlichkeitsstruktur in Hamburg anfangs nicht so geschätzt wurde« (Mohn), gewann an der Spitze des unruhigen Verlagshauses eine ganz andere St atur als zuvor in Mohns Zentrale, wo er bis 1973 für die Konzernverwaltung und die Musikabteilung zuständig war. Fällt ihm das Gütersloher Cheferbe zu, muß er, wie sich absehen läßt, mit zwei situationsbedingten Schwierigkeiten fertig werden.

Zum einen sind die Ölkrise und die ungewisse Wirtschaftslage auch an den Bertelsmann-Kunden nicht spurlos vorübergegangen, die an Büchern ebenso wie am Benzin sparen. Muß Fischer, anstelle des Patriarchen Mohn, den Zuwachs an Sozialleistungen spürbar dämpfen, gerät er womöglich gleich zum Start in den Ruf eines knickerigen Kapitalverwalters, was wiederum auf die Arbeitsmoral im Konzern drücken könnte.

Zum anderen muß er beweisen, daß die dezentrale Betriebsstruktur, die »Freiräume für die Mitarbeiter und damit Liberalität und Pluralität schafft«, wie Fischer selbst sagt, nicht nur unter der Regie eines großmütigen Eigentümers gedeihen kann.

Gewisse Differenzen zwischen Mohn und Fischer könnten auf Unterschiede in der künftigen gegenüber der heutigen Konzernkonzeption hindeuten. Befürwortete nämlich der eine, Mohn, stets die Konkurrenz der -- in sogenannten »Profitcenters« organisierten -- Konzernbetriebe auch gegeneinander, teilweise um dieselben Fremdaufträge, sprach sich der andere, Fischer, für mehr zentrale Koordination und die Vermeidung gegenseitigen Unterbietens aus.

Damit steht und fällt aber im Grunde das Bertelsmann-Selbstverständnis »als Verlagshaus der Alternativen, das unterschiedliche Meinungen veröffentlicht und für publizistische Freiheit und Vielfalt eintritt« (Unternehmensverfassung).

So kommt es, daß beim Münchner Gruenwald-Verlag (Bertelsmann-Anteil: 51 Prozent) Bekenntnisse von Franz Josef Strauß, »Gebote der Freiheit«, herauskamen, während der C. Bertelsmann Verlag Anti-Strauß-Enthüllungen in »Wie wir wurden, was wir sind« von Bernt Engelmann veröffentlichte, den wiederum Strauß eine prokommunistische »Ratte und Schmeißfliege« nennt.

Was freilich von Carl Bertelsmanns Erbe in Reinhard Mohns heutigem Imperium überkommen ist, der C. Bertelsmann Verlag, 1976 aus dem Gütersloher Winkel ins weltstädtische München übergesiedelt, hat mit dem einstigen »Muster an christlicher Einfalt«, dem Lebensziel des Gründers, nichts mehr zu tun. Es ist auf Massenumsätze getrimmt und hat, wie die »FAZ« einmal milde anmerkte, »in literarischen Kreisen keinen sonderlichen Ruf«.

Daß Kommerz im Zweifelsfalle vorgeht, bewies Bertelsmanns Literatur-Geschäftsführer Olaf Paeschke, als ihm 1978 die linke »Autoren Edition« unbequem wurde. Einen juristisch-literarischen Konflikt um Peter O. Chotjewitz'' Roman »Die Herren des Morgengrauens«, im deutschen Terroristenmilieu angesiedelt, nutzte er zur Personalbereinigung; er warf die Störenfriede einfach hinaus.

»Na gut«, kommentierte hinterher Mohn, der nichts davon gewußt haben will, »das war eine Entscheidung der verantwortlichen Herren.« Und das »Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt«, das für die »Autoren Edition« von Anfang an keinen Platz im Konzern gesehen hatte, behielt recht mit seiner Prognose: »Bertelsmann bleibt Bertelsmann.«

S.72Bundeskanzler Schmidt am 7. Februar 1980 bei einem Betriebsbesuch inGütersloh.*S.75Mit Bruder Sigbert bei dessen Rückkehr aus sowjetischerKriegsgefangenschaft im Lager Friedland.*S.77Auf der Frankfurter Buchmesse.*S.80Bei der Vorstellung seiner »Memoiren« 1979 auf der FrankfurterBuchmesse.*S.83Uwe Jens: »Alternativen zur Macht -- Wege zu einer neuenWirtschaftsordnung«. Econ Verlag, Düsseldorf; 240 Seiten; 28 Mark.*S.84V. l. n. r.: Wirtschaftsfunktionärin Raissa Kaljanko (Moskau) miteiner Goldenen Bertelsmann-Schallplatte zur zehnjährigenPartnerschaft der Bertelsmann-Plattenfirma »Ariola« und der Moskauer"Melodija«, Ariola-Chef Egmont Lüftner, Mohn, der damaligeSowjetbotschafter in Bonn Walentin Falin (1975 in Gütersloh).*S.85Vermögensrechte an einer Gesellschaft, die durch Abschluß einesGenußrecht-Vertrages entstehen. Bei Bertelsmann: Gewinnansprüche undRisiko ähnlich einer stimmiochtlosen Vorzugsaktie.*

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