Baden-Württemberg Wein und Wissenschaft
Weinort Vogtsburg-Oberrotweil: Zwischen trockener Lehre und halbtrockenem Burgunder - am Kaiserstuhl finden Forschung und praktische Erfahrung auf verlockende Weise zusammen
Foto: DPA
Eine Frage zum Davonlaufen
Botaniker, so sagt man, hören sie gar nicht gern. Einer der Biologiestudenten hatte sie dennoch gestellt, an diesem sonnigen Nachmittag, als der Exkursionstross durch die Ihringer Weinberge zog: "Was ist das für eine Rebsorte?"
Die Antwort des Freiburger Dozenten kam unerwartet prompt: Ein Silvaner sei's, sagte er. Und zeigte damit, dass die Botanik bei ihm auch in der Lebenswirklichkeit nicht endet. Er, der seit dem Morgen durch die Lande gestapft war und jeden Grashalm mit Namen angesprochen hatte. Er, der unzählige Vorträge über die Orchideen am Wegesrand gehalten hatte, von denen man sagt, es gebe hier 33 Arten. Aber was war das alles im Vergleich zur Fähigkeit, die Weinsorte an den Rebstöcken zu erkennen?
Viele seiner akademischen Kollegen im Lande, das kann als sicher gelten, hätten an dieser Stelle passen müssen. Aber in Freiburg ist vieles anders. Denn vor den Toren der Stadt, am Kaiserstuhl, kommen sich Wissenschaft und Weinbau nahe wie an kaum einem anderen Ort. Und erschaffen so eine einmalige Mischung aus Geologie und Gastronomie, aus Botanik und Behaglichkeit.
Denn viel gibt es hier zu erforschen, im Südwesten der Republik. Zu einem "Mekka der Wissenschaftler", besonders der Geologen, Mineralogen und Botaniker hatte schon in den achtziger Jahren das baden-württembergische Umweltministerium den Kaiserstuhl ernannt. Schließlich sei das Gebiet ein "Exot unter den europäischen Landschaften." Seinem Klima, seiner Historie, seinem Boden sei Dank.
Die Geschichte der Hügellandschaft nahe dem Rhein begann vor 25 Millionen Jahren, als der Oberrheingraben aufbrach und an eben jener Stelle des Kaiserstuhls ein tiefer Vulkan glutflüssige Lava emporquellen ließ. Sie erstarrte allerdings, ehe sie die Oberfläche erreichte. Erst durch Abtragung des weicheren umliegenden Gesteins wurde das Lavagestein später freigelegt - der Kaiserstuhl war entstanden.
Biologisch und agrarwirtschaftlich aufgewertet wurde der 92 Quadratkilometer große Vulkanschlot in den Eiszeiten. An den Hängen lud der Wind feinsten Gesteinsstaub ab, den wir heute als Löss kennen - ein enorm nährstoffreicher Untergrund. In Verbindung mit einem oft als mediterran bezeichneten Klima (Ihringen am südlichen Kaiserstuhl rühmt sich, der wärmste Ort Deutschlands zu sein) konnte sich hier eine einzigartige biologische Vielfalt entwickeln. 2700 Schmetterlingsarten, 60 Schneckenarten und 40 Baumarten sind rund um das kleine Gebirge heimisch. Ein Paradies für Naturwissenschaftler und solche, die es werden wollen. Und für Winzer.
Über mehr als 4100 Hektar erstreckt sich der Weinbau am Kaiserstuhl - er macht gut ein Viertel der badischen Weinberge aus. Insbesondere die Burgundersorten sind hier auf den Rebterrassen zu Hause. Und als wirklich heimisch kann sich in den Dörfern nur betrachten, wer zumindest ein paar Ar an Rebland sein eigen nennt. Unterdessen ist in Breisach am westlichen Fuße des Kaiserstuhls der Badische Winzerkeller beheimatet, der stolz darauf ist, der größte und modernste Erzeugerbetrieb Europas zu sein mit einer Jahresproduktion von 20 bis 30 Millionen Liter, je nach Ernte.
