China Maos letztes Musterdorf
In Nanjie, einem kleinen Dorf in China, beginnt der Tag nicht mit dem Krähen eines Hahns. In der Morgendämmerung ertönt über Lautsprecher ein bekanntes Loblied auf Mao: "Der Osten ist rot, die Sonne geht auf, China hat Mao Tse-tung hervorgebracht!" Während sich 1,3 Milliarden Chinesen mehr und mehr dem Kapitalismus zuwenden, ist für die 3500 Einwohner von Nanjie noch alles wie vor vierzig Jahren. Sie leben nach den Prinzipien Maos, des Gründers der kommunistischen Volksrepublik China.
Im fahlen Dämmerlicht des heraufziehenden Tages radeln Fahrradfahrer die Hauptstraße entlang. Sie führt auf den Platz des roten Ostens, der 1993 zum hundertsten Geburtstag Maos eingeweiht wurde. Umsäumt von Kiefern und Zypressen, rund um die Uhr bewacht von zwei jungen Soldaten der örtlichen Miliz in zu großen Uniformen, steht Mao selbst. Als weiße Marmorstatue thront der "große Steuermann" über dem Geschehen und erwartet die ersten Sonnenstrahlen.
Hier, mitten in der verarmten zentralchinesischen Provinz Henan, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Rund um die Mao-Statue aus weißem Marmor flattern vierzig rote Fahnen im Wind, riesige Porträts von Marx, Engels, Lenin und Stalin komplettieren die Ausstattung des Platzes.
Instant-Nudeln für das Kollektiv
Die Fahrradfahrer sind auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz in einer der rund 20 Fabriken des Dorfes, die alle im Besitz der Gemeinde sind. Denn neben dem Personenkult halten die Dorfbewohner auch an der Planwirtschaft fest. Produziert werden in den kollektivierten Betrieben etwa Verpackungen oder Instant-Nudeln, die sogar landesweit vertrieben werden. Die Arbeiter bekommen medizinische Versorgung, Ausbildung sowie Lebensmittel und Unterkunft umsonst.
"Hier in China ist Nanjie sicherlich etwas besonderes", sagt Chen Xinjian, ein 40-jähriger Bankangestellter. "Alles ist kollektiviert", erzählt Chen, der allerdings die niedrigen Löhne ein wenig bedauert. Während ganz China über stetig steigendes Schulgeld, Gesundheitskosten sowie Mieten diskutiere, sei Nanjie frei von diesen Sorgen, betont Wang Hongbin. Der 56-Jährige ist seit drei Jahrzehnten Sekretär der Kommunistischen Partei, als dienstältester Beamter überwacht er das Dorfleben. Die Kommune habe eine "Kollektivwirtschaft gebildet, um gemeinsamen Wohlstand zu erreichen", erklärt Wang in seinem von Mao-Devotionalien überquillenden Büro.
Erlebnispark für Touristen
Figürchen, Bilder und andere Andenken an den großen Kommunisten finden sich natürlich auch in den Läden des Dorfes. Auch hier erklingt wieder das morgendliche Loblied auf Mao - diesmal gedudelt von einer Wanduhr, die außer mit Blinklichtern natürlich auch mit einem Bild des Staatsgründers verziert ist. Für die Bewohner Nanjies ist die Treue zu Mao auch eine Einnahmequelle, denn zahlreiche Touristen kommen in das sonderbare Dorf.
Die Besucher decken sich mit Kommunismus-Kitsch ein, flanieren über den Platz des roten Ostens am Marmor-Mao vorbei und besuchen den Erlebnispark, der für mehrere Millionen Euro zwischen Feldern und einem Industriegebiet errichtet wurde. Dort fahren die Besucher in kleinen Elektroautos herum und besichtigen einen identischen Nachbbau von Maos Geburtshaus. Nanjie sei zwar kein historischer Ort des chinesischen Kommunismus, sagt Parteisekretär Wang, aber dafür werde dort der Kommunismus noch gelebt.
Die Frage ist nur, wie lange noch. Nach Maos Tod im Jahr 1976 und den darauf folgenden Reformen habe sich alles "viel zu schnell" geändert, sagt der 46-jährige Schuldirektor Guo Fushen. Verglichen mit seiner Generation sei Mao heutzutage nur noch für wenige junge Menschen Vorbild." Die interessierten sich eher für in- und ausländische Sänger oder Schauspieler, beklagt der Lehrer. Noch heißt es in Nanjie aber jeden Morgen: "Der Osten ist rot, die Sonne geht auf..."
Von François Bougon, AFP