Dalís Heimat: Surrealistisches Dreieck - DER SPIEGEL
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Dalís Heimat Surrealistisches Dreieck

Die Steine von Cardaqués mit ihrer Farbpalette zwischen Honig und Blutrot, der Himmel und das Meer sind die heimlichen Hauptdarsteller auf Dalís Bildern. Der spanische Surrealist war ein Kind der Region Empordà, die Landschaft zwischen Figueres, Cadaqués und Púbol Quelle seines Schaffens.
Von Verena Carl
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eines Abends im Jahr 1949 machte der achtjährige Lluís Duran junior sich ernsthaft Sorgen. Der Herr mit dem gezwirbelten Schnurrbart, der da am Ecktisch des väterlichen "Restaurant Duran" in Figueres saß, zückte einfach einen Stift und kritzelte kleine Zeichnungen auf das Tischtuch. Lluís Duran senior blieb erstaunlich cool. "Lass gut sein, das ist ein alter Schulfreund von mir." Und beförderte das Kunstwerk später kurzerhand in die Wäscherei.

Er war schon ein komischer Typ, Senyor Durans alter Schulfreund Salvador Dalí. Warf mit Schüsseln heißer Bohnensuppe um sich, wenn's ihm beim Essen zu langweilig wurde. Dinierte in einer Gesellschaft nackter Schaufensterpuppen, so dass die braven Bürger an den Nachbartischen verschämt in ihre Paella-Pfannen starrten. Verrückt, loco. Oder, wie man auf Katalanisch sagt: "entramuntanat" - nach dem stürmischen Wind Tramuntana, der in den Wintermonaten Hirne und Herzen durchpustet und so manchen in den Wahnsinn treibt.

Dabei war der Mitbegründer des Surrealismus damals schon ein internationaler Star. Ausstellungen in Pariser Galerien und im New Yorker Museum of Modern Art, sein Foto auf dem Cover des "Time Magazine". 1948 ist er aus den USA zurückgekommen, um wieder in seiner Heimat zu leben: der Region Empordà, eingekeilt zwischen den Bergketten der Pyrenäen und dem tintenfassblauen Mittelmeer. Eine Landschaft voll sichtbarer Begrenzungen, aus der Dalí als junger Mann erst einmal fliehen musste, um sich selbst zu finden. Und gleichzeitig der Stoff, aus dem Surrealistenträume sind: Dalí und der Empordà gehören zusammen wie Cézanne und die Provence, wie Gauguin und die Südsee. In Cadaqués an der Küste besaß Dalí ein Haus, in seine Geburtsstadt Figueres kam er zum Essen, zum Feiern und Geschäftemachen.

Figueres - Ohne Dalí ein unbedeutendes Nest

Figueres und Dalí, das ist eine doppelte Erfolgsgeschichte. Hier wurde er 1904 als Sohn eines Notars geboren, hier besuchte er seine erste Zeichenklasse, schrieb der 24-Jährige im Straßencafé das Buch zu "Un chien andalou", den Film, den er mit Luis Buñuel drehte. Ohne ihren berühmten Sohn wäre die Stadt heute wohl ein unbedeutendes Nest: im Zentrum die Rambla, eine Mini-Ausgabe der Barceloniner Prachtstraße, Frauen mit haarspraybetonierten Helmfrisuren, dunkle Gassen, in denen es nach Ducados-Zigaretten und Putzmitteln riecht. Doch in den siebziger Jahren machte Figueres Dalí und sich selbst ein Geschenk: ein Museum, aufgebaut auf den Ruinen des Stadttheaters.

Wie ein Traumbild thront das Gebäude mit dem Fassadenschmuck aus vergoldeten Eiern, Brotlaiben und pseudo-antiken Götterstatuen mitten in der Altstadt, nur einen Katzensprung von Dalís Taufkirche Sant Pere entfernt. Wer drinnen seine "Greatest Hits" erwartet, wird enttäuscht: Die berühmtesten Bilder hängen in Madrid, Köln oder New York. Dennoch ist ein Drittel des Gesamtwerkes in Figueres ausgestellt, etwa die Rauminstallation nach dem Porträt von Mae West, mit einem roten Sofa als Mund und einem Kamin als Nase.

Einzigartig ist das "Teatre-Museu Dalí" aber als Gesamtkunstwerk, als Theater der Erinnerungen. Mit Frühwerken, in denen sich der junge Dalí mit verschiedenen Kunstströmungen auseinander setzte; späten Bildern, nach dem Tod seiner Frau entstanden, voller Angst und Schmerz. Monster-Skulpturen, die aus ausgedienten Rathausschubladen, Meerestieren von der Küste, Wasserspeiern der Kirche Sant Pere, Steinen und abgesägten Ästen bestehen.

In diesem Spielzimmer verbrachte das ewige Kind die letzten Jahre seines Lebens. Eigentlich wohnte er in der angrenzenden Torre Galatea, einem mittelalterlichen Stadtturm. "Aber manchmal hat er seine Siesta auch in einem der Ausstellungsräume gehalten", erzählt die Museumssprecherin Imma Parada. Und als er eines Tages gar nicht mehr aufstand, behielt man ihn gleich hier: Dalí liegt in seinem eigenen Museum begraben. Auf der früheren Theaterbühne - wo sonst? - ist eine Grabplatte ohne Namenszug in den Boden eingelassen. Manchmal schlittern Schulkinder auf der glatten Oberfläche herum, ohne zu wissen, wer ihnen da zu Füßen liegt.

