Busreisen: Selbst ist der Passagier - DER SPIEGEL
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Busreisen Selbst ist der Passagier

Trotz der schweren Unfälle in Ungarn und Frankreich zählen Busse noch immer zu den sichersten Verkehrsmitteln. Dennoch sollten sich Urlauber bereits vor einer Buchung nach dem Zustand der Fahrzeuge erkundigen und auf der Reise übermüdete Fahrer zur Pause zwingen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin/München - Wer sich angesichts der Terrorgefahr im Flugzeug zuletzt lieber erdgebundenen Transportmitteln anvertraute, muss nach den Busunfällen von Ungarn und Frankreich erkennen, dass es auf Reisen keine absolute Sicherheit gibt. Die relative Sicherheit spreche immer noch für den Bus, heißt es beim Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer (BDO) in Berlin. So sei das Risiko, im Auto tödlich zu verunglücken, 62mal höher, bei der Bahn siebenmal und beim Flugzeug sechsmal. Doch Statistiken haben sich schon gegen Flugangst als weitgehend wirkungslos erwiesen. Wer seine Busreise entspannt antreten möchte, sollte vor der Abfahrt die richtigen Fragen stellen.

"Die Mehrzahl der Busse in Deutschland ist modern", sagt BDO-Sprecher Martin Kaßeler. Modern heißt: Die Fahrzeuge verfügen über einen automatischen Tempobegrenzer, ein elektronisches System wie ESP, das in kritischen Fahrsituationen stabilisierend eingreift, und Sicherheitsgurte. Seit dem 1. Oktober 1999 müssen nach BDO-Angaben alle neu in den Verkehr kommenden Busse mit Gurten ausgerüstet sein. Da Reisebusse in der Regel alle vier Jahre ausgewechselt würden, fänden Urlauber dieses Sicherheitsmerkmal jetzt in den meisten Fahrzeugen vor, so Kaßeler. Peter Hemschik vom ADAC in München hält das für eine allzu optimistische Behauptung. "Ein Austausch alle vier Jahre? Das wäre wirklich traumhaft."

In der Praxis kommt es darauf an, die wirklich modernen Fahrzeuge von den rollenden Seelenverkäufern zu unterscheiden - und das nicht erst, wenn es schon zu spät ist. Bereits bei der Buchung im Reisebüro sollten sich Kunden über das Busunternehmen erkundigen: Wie lange hält es sich schon am Markt? Wie alt ist die Fahrzeugflotte? Und ganz konkret: Sind bei längeren Reisen zwei Fahrer mit an Bord?

Nach Empfehlung des Bundesverbandes der Reiseleiter, Animateure und Gästeführer in Borkheide (Brandenburg) sollten Urlauber darauf achten, dass die Fahrt nicht über Nacht stattfindet. Andernfalls müsse zumindest sicher gestellt sein, dass der zweite Fahrer in Ruhepausen auch wirklich schläft und nicht etwa Serviceaufgaben übernimmt. "Der braucht eine eigene Koje", bekräftigt ADAC-Experte Hemschik.

Wenn sich das mulmige Gefühl erst beim Anblick des Busses oder des Busfahrers einstellt, sind dem Handeln Grenzen gezogen: "Nur wenn wirklich augenfällig etwas nicht stimmt, kann der Kunde wegen Transportgefährdung den Reiseantritt verweigern", sagt Klaus-Peter Tilly von der Deutschen Gesellschaft für Reiserecht in Frankfurt. "Ein rein subjektives Gefühl ist kein Rücktrittsgrund." Auch müsse dem Busunternehmer vorher die Möglichkeit zur Beseitigung des Mangels gegeben werden. Konkret heißt das: Passagiere müssen vom Busfahrer Aufklärung verlangen und versuchen, den Unternehmer über Handy zu erreichen. "Die Telefonnummer steht ja meist aus Werbegründen auf der Karosserie", so Tilly.

Erst wenn diese Versuche fehlschlagen, kann an einen Abbruch der Reise gedacht werden. In jedem Fall sollten sich Betroffene aber um Zeugen bemühen: sei es unter den Mitreisenden oder begleitenden Angehörigen. Macht der Fahrer einen total übermüdeten Eindruck, kann laut Tilly zur Kontrolle des Fahrtenbuches auch die Polizei hinzugezogen werden. Erscheint das Tempo unterwegs allzu halsbrecherisch, sollten Insassen aktiv werden und den Fahrer zur Mäßigung auffordern. "Das erfordert Mut", weiß ADAC-Sprecher Hemschik. Abstriche bei der Bequemlichkeit bringt das Anlegen der Gurte, sofern vorhanden, mit sich. Aber zumindest in diesem Punkt ist Sicherheit keine Einbahnstraße.

Von Tobias Wiethoff, gms