Bremen Knockout im Keller
Mir ist schlecht.
Mein Fehler. Ich habe jede Probe geschluckt, statt sie wieder auszuspucken. Zudem habe ich auf der 2003er-Riesling-Präsentation im Bremer Ratskeller die Trockenbeerenauslese bereits nach einer halben Stunde probiert. Der Winzer fragte noch: "Sind Sie sicher, dass Sie diese Trockenbeerenauslese jetzt schon probieren wollen? Sie geben sich damit den Knockout!"
Natürlich dachte ich an eine überraschende Wirkung des Alkohols und hoffte auf eine Begegnung mit dem einen oder anderen Weingeist - einem von denen, über die Wilhelm Hauff 1827 so schön in seinen "Phantasien im Bremer Ratskeller" schrieb. Also bat ich ums Glas.
"Um Gotteswillen", sagt später ein Herr im Bremer Bacchuskeller, "das hätten Sie auf gar keinen Fall tun dürfen." Denn nun, lerne ich leider zu spät, sind meine Geschmacksnerven nicht mehr aufnahmefähig für alle anderen Rieslinge von der Mosel. Ich trinke dennoch weiter und denke an die Worte Shakespeares: "Guter Wein ist ein gutes, geselliges Ding, wenn man mit ihm umzugehn weiß."
Mich begeistert der kleine Bacchus auf dem monströsen Fass. Er erscheint mir sehr lebendig, wie er so mit seinem Glas Wein in der Hand jedem hier im Saale zuzuprosten scheint. Einige Gläser später - die exakte Anzahl vermag ich nicht zu erinnern - erfahre ich von einem anderen Herrn die Geschichte des Zimmermeisters Barthold. Dieser hat im Rausch sein ganzes Hab und Gut im Bacchussaal verspielt. Zuletzt gar verspielte er seine Seele an den Teufel. Das Ganze soll sich in der Silvesternacht zugetragen haben - seitdem erscheine der Satan stets zur Jahreswende. Ich bin froh, dass heute erst der 2. September ist. Allerdings - auferstehen die Weingeister nicht jedes Jahr Anfang September?
Ob der Herr neben mir Näheres weiß? Ich frage zunächst ganz unverfänglich: "Na, schon was bestellt?" Das war leider eine Spur zu keck, er antwortet irritiert, aber sanft: "Aber nein. Ich mache mir erst Vermerke, dann bestelle ich meine erste Auswahl nach Hause, und dort teste ich nochmal in aller Ruhe. Danach gebe ich erst meine größere Bestellung beim Kellermeister auf." Ich ahnte es, diese Bremer sind Profis. Der Weinhandel hat im Bremer Rathaus schon seit 1405 Tradition, und nicht umsonst nennt man den Bremer Ratskeller auch das 14. deutsche Weinbaugebiet. Ich bin offenbar hier die einzige Novizin.
Dennoch gehe ich weiter zum nächsten Winzer, halte ihm mein Glas freudig vor die Brust und sage: "Ich hätte gerne ein Pröbchen von jenem", dabei zeige ich auf die mittlere Flasche und lese: "Burgener Hasenläufer Riesling Auslese feinherb", und schon sprudelt es aus mir heraus: "Woher kommt der Name Burgener Hasenläufer?" Der Winzer errötet und antwortet: "Keine Ahnung, der war schon immer da."
Eins zu null für mich. Doch er kontert: "Und was machen Sie hier?" - mit einer etwas zu langen Betonung auf dem Sie. Ich fühle mich ertappt und gestehe, dass ich zum ersten Mal hier die Stufen hinabgeschritten wäre, vom Wein nichts verstünde, aber vom Bremer Ratskeller und vom Rosekeller schon manches gelesen hätte.
Er winkt einen Herrn herbei und sagt: "Herr Krötz, diese junge Dame ist ein Fall für Sie." Jetzt bloß nichts Falsches sagen, der Herr Kellermeister persönlich, Karl-Josef Krötz, eine Koryphäe in Sachen Wein. Der 47-Jährige begrüßt mich freundlich, lässt sich eine Probe einschenken, schwingt das Glas, hält die Nase in den Traubensaft und kaut den Wein. Er spuckt alle Proben wieder aus. Ich frage, wie viele Weine er im Jahre probiere. "So um die 3000, aber wie gesagt: nur probieren, nicht trinken!" Ich lächle mit mittlerweile hochroten Wangen.
