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SOWJET-UNION / MOLOTOW Zwicker ab

• aus DER SPIEGEL 5/1962
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Die letzte verbürgte Meldung über ihn stammt vom 22. Januar: »Molotow sitzt in seiner Vier-Zimmer-Wohnung im Sessel mit einer Kompresse auf der Stirn.«

So berichtete der Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur (DPA) Igor Witsinos aus Moskau über jenen Mann, dessen Schicksal seit Wochen westliche wie östliche Politiker erregt.

Denn der sture »Parteifeind«, ehedem der »eiserne Hintern der Revolution« (Stalin), unbeirrbarer Njet-Mann zahlloser internationaler Konferenzen, langjähriger Premier und Außenminister, ist inzwischen zum Barometer für die tatsächliche Macht des Stalin-Epigonen Chruschtschow geworden.

Die Grippe hatte nicht nur den 86jährigen Bonner Kanzler in seinen Rhöndorfer Lehnstuhl gezwungen und den Sowjetpremier genötigt, seine Strafpredigten vor weißrussischen Kolchosbauern aufzuschieben - auch Chruschtschows unbeugsamer Gegenspieler Wjatscheslaw Molotow, 71, wurde vom Fieber geschüttelt, so daß er den Zwikker ab- und eine kühle Kompresse auflegen mußte.

Dieser Sachverhalt, den sehr bald andere Moskauer Reporter bestätigten, beeinträchtigte die politische Reputation eines Mannes, der sich trotz seiner hohen Stellung als Prophet versucht hatte: Amerikas Außenminister Dean Rusk hatte wenige Tage zuvor, am 15. Januar, den Außenpolitischen Ausschuß des US-Senats mit den jüngsten Denkübungen seiner Ostexperten vertraut gemacht.

Rusk orakelte: »Irgendwas geht in der Sowjet-Union vor, das Veränderungen der Sowjetpolitik mit sich bringen könnte.«

Und Senator William Fulbright, Vorsitzender des Außenpolitischen Ausschusses, erläuterte: »Diese rätselhafte Sache mit Molotow, ob er, nun nach Wien zurückgeht oder nicht, hängt damit zusammen.«

Worauf Fulbrights Kollege Senator Hubert Humphrey ebenfalls glaubte, den vertraulichen Ausschußberatungen - und damit sich selbst - möglichst große Publizität verschaffen zu müssen. »Es ist meine Überzeugung«, posaunte Humphrey, »daß eine ... schwere innere Krise innerhalb der Kommunistischen Partei vor sich geht.«

Amerikas großen Zeitungen blieb denn auch nicht verborgen, daß dem State Department umfängliche Berichte aus einigen osteuropäischen Hauptstädten zugegangen waren, die derartige Urteile zu rechtfertigen schienen.

»Einige sagen bereits«, so zitierte US -Kolumnist und Kennedy-Konfident Joseph Alsop amerikanische Ostexperten, »die Geheimnistuerei um Molotow bedeute den Sturz Chruschtschows durch die 'stalinistische' Opposition.«

Der 1957 aus seinen Partei- und Regierungsämtern verstoßene und zum »Parteifeind« gestempelte Molotow, zuletzt Delegierter bei der Internationalen Atombehörde in Wien, hatte sich stets standhaft geweigert, jene zerknirschte Selbstkritik abzulegen, die dem im Oktober 1961 auf dem XXII. Parteitag der KPdSU attackierten Sowjetmarschall Woroschilow so leicht von den Lippen gegangen war.

Erst ein solches Molotow-Geständnis, dem gewiß ein großmütiger Gnadenerweis gefolgt wäre, hätte Chruschtschows Triumph vollendet.

Doch im Gegenteil: Molotow schickte noch im letzten Sommer aus Wien einen giftigen Artikel an den »Kommunist«, das Blatt für höhere Sowjetfunktionäre, der freilich nicht veröffentlicht wurde. Molotow schrieb lange Briefe an altvertraute Genossen im Zentralkomitee der KPdSU. Molotow richtete sogar kurz vor dem XXII. Parteitag im Oktober 1961 ein Memorandum an Chruschtschow und das Zentralkomitee, in dem er das neue Parteiprogramm scharf kritisierte.

