Zwielichtige Geschichte - DER SPIEGEL
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AFFÄREN Zwielichtige Geschichte

Mit ihren Verhören palästinensischer Häftlinge in bayrischen Gefängnissen wollten die Israelis, so mutmaßen Bonner Behörden, die guten Kontakte des Bundeskriminalamts zur PLO stören«
• aus DER SPIEGEL 46/1979
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Im Außenministerium zu Algier und im Bundesinnenministerium an Bonns Rheindorfer Straße berieten Experten über das gleiche Thema: die Hintergründe des bayrischen Gefängnis-Skandals, bei dem israelische Geheimdienstier palästinensische Untersuchungshäftlinge verhört hatten. Unabhängig voneinander kamen Deutsche und Algerier zur selben Erkenntnis. Den Israelis, so mutmaßten sie, sei es nicht nur darum gegangen, von den einsitzenden Palästinensern Informationen zu erlangen. Sie seien nunmehr auch noch daran interessiert, die Vorgänge in bayrischen Strafanstalten zum Schaden des deutsch-arabischen Verhältnisses auszuschlachten.

Denn Jerusalem beobachtet mit wachsendem Argwohn, daß die Beziehungen zwischen Bonn und den Arabern, insbesondere auch zu Jassir Arafats Palästinensischer Befreiungsorganisation PLO, in letzter Zeit immer intensiver wurden.

Bonner Sicherheitsfachleute vermuten, daß die Israelis die Information streuten, das Bundeskriminalamt (BKA) hätte einem offiziellen PLO-Vertreter Zugang zu dem in Straubing inhaftierten Palästinenser Saum Sejaan verschafft.

Innenminister Baum und das ihm unterstellte BKA, das nach Angaben des Innenministers mit der Geheimdienst-Affäre nichts zu tun hatte, sollten nun ebenso in die zwielichtige Geschichte verstrickt sein wie zuvor schon der Bundesnachrichtendienst (BND) und das bayrische Landeskriminalamt, die den israelischen Agenten den Zutritt zu palästinensischen Untersuchungshäftlingen ermöglicht hatten.

Die Israelis hätten damit bezweckt, in der Öffentlichkeit den Eindruck entstehen zu lassen, das BKA habe einem Helfershelfer der vier wegen geplanter Sprengstoffanschläge verhafteten Palästinensern den Weg in die Zelle gebahnt.

Doch die Wahrheit sieht anders aus. Während die Verhöre von palästinensischen Untersuchungshäftlingen durch israelische Geheimdienstler eindeutig widerrechtlich waren, verlief die Visite des PLO-Vertreters bei dem rechtskräftig verurteilten Salim Sejaan in Straubing streng nach Vorschrift und gemäß den Regeln internationalen Konsularwesens.

Daß der PLO-Mann wie ein Angehöriger eines Staates behandelt wurde, kam den Israelis, die mit aller Macht die internationale Anerkennung der Befreiungsorganisation verhindern wollen, nicht zupaß. Dabei hatten sie nach Erkenntnissen des BKA die Aufwertung der PLO in der Bundesrepublik selbst gefördert -- durch eine andere Geheimdienst-Intrige.

Im Januar 1979 war in Beirut bei einem Attentat auf den Arafat-Adoptivsohn Salameh, einen mutmaßlichen Drahtzieher des Münchner Olympia-Massakers, eine israelische Agentin namens Erika Maria Chambers beteiligt. Der israelische Geheimdienst hatte die Dame zuvor einige Jahre lang in Wiesbaden nahe dem Bundeskriminalamt und in Köln beim Sitz des Bundesamtes für Verfassungsschutz einquartiert. Zweck der Übung: Die PLO sollte glauben, BKA und Verfassungsschutz hätten beim Anschlag auf Salameh die Finger im Spiel gehabt.

Der Plan mißlang. In Beirut arbeiteten Palästinenser und Ermittlungsbeamte aus Wiesbaden bei der Aufklärung des Anschlags Hand in Hand -- und schufen so das Fundament für ein in diesem Frühjahr geschlossenes Geheimabkommen zwischen der PLO und dem BKA. Darin vereinbarten die auf internationale Reputation bedachten Palästinenser mit den Deutschen eine Art Waffenstillstand für das Gebiet der Bundesrepublik und verabredeten überdies enge Zusammenarbeit beim Kampf gegen deutsche Terroristen.

Die PLO gelobte, sie wolle nach und nach alle deutschen Terroristen ausliefern, die sie in ihrem Einflußbereich zu fassen bekomme. Die Fahnder in Wiesbaden und Bonn waren voller Zuversicht, dieser Vertrag werde ihnen helfen, der vier aus Jugoslawien freigelassenen und möglicherweise in den Nahen Osten gereisten mutmaßlichen Terroristen Rolf Clemens Wagner, Brigitte Mohnhaupt, Peter Jürgen Boock und Sieglinde Hofmann habhaft zu werden.

In diese deutsch-palästinensische Idylle platzte dann Ende April die vom israelischen Geheimdienst veranlaßte Festnahme der vier Sprengstoff-Araber. Doch rasch zeigte sich, daß Zweifel an der Zuverlässigkeit der PLO unberechtigt waren, Arafat mithin den Waffenstillstand nicht brechen wollte. Denn bei dem Quartett handelte es sich, so ergaben BKA-Recherchen, um »ausgeflippte PLO-Leute«, die ohne Auftrag von oben »in einer Eigenaktion einen Leistungsbeweis« planten.

Das gute Verhältnis zwischen BKA und PLO bewährte sich auch, als einer der vier, jener Saum Sejaan, in -- zum Teil abgefangenen -- Briefen und Kassibern seine Kampfgenossen aufforderte, ihn gewaltsam zu befreien, und überdies zu Bombenanschlägen im Bundesgebiet aufrief.

BKA-Chef Horst Herold wandte sich hilfesuchend an die PLO. Ganz im Geist des Geheimabkommens sollten die Palästinenser dafür sorgen, daß Sejaan in Straubing endlich Ruhe gebe.

Am 17. Oktober reiste prompt ein PLO-Vertreter in Wiesbaden an, konferierte tags darauf mit Herold und fuhr nach Voranmeldung im bayrischen Innenministerium am 19. Oktober nach Straubing. Begleitet wurde er von einem BKA-Beamten und jenem vereidigten arabischen Dolmetscher, der auch in der Gerichtsverhandlung gegen Sejaan dabei war.

Der PLO-Gesandte sprach, wie vom BKA gewünscht, seinem Landsmann gut zu. Und brav übersetzte der Dolmetscher dem BKA-Mann auch, was Sejaan gegen Schluß der Unterhaltung offenbarte: Er sei von einem israelischen Geheimdienstler vernommen worden. Der Mann habe sich zwar als Deutscher ausgegeben, aber hebräisch gekonnt, großes Interesse an der palästinensischen Kampforganisation Al Fatah gezeigt und zudem israelische Zigaretten geraucht. Empört reiste der PLO-Vermittler ab.

Innenminister Baum will dennoch versuchen, sich die von den Deutschen enttäuschten Palästinenser als Partner zu erhalten. Am letzten Freitag wurden Sejaan und sein Kumpan Mohamad Hamade, die beiden letzten des Quartetts, nach Damaskus abgeschoben.

Baums Warnung an die Israelis: »Ich weiß nicht genau, was gespielt wird. Aber es gibt da irgend jemand, der unsere Kontakte zur PLO stören will. Ich betreibe internationale Terroristenbekämpfung, da soll sich keiner reinmischen.«

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