Australien: Jeder Tag ein Abenteuer - DER SPIEGEL
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Australien Jeder Tag ein Abenteuer

Dort, wo Schraubenpalmen wachsen, gibt es Wasser; die Kakadu-Pflaume gilt als Vitamin C der Ureinwohner, und die Blätter des Bilanggamarr legt man auf Wunden: Der Autor erkundet mit einem Aborigine die Kimberley-Region.
Von Dirk Lehmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Kimberley-Region ist größer als Deutschland und die Schweiz zusammen, doch ihre 34.000 Bewohner würden bequem auf den Rängen eines Fußballstadions Platz finden. Eine Welt, so abgeschieden, dass vor fünf Jahren die Umweltbehörde eine Expedition aussandte, um bis dahin nicht bestimmte Reptilien zu fangen - Schlangen, Frösche, Agame (eine Art Leguan). Rund drei Dutzend Tiere brachten die Forscher mit.

Aus dem Fenster einer Cessna, 4500 Fuß über der Erde, sieht man auf einen anderen Planeten. Wir fliegen über eine ausgefranste Küste, gewundene Flussläufe. Über einem zerfurchten Hochplateau zerren Aufwinde an der Maschine. Unter uns Schluchten, schillerndes Wasser, Boab-Bäume wie winkende Riesen. Kein Haus, keine Straße.

Wir fliegen über die "horizontalen Wasserfälle", wie die von Tidenunterschieden bis elf Meter geprägten Strömungen heißen. Das Flugzeug landet auf einer Piste auf der Dampier-Halbinsel, benannt nach dem britischen Seefahrer William Dampier. Er sagte 1688 über die australischen Ureinwohner: "Sie sind die erbärmlichsten der Welt."

Eric Hunter ist ein Aboriginal. Allerdings war einer seiner Urgroßväter Brite. Als der nach Australien kam, verhielt er sich wie die meisten Weißen. Sie eroberten das Land, und mit der Auswanderung ließen sie nicht nur die Heimat hinter sich, auch deren Normen. 14 Aboriginal-Frauen hatte Erics Urgroßvater, das Ergebnis: eine riesige Familie und viele Verwicklungen. Als Eric im heimatlichen One Arm Point ein Stück Land kaufen wollte, das einst seinem Vorfahren aus Europa gehört hatte, wurde ihm das verweigert - es sei Eigentum der Ureinwohner. Da wusste die Aboriginal-Verwaltung noch nicht, dass Eric einer der ihren ist.

Einkaufen für drei Monate

Eric ist 51, ein gedrungener Mann in blauem Polohemd, hellen Shorts, mit nackten Füßen. Er hat auf einer der gewaltigen Farmen in der Kimberley gearbeitet, 400.000 Hektar Land, 150 Kilometer bis zum nächsten Nachbarn, im November musste man für die wet season einkaufen, Lebensmittel für drei Monate, im April musste man überprüfen, wie viele Rinder noch lebten. Irgendwann war die Farm nicht mehr rentabel. Eric verlor seinen Job, ging nach Queensland, wo er unter anderem als Jäger arbeitete. Inzwischen, wieder zurück in Westaustralien, verdient er sein Geld mit dem Sammeln von Holz, das er den noch überwiegend australischen Touristen für ihre barbies verkauft, ihre Grillpartys, und als Tour-Guide. Sein jüngster Bruder, der zwölfjährige Sullivan, ein schweigsamer Junge im grünen Eminem-T-Shirt, begleitet uns beim bushwalk auf der Dampier-Halbinsel.

Ein bushwalk führt nicht immer durch den Busch und ist nicht unbedingt eine Wanderung. In einem alten Toyota-Jeep fahren wir durch jungen Eukalyptuswald, wir durchqueren Furten, einige sind so tief, dass der Wagen bis zur Motorhaube untertaucht. Dann klettert das Fahrzeug einen Hang hinauf, das Differenzial heult, bis sich die Stollenreifen durch den blendenden Sand der Curlew Bay wühlen. Mit einem Stück Holz, Schnur und Haken angeln wir. Aborigines nehmen dabei ihre Hockhaltung ein und warten. Sie können lange warten. Sie sehen auf den Ozean. Zeigen auf eine Riesenschildkröte. Amüsieren sich über die Fische, die nur den Köder abfressen. Wir fangen einige spanish flags, rötliche Fische mit gelben Streifen, und ein paar bluebones, das Geheimnis ihres Namens erschließt sich mir erst später, als ich das helle Fleisch von den blauen Gräten zupfe.