Das von Chruschtschow redigierte Programm sei, so urteilte der bolschewistische Pedant in Wien, »durchdrungen von Revisionismus und Pazifismus« und stehe »in tiefem Widerspruch zum revolutionären Charakter der marxistisch-leninistischen Lehre«. Molotows schwerster Vorwurf: »Koexistenzpolitik treiben bedeutet auf unabsehbare Zeit den kompromißlosen Kampf gegen den Kapitalismus aufgeben.«

Solchen Formulierungen applaudierte das mit dem Kreml ideologisch zerstrittene China und auch Albanien. »Prawda«-Chefredakteur Satjukow, der den Moskauer KP-Kongreß über Molotows Memorandum unterrichtete (dessen voller Wortlaut bis heute unveröffentlicht blieb), verband dagegen mit dieser für die Delegierten überraschenden Nachricht die Forderung, den »Stümper in Fragen der Innen- und Außenpolitik« aus der Partei auszustoßen.

Zwar verlangten auch zahlreiche andere Parteitagsredner, insbesondere aus der jüngeren Funktionärsgeneration, ein solches Strafgericht. Aber der Kongreß begnügte sich mit einer Schlußresolution, die zwar die bisherigen Maßnahmen gegen die »Parteifeinde« billigte, jedoch keine neuen Sanktionen vorsah. Denn Chruschtschow besänftigte: »Wir dürfen nicht zu hart sein.«

Als freilich Molotow am 12. November 1961 nach Moskau zitiert wurde, schien die endgültige Abrechnung unabwendbar. Ein Parteiausschluß, sogar ein Schauprozeß wegen Teilnahme an stalinistischen Verbrechen hätte westliche Kreml-Experten damals kaum überrascht.

Erst nach Wochen - inzwischen hatte das Parteipräsidium getagt-hörte die Welt wieder von Molotow. Das sowjetische Außenministerium teilte am 8. Januar mit, der Sowjetdelegierte bei der Internationalen Atombehörde sei auf seinen Posten in Wien zurückgekehrt.

Vier Tage später war Molotow noch immer nicht in Wien. Und ein Sprecher des Moskauer Außenministeriums versicherte: »Wir kennen Molotows Pläne nicht. Er ist immer noch nicht abgereist. Doch die in dieser Frage bisher abgegebenen Erklärungen bleiben nach wie vor gültig.«

Das sollte bedeuten: »Parteifeind« Molotow ist ein freier Mann. Er behält seinen kleinen Diplomatenposten. Er kann reisen, wann er will. Er kann seine Grippe auskurieren, wo er will - auch in Moskau.

Das unveröffentlichte, jedoch einigen prominenten KP-Führern zugängliche Molotow-Memorandum, das Chruschtschows Koexistenzpolitik so hart kritisiert (und wohl noch andere für den Sowjetpremier peinliche Dinge enthält), hat, sich offenbar als ein wirksamer Schufz für den Autor erwiesen: Es ist anscheinend nur so lange geheim, wie Altbolschewik Molotow unangetastet bleibt.

Die Reaktion des Westens auf diese Vorgänge, insbesondere Dean Rusks voreilige Prophetie, machte der Sowjetführung deutlich, daß die Kraftprobe mit dem alten, verbitterten Molotow zwar nicht die Macht, wohl aber das Prestige Nikita Chruschtschows ruinieren könnte:

- Kehrt Molotow, wie angekündigt, unangefochten auf seinen Posten nach Wien zurück, so wird das als eine Schlappe Chruschtschows gelten:

- bleibt Molotow in Moskau, ohne sich in öffentlicher Selbstkritik der von Chruschtschow bestimmten Parteilinie unterworfen zu haben, so hätte der Kreml-Boß künftig mit einer inneren Opposition zu rechnen. Daß sich der Ex-Außenminister nicht unterworfen hat, beweisen die bitteren Attacken der »Prawda« gegen seinen »dogmatischen und starrsinnigen Widerstand«, die der Grippekranke nahezu täglich in jenem Parteiblatt lesen kann, das er vor 50 Jahren selbst redigierte. Mehr besagen sie nicht: Der Greis mit der kühlen Kompresse auf der Stirn wird keinen Sowjetpremier stürzen.

Auch Amerikas Außenminister, obschon über die Spannungen innerhalb der roten Halbwelt erfreut, dämpfte in der vergangenen Woche allzu hochgespannte Erwartungen. Rusk: »Wir wissen nicht, was die in Moskau stattfindenden Debatten, was der Molotow -Zwischenfall und ähnliche Vorgänge bedeuten.«

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