ZEITGESCHICHTE Zweite Karriere
Die getippten Zeilen kommen freundlich daher, und würde sie nicht ein ehemaliger SS-Obersturmbannführer an eine emigrierte Jüdin schreiben, wären sie ganz unverfänglich. Es sei, lobt der einstige Nationalsozialist 1964 die Davongekommene, »tröstlich und ermutigend, dass Sie da sind und wie Sie da sind«.
Absender ist Hans Rößner, langjähriger Verlagsleiter des Piper-Verlags, Adressatin die berühmte Philosophin Hannah Arendt. Seit 1958 erschienen die Bücher Arendts in dem Münchner Verlag, darunter auch die Übersetzung ihres Aufsehen erregenden Reports über den Prozess gegen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in Jerusalem ("Ein Bericht von der Banalität des Bösen"). Arendt wusste nicht, dass der Mann, mit dem sie darüber und über andere Manuskripte jahrelang korrespondierte, ein ehemaliger Kollege Eichmanns aus dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) war.
Der Hamburger Historiker Michael Wildt hat nun diese Verbindung aufgedeckt*. Rößner gehörte nach Wildts For-
schungsergebnissen zu jenen jungen antisemitischen Intellektuellen, die sich am radikalen Aktivismus der Nazis begeisterten. In seiner Doktorarbeit beklagte Rößner die »Verjudung des deutschen Geisteslebens«, vor allem im Kreis um den charismatischen Dichter Stefan George.
1934 stieß der 23-jährige Germanist zum Sicherheitsdienst (SD), dem Nachrichtendienst der SS. Der SD hatte damals zu erkunden, »wie sich die nationalsozialistische Weltanschauung auf den einzelnen Lebensgebieten durchsetzt«. Mal nebenamtlich, mal hauptamtlich beobachtete der begabte Nachwuchswissenschaftler für den SD das Kulturleben. 1938 denunzierte er in einer Denkschrift über die Germanistik im Dritten Reich dutzendweise andere Literaturwissenschaftler.
1940 kam Rößner zum Berliner RSHA, der Terrorzentrale des Regimes, die den Holocaust maßgeblich organisierte. Als Zeuge im Nürnberger Prozess verwies er später darauf, man habe ihn ins Reichssicherheitshauptamt »notdienstverpflichtet«. Schwer fiel ihm die Fron für den »Führer« allerdings nicht. Er stieg zum Abteilungsleiter auf, zuständig für Wissenschaft, Volkskultur und Kunst.
Der Vorgesetzte lobte bis zum Schluss Rößners »tiefe Durchdringung der nationalsozialistischen Weltanschauung« und schlug ihn 1944 zum Obersturmbannführer vor. SS-Chef Heinrich Himmler stimmte zu. Allerdings forderte Himmler, dass der Kulturmann an einem »sicherheitspolizeilichen Osteinsatz« - eine Umschreibung für Massenmorde an Partisanen oder Juden - teilnehmen sollte. Das hat Rößner im Gegensatz zu vielen seiner Arbeitskollegen offenbar vermieden.
Im April 1945 besorgte sich der Germanist eine Zyankalikapsel und floh nach Flensburg. Flexibel bot Rößner, dem ein Kollege eine »niemals ihrer selbst unsicher werdende Kaltblütigkeit« bescheinigte, kurz darauf der deutschen Übergangsregierung in der britischen Besatzungszone an, weiter zu spitzeln - »ohne starre Bindung an Doktrinen« zum Wohl von Volk, Regierung und Besatzungsmacht. Doch die Briten steckten ihn bis 1948 in Haft.
Alte Kameraden halfen bei der zweiten Karriere. Rößner wurde Lektor im Stalling-Verlag, in dem sein ehemaliger Vorgesetzter aus dem RSHA gemeinsam mit dem SS-Hauptsturmführer Hans Schneider Bücher herausgab. Schneider stieg als Hans Schwerte zum Aachener Hochschulrektor auf; seine Identität wurde erst im Jahr 1995 bekannt.
Verleger Klaus Piper warb Rößner 1958 für sein Unternehmen. Später beteuerte Piper, Rößner habe sich zwar als ehemaliger Nationalsozialist zu erkennen gegeben; vom Reichssicherheitshauptamt sei jedoch nicht die Rede gewesen. Die Familie des 1999 gestorbenen Ex-Nazis hingegen besteht darauf, dass der neue Arbeitgeber alles gewusst habe.
