Arbeitskampf: Bahnstreik stört Fernverkehr - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Arbeitskampf Bahnstreik stört Fernverkehr

Die Folgen des Streiks bei der Bahn weiten sich aus: Nachdem zunächst der Nahverkehr betroffen war, gibt es jetzt auch Probleme bei den Fernverbindungen. Noch bis zum Abend müssen Fahrgäste mit Verspätungen rechnen - und Gewerkschafter drohen bereits mit weiteren Aktionen.
Arbeitskampf: Bahnstreik stört Fernverkehr
Arbeitskampf: Bahnstreik stört Fernverkehr

Arbeitskampf: Bahnstreik stört Fernverkehr

Foto: Frank Leonhardt/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gewerkschaften Transnet und GDBA

Berlin - Ein bundesweiter Warnstreik bei den Regionalbahnen hat am Dienstag für massive Beeinträchtigungen des Zugverkehrs in Deutschland gesorgt. Wie die mitteilten, waren mehr als 700 Eisenbahner im Ausstand - die meisten von ihnen in Bayern und in Nordrhein-Westfalen.

Nicht nur Berufspendler waren betroffen, auch viele Fernreisende mussten auf ihre Züge warten. Nach Angaben der Deutschen Bahn kam es zu erheblichen Behinderungen im Kölner Hauptbahnhof und auf den Linien von Köln nach Hannover und Berlin.

Die Strecken von Frankfurt am Main nach Stuttgart, Basel, Leipzig, Dresden, Berlin und Hamburg seien "weitgehend unterbrochen", teilte die Bahn mit. Gleiches gelte für die ICE-Strecke München-Nürnberg.

Fotostrecke

Streik im Regionalverkehr: Zwischen Drängeln und Warten

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Geduld der Arbeitnehmer am Ende

Beschäftigte mehrerer Privatbahnen und der bundeseigenen Deutschen Bahn waren zu den Aktionen aufgerufen. Die Warnstreiks sind zunächst auf diesen Dienstag beschränkt, doch Transnet Chef Alexander Kirchner droht bereits weitere Maßnahmen an: "Wir wollen den Arbeitgebern signalisieren, dass wir es ernst meinen", sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft am Morgen am Kölner Hauptbahnhof. Nach zwei Jahren Verhandlungen sei die Geduld der Arbeitnehmer am Ende.

Eine Schlichtung lehnen die Gewerkschaften Transnet und GDBA ab. Sollten sich die Deutsche Bahn und ihre privaten Konkurrenten nicht bewegen, werde es weiter vorübergehende Arbeitsniederlegungen und notfalls Urabstimmung und Streik geben, kündigte Kirchner an.

Mögliche Beeinträchtigungen des Verkehrs noch bis zum Abend

Gegen 9 Uhr nahmen die Mitarbeiter die Arbeit wieder auf, nach Angaben der Deutschen Bahn können die Beeinträchtigungen des Verkehrs jedoch noch bis zum Abend andauern, da die betroffenen Züge erst nach mehreren Stunden wieder an den vorgesehenen Einsatzorten zur Verfügung stehen. Mehrere hundert Mitarbeiter sind zusätzlich im Einsatz, verstärkt wurde vor allem das Personal bei der telefonischen Reisendeninformation, an den Bahnhöfen sowie in den Betriebszentralen und Transportleitungen.

Tausende Pendler in Großstädten mussten sich auf Ausfälle und Verspätungen einstellen. Folgende Regionen waren und sind vom Ausstand betroffen:

