Base-Flying Freier Fall vom höchsten Dach Berlins
Berlin - Der Blick zum Horizont soll beruhigen. "Das hat mir mal ein Psychologe erzählt", sagt Manuel Agostinho und schaut starr über das Berliner Häusermeer bis zur Trennlinie zwischen Himmel und Erde. Aus der scheinbar endlosen Ansammlung von Stein und Beton ragen Gebäude heraus wie das Rote Rathaus und der Berliner Dom. Das alles wirkt vom Dach des höchsten Gebäudes der Stadt wie die Ausstattung einer Modelleisenbahn.
Den Weg zurück aus der 39. Etage des Hotels Park Inn auf den Boden des Berliner Alexanderplatzes will Agostinho im beinahe freien Fall antreten. Dazu wird sich der 35-Jährige einen speziellen Anzug und Sicherheitsgurte anlegen, vom Personal auf dem Hoteldach an eine Seilwinde anleinen lassen und auf eine Rampe 125 Meter über dem Boden steigen. Sonst weiß er noch nicht so genau, was gleich mit ihm geschehen wird. Denn Base-Flying ist neu im Programm von Jochen Schweizer, einem Münchner Anbieter für Extremsport und Abenteuertouren.
"Ich fand die Idee toll", sagt Agostinho. "Ich wollte schon immer mal mit einem Fallschirm springen. Da kann das hier vielleicht eine gute Vorbereitung sein." Als einer der ersten Gäste darf der junge Mann die Anlage kostenlos testen. An diesem Freitag startet der normale Betrieb, von 10 bis 19 Uhr, sieben Tage in der Woche, zunächst bis Ende Juni. 99 Euro soll dann der Sprung in die Tiefe für zahlende Gäste kosten.
Adrenalinkicks für alle
Drei Monate hat es gedauert, mehrere Kräne, Seilwinden und eine Absprungrampe auf dem Hoteldach aufzubauen. "Diese Anlage ermöglicht jedermann, die wahnsinnigen Gefühle des Base-Jumps zu erleben, der extremsten Form des Fallschirmspringens - hier allerdings ohne Schirm", sagt Schweizer. Beim Base-Jumping springt man von Hochhäusern oder Klippen und öffnet erst nach einigen Sekunden freien Falls den Fallschirm.
Schweizer, 52 Jahre alt, schmales Gesicht, drahtige Statur, lebt in Superlativen. Er hat sich einen Namen gemacht als Kajakfahrer, Drachenflieger, als Extremsportler in allen Lagen. Jetzt verkauft er Adrenalinkicks an Feierabendabenteurer.
Den ersten Springern auf dem Hoteldach erklärt Schweizer, was sie in wenigen Momenten erwartet. Mit einer Geschwindigkeit von mehr als zehn Metern pro Sekunde werden sie in Richtung Boden sausen. "20 Meter davor wird dann gebremst", versichert Schweizer. "Es ist alles mehrfach gesichert." Die von seiner Firma entwickelte Seilwinde sei vergleichbar mit der in einem Aufzug.
Der Münchener Geschäftsmann betont immer wieder, dass kaum eine Gefahr bei seinen Abenteuern besteht. Doch erst Anfang des Monats verunglückte ein junges Paar im bayerischen Oberschleißheim bei einer Bungee-Aktion seiner Firma. Die Schüler hingen nach dem eigentlichen Sprung noch an dem Gummiband, als einer von Schweizers Mitarbeitern eine Seilverbindung löste. Das Paar knallte aus zwei Metern Höhe kopfüber auf den Boden und erlitt lebensgefährliche Verletzungen.
Tod am gerissenen Bungee-Seil
Es ist der dritte schwere Unfall des Unternehmens innerhalb weniger Jahre, wie kürzlich die "Süddeutsche Zeitung" berichtete. Im Jahr 2002 verwendeten Mitarbeiter ein falsches Seil, so dass ein 22-Jähriger mit dem Gesicht voran auf eine Wasserfläche prallte und sich schwer verletzte. Im Juli 2003 riss auf einer Anlage von Schweizer in Dortmund ein Bungee-Band, ein 31-jähriger Mainzer starb. Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen fahrlässiger Tötung, das Verfahren wurde allerdings 2005 eingestellt.
Von diesen Fällen weiß Manuel Agostinho vor seinem Sprung nichts. Er steht nun wenige Meter vor der Absprungrampe und muss feststellen: "Adrenalin ist eigentlich ein ziemlich unangenehmes Gefühl." Von seinem Entschluss soll ihn das nicht abbringen.
Agostinho lässt sich in den engen Ganzkörperanzug kleiden, der zumindest ein bisschen das Gefühl von Sicherheit vermittelt. Dann binden ihn Schweizers Mitarbeiter an die Seilwinde, führen ihn zum Rand der Rampe und hängen ihn waagerecht an einen Kran, so dass er knapp eine Minute lang 125 Meter hoch über dem Boden schwebt. Agostinho wagt keinen Blick nach unten. Er hält den Kopf im Nacken, zieht das Kinn hoch und starrt, wie er sich das vorgenommen hat, weiter auf den Horizont.
Es folgt der Countdown, drei, zwei, eins. Ein Mitarbeiter drückt den Knopf, und Agostinho rast schreiend dem Boden entgegen. "Es ist wie ein freier Fall, man wird nur durch den Wind gebremst", sagt der junge Mann, als er unten angekommen ist. Seine Pupillen sind stark geweitet, er steht noch wacklig auf den Beinen. "Man kann es erst in dem Moment genießen, in dem man realisiert, was passiert. Und dann ist es auch schon vorbei." Nur acht bis neun Sekunden dauert der kontrollierte Absturz in die Tiefe.
Jochen Schweizer befürchtet nicht, dass die Kunden wegen der Unfälle das Vertrauen in ihn verlieren könnten. "Man entscheidet sich auch dafür, ein minimales Risiko in Kauf zu nehmen", sagt er. Das sei vergleichbar mit der Entscheidung zwischen Auto und Motorrad: "Das Motorrad bringt einfach mehr Spaß."