Im liberalen Piper-Verlag fällt der Verlagsleiter in den sechziger Jahren nur durch altbackene Umgangsformen auf; der schlanke, groß gewachsene Mann mit den braunen Augen zeigt sogar Verständnis für die radikale Studentenbewegung. Ob die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann oder der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich - keiner der Autoren des Verlags, die mit Rößner zu tun haben, beklagt sich über braune Untertöne.
Freilich erfährt auch niemand, dass Rößner 1965 von Staatsanwälten verhört wird, die einen Prozess gegen Mitarbeiter des RSHA vorbereiten. Rößner weigert sich, über Verbindungen zu alten Kameraden auszusagen.
Hannah Arendt, der Starautorin des Verlags, schreibt Rößner barocke Briefe ("Sehr verehrte, gnädige Frau") voller Bewunderung: »Was Sie über Menschlichkeit und Wahrheit sagen, gehört für mich zum Erhellendsten, was darüber seit langer Zeit gesagt worden ist.« Mehrfach treffen sich die beiden zu Gesprächen.
Noch heute, berichtet Rößners Witwe, stehe auf dem kleinen Regal neben dem Schreibtisch ein Foto der berühmten Philosophin. Ihr Mann, sagt die 91-jährige Dame, habe Arendt »wirklich verehrt«.
Dass ausgerechnet der einstige SS-Führer die Werke der Philosophin betreute, hält der Piper-Verlag heute, so der amtierende Verlagsleiter Viktor Niemann, für »kein Ruhmesblatt«.
Als Rößner 1958 Arendts Biografie über die jüdische Aufklärerin Rahel Varnhagen gelesen hat, lobt er zwar das Werk, will aber den Untertitel »Eine Lebensgeschichte aus dem Beginn der Assimilation der deutschen Juden« streichen; das Wort »Juden« soll nicht vorkommen. Die Autorin lehnt ab und setzt sich mit Hilfe der Ehefrau des Verlegers durch.
Ob in der Episode ein fortdauernder Antisemitismus zu Tage trat, lässt sich nicht sicher sagen. Nach Erinnerung von Verlagsmitarbeitern zählte »Jude« zu den Reizvokabeln, die auf Titelseiten gemieden wurden.
Rößner betreut auch die deutsche Ausgabe des Berichts von Arendt über den Mann, der im RSHA die Transporte der westeuropäischen Juden in die Vernichtungslager organisierte: Adolf Eichmann.
Dessen Referat saß in Berlin in der Kurfürstenstraße, RSHA-Abteilungsleiter Rößner arbeitete im Regierungsviertel in der Wilhelmstraße. Historiker Wildt geht davon aus, dass sich beide Männer zumindest aus dem Casino der Behörde kannten.
Rößner gibt, wahrscheinlich in Absprache mit Verleger Piper, über Arendts Eichmann-Manuskript ein Rechtsgutachten in Auftrag - angeblich, um das Risiko möglicher Verleumdungsklagen abzuschätzen. Seitenweise zählen die Juristen Passagen auf, die sie problematisch finden. Die Philosophin vermutet hinter den Einwänden Sympathie für die Nazis - bei den Advokaten. Das Manuskript wird weitgehend unverändert gedruckt. Als Arendt 1975 stirbt, will Rößner eine Neuauflage des Bestsellers verhindern, angeblich wegen stark gesunkener Verkaufszahlen. Doch Verleger Piper hält dagegen: »Die in diesem Buch geäußerten Grundgedanken bleiben gültig.«
Historiker Wildt warnt dennoch davor, Rößner für einen zeitlebens »verkappten Alt-Nazi zu halten«. Für dessen Einwände lassen sich auch verlegerische Gründe finden. Wildt sieht in dem Fall vielmehr ein Beispiel für die »Kälte, mit der Täter in Nachkriegsdeutschland den Opfern gegenübertraten« - selbst wenn sie diese bewunderten. KLAUS WIEGREFE
* Michael Wildt: »Generation des Unbedingten«. HamburgerEdition; 964 Seiten; 40 Euro.