Brighton Neu-London mit Meeresblick
Mit nur 50 Minuten Fahrzeit nach London Victoria Station könnte sich Brighton an der Südküste Englands fast schon als Vorort von London bezeichnen. Will es aber nicht, denn die hübsche Seestadt hat Grund genug, stolz auf die eigene Identität zu sein. Brighton hat in den letzten Jahrhunderten eine wundersame Wandlung durchlebt: Vom Fischerdörfchen zum mondänen Seebad, vom schmucklosen "seaside resort" zur quirligen Szene-Stadt.
Viele Londoner kommen heute am Wochenende heruntergefahren, um Sonne zu tanken, die Nase in die salzige Brise zu halten und am Strandabschnitt "Strip" in Hove in den vielen hübschen Cafés einen Latte Macchiato zu trinken. Der Glamour-Faktor des traditionsreichen Seebads ist deutlich gestiegen, seit Brighton sich im Jahr 2000 mit dem eleganten Nachbarort Hove zu einer Stadt zusammenschloss. Wem London zu groß wird, der zieht heute nach Brighton: Wie zum Beispiel die Schauspielerin Cate Blanchett, der Sänger Jimmy Somerville oder DJ Fatboy Slim.
Ein unbedeutender Landarzt aus Sussex ist schuld daran, dass Brighton jemals Berühmtheit erlangte. Vor 250 Jahren noch war Brighthelmstone am English Channel ein unbedeutendes Fischerdörfchen - bis Quacksalber Richard Russell aus der Kleinstadt Lewes auf die glorreiche Idee kam, seinen drüsenkranken Patienten Trink- und Badekuren im Meer zu verordnen. Er schickte sie ins nächstgelegene Fischerdorf Brighthelmstone und war begeistert von der Entdeckung, dass Seeluft und Meerwasser seinen Patienten gut taten. Russells Veröffentlichung "Dissertation on the Use of Sea Water in the Affections of the Glands" von 1753 schlug in England so hohe Wellen, dass fortan alle Welt ins Dörfchen Brighton, wie es kurzerhand getauft wurde, pilgerte.
Russell wusste daraus Profit zu schlagen und etablierte das Dorf als eleganten Kurort, der schon nach kurzer Zeit den Spitznamen "London-on-Sea" weghatte. Die Entwicklung des Ortes zum mondänen Seebad wurde noch weiter beschleunigt durch die Ankunft des jungen Prinzregenten George IV, der sich in Brighton ein Bauernhaus kaufte und fortan einen Großteil seiner Freizeit dort verbrachte. Doch George IV sorgte auch gleichzeitig für den Ruf als Sündenpfuhl, der Brighton - mittlerweile zu Unrecht - noch immer nachhängt: Der junge Kronprinz genoss das entspannte Leben in der Kleinstadt fernab vom strengen Hofe seines Vaters und ging hier ungebremst seinen Gelüsten nach. Er trank, liebte Frauen und spielte in den Casinos, bis er pleite war. Sein Farmhaus ließ George IV über die Jahre umbauen zum Royal Pavilion, einem fantastischen Palast im indisch-chinesischen Stil, der noch heute als eindrückliches Beispiel des englischen Exzentrismus gilt.
Im 20. Jahrhundert entwickelte sich Brighton zu einem typisch englischen "seaside resort" für die Massen, komplett mit zwei Vergnügungspiers, die weit ins Meer hineinragten: Dem noch stehenden Palace Pier (1899) und dem West Pier (1866), das nach diversen Feuerbränden und unentschlossenen Renovierungsplänen Ende 2002 endgültig in sich zusammenbrach. Obwohl sich Brighton inzwischen erfolgreich bemüht, vom klassischen britischen Seebad-Image mit Volksvergnügen und Remmidemmi wegzukommen, finden sich hier und da immer noch Spuren dieser Vergnügungskultur: Auf dem Palace Pier erinnern Karussells, Daddelautomaten und Fast-Food-Outlets an vergangene Zeiten und wer den sieben Kilometern langen Stadtstrand entlang wandert, wird immer wieder auf Bingo-Clubs, Fish and Chips Shops, Süßigkeitenstände mit grellen Zuckerstangen und fliegende Fischhändler treffen.
Teatime am Strand
Doch die proletarische Vergnügungskultur in Brighton nimmt ab - was vor allem mit dem stetigen Zuwachs der "gay community" zu tun hat. Schon 1988 erklärte die britische Boulevardzeitung Sun das Seebad zum "gay capital of Europe". Die neuen schwulen Mitbürgern trugen maßgeblich zu einer "gentrification" des Stadtbildes bei, denn mit ihnen kamen auch schicke Bars, Kneipen, Restaurants und Designerläden, vor allem rund um das Viertel Kemptown, das inzwischen auch als "gay village" bekannt ist.
Brighton ist keine Stadt, die man tagelang mit dem Reiseführer in der Hand durchstreifen sollte. Sie ist eine Stadt zum Spazieren gehen, Sonnenbaden, Kaffee trinken, Shoppen, Sehen und Gesehen werden. Im Herzen Brightons liegen die Laines, das alte Fischerdörfchen, in dessen kleinen Gassen zahllose Cafés, Boutiquen und Restaurants florieren. An sie schließt die North Laine an, ein Kulturviertel mit hunderten kunterbunter Läden, die alles von indischen Stoffen bis hin zu schwedischen Glaswaren und lateinamerikanischen Möbeln bieten. Wer von hier aus an der Promenade gen Osten wandert, zwischen Inlineskatern, Fahrradfahrern, Joggern und Spaziergängern, wird das wahrhaft mondäne Brighton entdecken: Die Stadtteile Kemp Town, Hanover, Brunswick und Hove wurden während der Regency Zeit gebaut und zeichnen sich durch elegante halbmondförmige Straßenzüge ("Crescents") aus, die sich malerisch in die Hänge schmiegen.
An jeder Ecke finden sich hier schöne Plätze mit Cafés, Delikatessenläden und Gemüsehändlern. Und auch der Strandabschnitt zeigt sich deutlich geschmackvoller: Auf dem Kieselstrand stehen farbenfrohe alte "beach huts" und dahinter beginnt der "Strip", eine Meile mit hübschen Cafés und Restaurants. Hier am Strand zu sitzen, vor sich das Meer und über sich die Möwen, in der Hand ein Pint Bier oder ein Becher Tee, bedeutet für viele Brightoner höchste Lebensqualität. Schon so mancher hat sich danach nicht mehr in den Zug nach London gesetzt.