  • In NRW müssen Pendler mit Zugausfällen und Verspätungen in Essen, Dortmund, Düsseldorf und Münster rechnen. Dort haben am Morgen rund 200 Beschäftigte für drei Stunden ihre Arbeit ruhen lassen. Transnet sprach von "erheblichen Zugausfällen im Regional- und S-Bahnverkehr" in Essen und Münster. In Dortmund sei auch der Fernverkehr gestört. Auch in Köln ruhte der Regionalverkehr, mehrere überregionale Züge mussten gestrichen werden. In Mettmann traten gegen 4 Uhr etwa 30 Beschäftigte der Veolia-Tochter Rheinisch-Bergische Eisenbahn in den Ausstand, wie es weiter hieß. Der Regionalverkehr sei erheblich beeinträchtigt. Gegen 5 Uhr wurde der erste Streik in NRW beendet. In einer zweiten Welle wurden bis 9 Uhr Stellwerke bestreikt. Dies habe Auswirkungen für die Pendler in den Großräumen Dortmund, Duisburg, Köln und Düsseldorf. Weil viele Pendler auf das Auto umstiegen, bildeten sich auf den nordrhein-westfälischen Autobahnen Staus von insgesamt 125 Kilometern Länge. Normal seien an einem Dienstag 60 Kilometer, erklärte ein Sprecher der Verkehrsleitstelle.
  • In Bayern sind die Regentalbahn in Cham und Zwiesel sowie die Regionalbahn Alex in Kempten, die Bayerische Regiobahn und die Bayerische Oberlandbahn betroffen. Dort streikte vor allem das Fahrpersonal. Auch in München gibt es massive Behinderungen am Hauptbahnhof sowie Störungen im S-Bahn-Verkehr. Eine Werkstatt und ein Stellwerk wurden dort von rund 30 Beschäftigten bestreikt. In der bayerischen Landeshauptstadt dauerte der Ausstand bis etwa 5.30 Uhr. Auf dem Nürnberger Hauptbahnhof stehen die Züge des Regional- und Fernverkehrs still, nach Angaben eines Transnet-Sprechers auch im Allgäu und im Bayerischen Wald.
  • Protestaktionen wurden zudem in einigen Bereichen Sachsen-Anhalts abgehalten, wo die Stellwerke in Magdeburg, Sandersleben und Halberstadt befristet bestreikt wurden. Auch hier kam es den Angaben zufolge "zu erheblichen Behinderungen" im Regionalverkehr.
  • Im Großraum Berlin wurden die Prignitzer Eisenbahn (PEG) und das Stellwerk Biesdorfer Kreuz bestreikt. Dadurch ist der Regionalverkehr vor allem im Norden Brandenburgs erheblich beeinträchtigt. Hier fielen nach Angaben der Gewerkschaften und der Bahn am Morgen die Regionalzüge der Deutschen Bahn von Cottbus nach Rathenow, Leipzig, Frankfurt (Oder) und Falkenberg aus. Auch die Züge zwischen Frankfurt (Oder) und Berlin waren betroffen. Auf der Linie Eberswalde-Angermünde fuhren zeitweilig keine Züge.
  • Warnstreiks gab es den Angaben zufolge auch bei der S-Bahn im niedersächsischen Hannover, dort sollten einige Züge ausfallen.
  • In Hessen startete gegen 6 Uhr der Ausstand in Kassel, bei dem unter anderem die Stellwerke in Steinau an der Straße und Körle sowie das Reisezentrum im Frankfurter Hauptbahnhof bestreikt wurden. Vor den Informationsschaltern der Bahn bildeten sich lange Schlangen. Vor allem Menschen, die aus dem Urlaub zurückkehrten, konnten von Frankfurt aus nicht weiterreisen. In Frankfurt hätten mehr als 100 Beschäftigte an einer kurzen Kundgebung teilgenommen.
  • Auch in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz kam es zu Beeinträchtigungen durch den Streik. Den Angaben zufolge legten rund um Mainz Beschäftigte in mehreren Stellwerken die Arbeit nieder. Betroffen seien die Strecken Mainz-Bingen-Koblenz, aber auch Frankfurt-Fulda. Auch in Karlsruhe sei es zu Arbeitsniederlegungen gekommen.

Nach vorläufigen Einschätzungen der Gewerkschaft GDBA wird es zumindest in dieser Woche keine weiteren Warnstreiks im Bahnverkehr geben. Er gehe davon aus, dass die Aktion am Dienstag gezeigt habe, dass die Beschäftigten Druck ausüben können, sagte GDBA-Chef Klaus-Dieter Hommel im ARD-Morgenmagazin. In der am Freitag anstehenden Tarifrunde mit der Deutschen Bahn hoffe er daher auf ein neues Angebot. Um Druck zu machen, seien aber auch weiter Warnstreiks möglich.

Hintergrund des Arbeitskampfes: Transnet und GDBA wollen gleiche Tarife bei Bahn-Unternehmen durchsetzen. Die Einkommen bei privaten Konkurrenten liegen teils 20 Prozent unter DB-Niveau.

Die Gewerkschaften verhandeln mit der bundeseigenen Deutschen Bahn und ihren privaten Konkurrenten seit Wochen über einen Branchentarifvertrag für den Regionalverkehr. Damit wollen sie verhindern, dass der Wettbewerb auf der Schiene über die Löhne der Beschäftigten ausgetragen wird. Privatbahnen konkurrieren seit mehreren Jahren immer stärker mit der Deutschen Bahn um lukrative Regionalverbindungen.

"Unbegründet und kontraproduktiv"

Die Deutsche Bahn kritisierte die Streiks als "unbegründet und kontraproduktiv" und schlug den Gewerkschaften eine Schlichtung vor. Grundsätzlich halte der Konzern eine Lösung am Verhandlungstisch für möglich, erklärte Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber. Jedoch könne es nicht sein, dass die Deutsche Bahn bestreikt werde, um Druck auf Wettbewerber des Konzerns auszuüben.

Bahnreisende können sich laut Deutscher Bahn bis auf Weiteres unter der kostenlosen Servicenummer 08000-996633 über die Auswirkungen der Streiks informieren. Details zur aktuellen Situation sind demnach auch im Internet auf der Homepage der Bahn  erhältlich. Wer aufgrund von streikbedingten Zugausfällen, Verspätungen oder Verlust eines Anschlusses seine Reise nicht antreten kann, hat dem Konzern zufolge die Möglichkeit, seine Fahrkarte kostenlos umzutauschen oder erstatten zu lassen.

sto/dpa/dapd/AFP