Heilt die Zeit die Wunden?

Auf dem Weg zur Feuerstelle pflückt Eric gelbe Früchte von einem Busch. Sie sind groß wie Kirschen, fühlen sich an wie Aprikosen, ihr mürbes Fleisch schmeckt wie Zitrone. In der Sprache der Bardi heißt die Kakadu-Pflaume madoorr, Eric nennt sie das Vitamin C der indigenous people. Deren Pflaster sind die Blätter des bilanggamarr-Baums, die man auf Wunden legt. Aborigines wissen, dass es dort, wo Schraubenpalmen wachsen, Wasser gibt. Dass grüne Ameisen ein feiner Snack sind. Eric wirft die Fische auf das Feuer. Nach 30 Minuten schiebt man die Schuppen mit einem Stock weg, wir klauben das Fleisch mit den Fingern ab. Es schmeckt wie gekocht. Dazu brechen wir Stücke aus einem Fladen "damper", einem ungesalzenen, in Sand gebackenem Brot, das zwischen den Zähnen knirscht.

"Der Hunter River heißt nach meinem Urgroßvater", sagt Eric, "das macht unsere Familie unsterblich." Meint er, der Aboriginal-Nachkomme eines Weißen, das ironisch? Ich suche nach einem Zeichen von Verbitterung in seinem Gesicht. Nichts, ganz ruhig hockt er da, isst Fisch und Brot, schaut auf das Meer.

Einst wurden die Ureinwohner von ihrem Land vertrieben, man hat ihnen die Frauen gestohlen, die Kinder weggenommen, die jungen Männer mussten nach Perlen tauchen. Heute gibt es eine vorsichtige Wiedergutmachung. Die Aborigines zeigen wenig Interesse. Eric erzählt von drei Männern aus One Arm Point, die für irgendein business Geld vom Staat bekamen. Sie haben es vertrunken. Eric sagt, man müsse seine Leute verstehen. "Das Land gibt uns, was wir brauchen. Wozu arbeiten?" Okay, das sei ein Ethno-Klischee. Auch in seiner Familie habe es Erkrankungen gegeben, die nur mit Pfanzen nicht zu heilen gewesen wären. Aber es sind Krankheiten dabei, die seine Leute früher nicht kannten.

Schlangen aus Toiletten

Am Abend kehre ich in mein Zelt zurück. In der Ferne rauscht der Indische Ozean, im Unterholz rascheln Echsen, auf meinem Zelt hocken große Spinnen. Ich denke an die Menschen, denen ich begegnet bin. An Trixi, Hochseilartistin im Ruhestand, die beim "Aboriginal Music Festival" Lose verkaufte und mich auf Deutsch begrüßte: "Hochverehrtes Publikum!" An Claire Prendergast, die 30-jährige Neuseeländerin, die quasi über Nacht zur Managerin einer Wilderness Lodge wurde und nun Schlangen aus Toiletten angelt. Ich denke an den Fernfahrer Greg Quicke, der auf seinen Touren im Freien schlief, Astronomiebücher zu lesen begann und heute Touristen mit einem Laserpointer den Sternenhimmel erklärt.

An Malcolm Douglas, den Down-under-Heinz Sielmann, der einen Krokodilpark betreibt und im Garten seines Privathauses so viele Känguru-Waisen aufpäppelt, dass er kein Privatleben mehr hat. An die Absolventen australischer Eliteuniversitäten, von denen jeder mindestens eine exotische Fremdsprache beherrscht - Polnisch, Arabisch, Japanisch, Deutsch -, und die ihre Karriere im diplomatischen Dienst mit einer Entdeckungsreise durch ihr eigenes Land beginnen.

Aus dem "GEO Saison"-Heft 1/2005, "Australien"