Aber die Region hat auch bittere Erfahrungen machen müssen in der Vergangenheit. Etwa mit der Flurbereinigung, als die urtümliche Kleinterrassenlandschaft, dem Zeitgeist gemäß, zu Großterrassen planiert wurde - fortan hatte man mit Böschungsrutschungen und Erosion zu kämpfen. Oder Mitte der siebziger Jahre, als das Badenwerk in Wyhl am Kaiserstuhl ein Atomkraftwerk plante. Es wurde vor allem von den Winzern verhindert, die eine Mutation des Badischen Weins zur "Kaiserstühler Isotopenauslese" fürchteten.
Doch inzwischen ist es politisch ruhig geworden im Mezzogiorno Deutschlands. Geblieben ist als Folge des Wyhl-Kampfes noch immer die Liebe zu sauberen Energien, erkennbar an einer hohen Zahl von Solaranlagen auf den Dächern dieser prosperierenden Region. Die vermarktet sich längst als "Solarregion", was nicht allein klimatisch gemeint ist, sondern zugleich als energiepolitisches Bekenntnis.
Offiziell kommen die Biologen und Geografen, die oft in Scharen durchs Gelände streifen, natürlich einzig und allein der reinen Lehre wegen hierher. Sie forschen dann an Orten, deren Namen für eine akademische Bildungsreise ungewöhnlich verheißungsvoll klingen: Oberbergen und Bickensohl, Oberrotweil, Burkheim und Achkarren. Der durchschnittliche Zeitgenosse kennt sie allesamt von der Karte. Von der Weinkarte, wohlgemerkt.
So mischt sich dann in den Dörfern des Kaiserstuhls der akademische Kenntnisgewinn munter mit den nicht minder angenehmen Seiten der badischen Gastlichkeit. In den Fachwerkdörfern, mitunter nur wenige Kilometer von der französischen Grenze entfernt, sind es besonders die Besen- oder auch Straußenwirtschaften, die der Gegend ihren Charme verleihen. Oftmals in alten Scheunen untergebracht, handelt es sich dabei um ursprünglich von Winzern und Landwirten betriebene Lokale zur Direktvermarktung eigener Produkte. Typische Gerichte im Stil der badischen Leichtigkeit sind der "Bibliskäs", den man anderswo vielleicht als Hütten- oder Frischkäse bezeichnen würde, und natürlich im Herbst der Zwiebelkuchen zum neuen Wein.
Und vielleicht ist gerade das der besondere Reiz an Freiburg, dass die badische Gemütlichkeit bis in die Hörsäle der Universität reicht. Wer hier sein Studium abschließt, ohne jemals für eine (als Lehrveranstaltung apostrophierte) Weinprobe einen Exkursionsschein kassiert zu haben, darf sich eines sicher sein: Er hat etwas falsch gemacht.
Schließlich baut die altehrwürdige Albert-Ludwigs-Universität zu Freiburg sogar ihren eigenen Wein an und lässt damit die Grenzen zwischen der trockenen Lehre und dem halbtrockenen Burgunder verschwimmen. Es war im Jahre 1985, als man sich wieder auf diese Jahrhunderte alte Tradition besann. Denn schon zu ihrer Gründung im Jahre 1457 hatte Erzherzog Albrecht VI. von Österreich die Universität mit eigenen Weinbergen ausgestattet, um aus den Gewinnen des Rebensaftes den Hochschulbetrieb zu finanzieren. Auch die Professoren wurden seinerzeit aus den Wein-Erträgen bezahlt - gute Weinjahre brachten entsprechend bessere Gehälter. Erst als im Jahre 1806 die Universität vom Hause Habsburg an das Großherzogtum Baden übergegangen war, gab es für die Professoren feste Gehälter. Der universitäre Weinbau wurde aufgegeben. Zum Glück fand man wieder zurück zu den Wurzeln. Wie damals wird auch heute der Wein wieder mit dem Siegel der Universität vermarktet.
In einem Punkt allerdings scheinen sich Weinbau und analytische Lehre nicht so recht zu vertragen. Denn kaum hatte jener Exkursionsleiter den Wein treffsicher erkannt, musste er dann doch passen - bei der Frage nämlich, woran man den Sylvaner denn nun im Einzelnen erkenne. Schwer zu sagen, so etwas weiß man hier halt.
Damit hatte er natürlich ein Tabu gebrochen: Eine solche Absage an die biologische Systematik würde sich ein akademischer Botaniker niemals erlauben - es sei denn, er ist gerade in den Kaiserstühler Weinbergen unterwegs.
Aus "Merian"extra-Heft "Deutschland", Dezember 2004