Herr Krötz erklärt, dass der deutsche Riesling in Amerika, in Szene-Lokalen von New York bis L.A. schwer gefragt sei. Der Hüter von 500.000 Flaschen Wein und 1200 Sorten wird es wissen: Er allein hat die Schlüsselgewalt über die Schatzkammer und den berühmten Rosekeller.
Er winkt mir und schreitet in Richtung Halle. Vorbei am ehemaligen Senats- und Kaiserzimmer. Von 1890 bis 1914 war Kaiser Wilhelm II. hier einmal im Jahr zum Kaiserfrühstück zu Gast. Heute beherbergen die Räume das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Gourmet-Restaurant L' Orchidée. Dass in der Orchidée seit zwei Jahren auch Biere und internationale Weine ausgeschenkt werden, machte dem 19. Kellermeister - der erste Kellerhauptmann wurde 1627 urkundlich erwähnt - anfangs ein wenig zu schaffen. Aber mittlerweile sieht er das als angenehmen Wettstreit. Immerhin besitzt der Bremer Ratskeller die größte Weinkarte Deutschlands: mehr als 600 Sorten und Lagen stehen zu Auswahl.
Die "Priölken", die kleinen hölzernen Verschläge, und die Prunkfässer aus dem 17. und 18. Jahrhundert lassen wir links liegen. Laufen weiter durch Gewölbe, vorbei an Regalen voller Wein. Herr Krötz zeigt auf eine Glastür zwischen den Regalen, dahinter stehen eine Holzbank, ein Holztisch sowie ein paar Kisten. Diese Kammer ist ausschließlich für einen Herrn aus Hongkong reserviert. "Er wollte über mich Beziehungen zu den Spitzen-Châteaux in Frankreich bekommen." Doch Krötz konnte nicht helfen. Er präsentierte ihm stattdessen eine Auswahl deutscher Spitzen-Rieslinge. Seitdem hat jener Mann aus Hongkong ein Stübchen voll dieser edlen Tropfen.
Der Weinkeller erscheint mir wie ein Labyrinth mit Irrwegen aus großen alten Weinfässern, dicken Mauern und schmalen Weinregalen. Unser nächstes Ziel ist ein großes schmiedeeisernes Gartentor, über dem in goldenen Lettern steht: "Schatzkammer".
Hier lagern die besten Weine der größten Jahrgänge, darunter allein mehr als 150 verschiedene Trockenbeerenauslesen. Niemand außer dem Kellermeister darf die Kammer betreten. Ich linse durch die Gitter, erhasche einen Blick auf die Jahreszahlen 1921 und 1947. Die Flaschen liegen in Cellophan verpackt und sind mit einer dicken Staubschicht bedeckt. "Was muss man können, um diese Schatzkammer bestücken zu dürfen?", frage ich. "Sie müssen sehen können, ob die jungen Babys das Talent zu einer wahren Persönlichkeit haben", antwortet der diplomierte Weinbauingenieur. Das klingt mehr nach einem Talentscout als nach einem Kellermeister. Seit 1989 sucht Krötz nur die besten deutschen Weine, um sie dann mit dem Staatswappen als Gütesiegel zu etikettieren. "Ich berate aber auch die Stadt Bremen bei Empfängen. Ich sehe mich selbst als eine Art Weinberatungsstelle."
Ein paar Gänge später stehen wir vor einer schlichten dunkelbraunen Holztür. "Stellen Sie sich bitte hierher und schließen Sie die Augen." Ein kühler Luftzug weht mir entgegen. Es riecht alt, moderig und nach Rosinen. Ich darf die Augen öffnen und stehe inmitten der zwölf Apostelweine. Dicke, dunkle Fässer stehen aneinander gereiht in dem Gewölbe. Auf jedem brennt eine Kerze, elektrisches Licht gibt es nicht.
Am Ende des Raumes fallen durch ein kleines Kellerfenster die letzten Sonnenstrahlen. Vor einem großen Fass steht ein kleiner Tisch mit zwei Kerzen. Ein kleiner Altar für den ältesten deutschen Fasswein: "Rüdesheimer 1653". Über dieser Rarität thront an der Decke ein Gemälde einer Rose. Links an der Wand hängt das Gemälde der nach dieser Rose benannten Jungfrau. Von Weingeistern keine Spur. Der Kellermeister fürchtet sie ohnehin nicht. Herrn Krötz' Verhältnis zum Wein ist eher ein väterliches. Er streicht liebevoll mit der Hand über das mächtige 1200-Liter-Fass. Obwohl er immer nur probiert.
Aus "Merian"extra-Heft "Deutschland", Dezember 2004