INDIEN Zwiebel in der Tasche
Am 7. Juni, mit 45 Grad Celsius im Schatten der bis dahin heißeste Tag der Saison in Delhi, trat dort der Wetterexperte Hari Nivas Gupta vor die TV-Kameras und versprach Linderung: »Der Monsun kommt gleich um die Ecke.«
Der Trost war schwach, denn aus ihrer Ecke hervorbrausen sollen die ein wenig Kühlung und nur eventuell Regen bringenden Winde nach der Gupta-Prognose erst Ende Juni. Für 250 Millionen Bewohner der indischen Hauptstadt und der Bundesstaaten Pandschab, Harjana, Uttar Pradesch, Bihar, Westbengalen, Madhja Pradesch und Radschasthan bedeutet das: Dieselbe Durststrecke noch mal, denn seit Mitte Mai währt die Hitzequal bereits.
Anders als an den Küsten des Subkontinents mit ihrem maritim bis feuchtheißen Klima leidet die Bevölkerung der nordindischen Ebenen bei Höchsttemperaturen unter trockener Hitze, die, wie jetzt in Madhja Pradesch, an die 50-Grad-Marke steigen kann.
»Der schlimmste Feind«, schrieb schon Großbritanniens Kolonialpoet Rudyard Kipling, »ist die Sonne über deinem Kopf«, und wen sie ohne Kopfbedeckung antreffe, den »schlägt sie tot um«.
Opfer von Hitzschlägen werden täglich in Krankenhäuser der betroffenen Landstriche eingeliefert, acht Hitzetote waren bis vorige Woche in Uttar Pradesch registriert, 13 in Bihar.
Das Gros der Bevölkerung sucht sich durch altbewährte Mittel Erleichterung zu schaffen, mit Fächern aus Blättern, mit Vorhängen aus Gras, die in Tür- und Fensteröffnungen gehängt und mit Wasser besprengt werden -wenn es Wasser gibt. Auch traut sich so mancher nur mit einer Zwiebel in der Tasche auf die Straße. Sie soll, wie Knoblauch vor Vampieren, vorm Hitzschlag bewahren.
Alles, was Hitze sonst halbwegs erträglich macht -- Eiswürfel für den Drink, elektrische Klimaanlagen oder schlicht nur kühles Wasser -- ist Mangelware, selbst Delhis Reiche haben einmal zu leiden.
Nicht nur in den Wohngebieten der Durchschnittsverdiener und der Armen sind Strom und Wasser knapp. In 90 Prozent der Stadtteile Delhis fällt täglich für zwei, drei Stunden der Strom aus, weil der hochtourige Gebrauch von Klimaanlagen, Ventilatoren und Kühlschränken sowie hitzebedingte Kurzschlüsse in den Hochspannungsleitungen zum nahezu totalen Kollaps der Stromversorgung in der Hauptstadt geführt haben.
Die sengende Hitze hat Flüsse und Stau-Becken ausgetrocknet und, wie in Delhi, Hauptwasserleitungen zum Platzen gebracht. In Radschasthan mußte die Armee anrücken, um 35 000 Menschen in 104 Dörfern vor dem Verdursten zu retten. Anderwärts im selben Bundesstaat marschierte ein malerischer Protestzug -- 600 Frauen mit leeren Wassergefäßen auf dem Kopf -zum Haus eines ihrer Stadtväter, um das Geschirr vor der Türschwelle zu zerschmettern.
Wer sich's leisten kann, flüchtet in die Refugien der kühlen Täler des Himalaja, nach Dschammu, Srinagar und Simla etwa, der Sommerresidenz der britischen Kolonialherren. Nie zuvor haben die innerstaatliche Fluglinie Indian Airlines und die Eisenbahn einen solchen Exodus aus den größeren Städten ins Gebirge verzeichnet.
Flüge sind ausverkauft, die Schalter für Züge in erquickliche Gefilde auf Wochen im voraus geschlossen, weil ebenfalls ohne Fahrscheine. Auswege bieten allein stattliche Bestechungsgelder oder Beziehungen zu Ministern und Abgeordneten, die über bestimmte Ticket-Kontingente bei der Bahn verfügen.
Indische Züge sind in der Regel ohnehin hundertprozentig überfüllt. Trauriges Beispiel ist das Zugunglück letzter Woche in Bihar, als sieben Waggons in den Fluß Bagmati stürzten und hinterher niemand sagen konnte, wie viele Passagiere wohl auf Dächern und Trittbrettern mitgereist waren. So schwankten Angaben über die Todesopfer zwischen 500 und 3000.
1314 Sonderzüge wurden von der Eisenbahndirektion in Delhi für die zweimonatigen Sommerferien eingesetzt. Verspätungen von drei bis sechzehn Stunden waren die Folge, weil das Schienennetz hoffnungslos überfordert war. Deshalb -- und weil ein akuter Kohle-Engpaß auftrat -- strichen die Eisenbahner jetzt 267 Sonderzüge.
Seither denken die Sommerfrischler im Himalaja mit Schaudern an ihre Rückreise. Was in Schüben hochkam, will bei Ferienende Mitte Juli auf einen Schlag wieder herunter.