Airline-Bann der EU Risiko-Liste mit begrenzter Wirkung
Hamburg - Wer sich für den Zustand der kongolesischen Luftfahrtbranche interessiert, bekam heute Vormittag Nachhilfe aus Brüssel. Dort legte der europäische Verkehrskommissar Jacques Barrot eine Schwarze Liste mit dubiosen Fluggesellschaften vor, auf der die Demokratische Republik Kongo besonders unrühmlich abschneidet. Als potenzielle Sicherheitssünder sind Fluggesellschaften mit klingenden Namen wie Safari Logistics, Bushi Express und Wimbi Diri Airways aufgeführt - und noch 47 weitere aus dem zentralafrikanischen Staat.
Dieses Beispiel zeigt bereits, dass die Brüsseler Bannliste für den europäischen Normalpassagier wenig Relevanz besitzt. Nur einige Extremtouristen werden je in die Versuchung geraten sein, in Fluggerät der angeprangerten Gesellschaften einzusteigen, die überwiegend aus Afrika stammen, aber auch aus Staaten wie Kasachstan (BGB Air) oder Nordkorea (Air Koryo).
"Meines Wissens hat auch bisher keine der genannten Fluggesellschaften Ziele in Deutschland angeflogen", sagte Martin Gaebges, deutscher Generalsekretär der Fluglinien-Dachverbandes Barig, heute zu SPIEGEL ONLINE.
Die Idee einer europaweiten Sperrliste sei zwar prinzipiell gut, fügte er an. So könne vermieden werden, dass eine Fluglinie, gegen die in einem EU-Land ein Landeverbot ausgesprochen wird, schlicht ins nächste ausweicht. Auch werde der Druck auf Staaten Afrikas und Asiens erhöht, ihre nationalen Kontrollstandards nach oben zu schrauben. Gaebges bemerkte aber, dass sich viele "Exoten" auf der Liste fänden. "Das ist dem guten Gedanken des Vorhabens abträglich und weckt Zweifel an dem Vorteil für die Passagiere."
Der noch bekannteste der verbannten Flieger ist die thailändische Phuket Air. Sie verwendete, im Gegensatz zu vielen der afrikanischen und zentralasiatischen Kleinst-Airlines, sogar westliches Gerät - nämlich schlecht gewartete Boeing-Maschinen älteren Baujahrs. Phuket hat seine wenigen Europa-Routen in Städte wie London aber sowieso schon eingestellt. Die Gesellschaft war schon 2005 mit Finanzsorgen und stets neuen Sicherheitspannen in die Schlagzeilen geraten und kassierte in den Niederlanden, Großbritannien und Frankreich Landeverbote. Zuletzt verkehrte sie nur noch inländisch zwischen Bangkok und Ranong. Er soll jetzt völlig umorganisiert und umbenannt werden.
"Kleinster gemeinsamer Nenner"
Auffällig an Barrots Liste ist, welche Fluggesellschaften sich nicht darauf finden: "Uns verwundert ein bisschen, dass keine europäische Airline darauf ist", sagt Markus Kirschnek, Sprecher des Pilotenverbandes Cockpit, über das Brüsseler Papier. Es repräsentiere wohl nur den kleinsten gemeinsamen Nenner, glaubt er.
Dass auch innerhalb Europas sehr wohl gravierende Sicherheitsmängel auftreten können, stellte im August der tödliche Crash einer Boeing 737-300 der zypriotischen Helios unter Beweis - damals starben alle 121 Insassen. Zum Zeitpunkt des Absturz, der durch mangelnde Kontrollen der Aufsichtsbehörde mit verschuldet wurde, war Zypern schon über ein Jahr lang Mitglied der EU.
Der Präsident des Luftfahrt-Bundesamtes LBA, Ulrich Schwierczinski, weist denn auch darauf hin, dass sich viele Risiko-Airlines gar nicht auf der Liste finden. "Eine solche Liste gaukelt in gewisser Hinsicht Sicherheit nur vor", kommentierte er laut Nachrichtenagentur Reuters.
Russische Fluggesellschaften zum Beispiel stehen nicht im Brüsseler Bannkatalog. Auch an der Sicherheit einiger türkischer Fluggesellschaften, die ebenfalls fehlen, sind Zweifel erlaubt, wie der politische Streit um Onur Air Anfang 2005 zeigte. Onur darf Deutschland zwar inzwischen wieder anfliegen, generelle Missstände in der Türkei bleiben aber bestehen.
"Da gibt es immer wieder die tollsten, aber leider eher unrühmlichsten Geschichten und Vorfälle", kritisierte der Chef von Air Berlin, Joachim Hunold, jüngst in einem Magazin-Interview. Air-Berlin-Sprecher Peter Hauptvogel legte heute nach: "Es gibt an den Rändern Europas Fluggesellschaften, über die man diskutieren müsste", sagte er auf Anfrage. "Aber das wird der EU sicher aus rechtlichen Gründen zu heiß."
Cockpit: Wir brauchen eine EU-weite Kontrollbehörde
Brüssel wird nicht umhin können, das Thema Flugsicherheit konsequenter anzugehen. "Wir brauchen als Erstes europaweit einheitliche Standards", fordert Cockpit-Sprecher Kirschneck. Nötig sei zudem eine einheitliche Behörde, die diese Standards überwache. Barig-Mann Gaebges forderte, zusätzlich auch Negativ-Listen über unsichere Flughäfen, Länder und Lufträume aufzustellen.
Für Passagiere gilt ohnehin: Ohne Common sense geht es nicht. Wer außerhalb der EU in betagte Maschinen russischer oder auch westlicher Provenienz einsteigt, muss sich des erhöhten Risikos bewusst sein. Seiten wie airdisaster.com, aber auch gängigere Quellen wie Wikipedia können erste Hinweise über die Sicherheitsbilanz bestimmter Linien und den Typ der von ihnen eingesetzten Maschinen bieten.
Die Schwarze Liste ist bei der Entscheidung für oder gegen eine Fluglinie nur ein Hilfsmittel unter vielen - und kein allzu bedeutendes.