Unaufhörliche Metamorphose der Felsen

Mit einer Million jährlichen Besuchern ist das Museum nach dem Madrider Prado der wichtigste Musentempel Spaniens, außerdem ein Motor für die Souvenirindustrie. Und wenn heute Gäste ins "Restaurant Duran" kommen, dann nicht nur wegen katalanischer Wurst. Sondern auch wegen der Fotos, die den Vater des Wirtes, Lluís Duran senior, mit seinem berühmten Stammgast zeigen. Daneben hängen alte Speisekarten, bedeckt mit Originalzeichnungen. Anders als die Tischdecke waren diese nicht abwaschbar. Glück gehabt.

In Figueres begann und endete Dalís Leben - doch zu großen Teilen fand es in Cadaqués statt, etwa 30 Kilometer östlich am Cap de Creus gelegen. Hier, im Ferienhaus der Familie, verbrachte er malend die Sommer seiner Kindheit, hier traf er 1929 seine Frau und Muse Gala, hier luden die beiden zu Mondscheinpartys am penisförmigen Pool ihres Hauses. Ein altes Schwarzweiß-Porträt zeigt Familie Dalí um 1910 am Strand, Salvador und seine Schwester Ana María im Matrosen-Look, Mutter im hochgeschlossenen Kleid, Vater im hellen Sommeranzug.

Gemeinsam hocken sie auf einem der Felsen, die später den Rahmen für so manche surrealistische Szenerie abgaben - diese Steine mit ihrer Farbpalette zwischen Honig und Blutrot, der Himmel und das Meer sind die heimlichen Hauptdarsteller auf Dalís Bilder-Bühnen. Sie rahmen die zerfließenden Uhren ein, sie umschlingen die "Leda atómica", sie lassen das "Gespenst des Sex-Appeals" plastisch hervortreten. "Alle Felsen des Cap de Creus befinden sich in unaufhörlicher Metamorphose", schreibt Dalí. Alles "ist eine Suggestion, die es erlaubt, sich spontan einen Adler, ein Kamel, einen Hahn, eine Löwen, eine Frau vorzustellen. Ich bin überzeugt, dass ich den lebendigen Kern dieser Landschaft verkörpere."

Cadaqués - Anlaufstelle für schräge Gestalten

Cadaqués war Anfang des 20. Jahrhunderts ein besonderer Ort: über eine kleine Bergkette nur mühsam zu erreichen, Heimat eines abenteuerlustigen Menschenschlages, der seinen eigenen Dialekt sprach. 100 Jahre später gibt es längst eine bequeme Passstraße. Aber noch immer gelten die Katalanen von Cadaqués als raubeinige Sturköpfe.

In den zwanziger Jahren wurde der Ort plötzlich eine Anlaufstelle für schräge Gestalten - Künstlertypen aus Madrid und Paris, die sich das surrealistische Wunderkind von nahem anschauen wollten. Salvadors Schwester sah's mit Skepsis. Den Poeten García Lorca, ja, den mochte sie. Der war zwar schwul und unheimlich verliebt in Salvador. Das aber so heimlich, dass Ana María es gut mit ihren moralischen Grundsätzen vereinbaren konnte (falls sie es überhaupt durchschaute). Aber nun auf einmal kam dieser verrückte Regisseur Buñuel und dann dieser obszöne Dichter Paul Éluard - und ausgerechnet dem spannte ihr Bruder die Frau aus, obwohl Gala volle zehn Jahre älter war. "Perverse, zerstörerische Monster" nannte Ana María die Intellektuellenclique und sorgte sich um ihr Cadaqués.

Eine grundlose Sorge. Bis heute ist der Ort eine Ausnahmeerscheinung an der Urlaubsküste. Wer an der Costa Brava nur Sonne, Sand und Sangría sucht, verirrt sich kaum hierher - Cadaqués hat nämlich keinen Strand, nur einige steinige Badeplätze. Die weiß getünchten Häuschen sehen aus, als wüchsen sie organisch aus dem felsigen Untergrund, in der Bucht dümpeln bunte Boote, und abends verbreiten die von Kerzen erleuchteten Bars einen beinahe weihnachtlichen Glanz auf der Hafenpromenade. Schutzpatron der Kunsthändler, Hotelbesitzer und Wirte ist auch hier "San Salvador": kaum eine Galerie, die nicht einen seiner zahlreichen Epigonen ausstellt, kaum eine Bar, in der nicht ein vergilbtes Foto mit dem berühmten Schnurrbart hängt.

Portlligat - Miniatur-Ausgabe des Empordà

Hauptanziehungspunkt für Besucher ist das ehemalige Wohnhaus der Dalís in der benachbarten Bucht von Portlligat. Aus einer einfachen Fischerkate wurde über viele Jahre hinweg ein Zuhause mit surrealistischem Innenleben. Wie eine Eizelle zum Embryo wird, begann das Haus des kinderlosen Paares zu wachsen: Jahr für Jahr kauften die beiden Schuppen und Hütten der Nachbarschaft auf und verbanden sie durch Gänge und Korridore zu einem bienenstockartigen Anwesen.

Kommt man den Abhang hinunter, tauchen plötzlich Gipsköpfe und riesige weiße Eier aus dem silbrigen Blättermeer eines Olivenhains auf, schließlich die Dächer, auf denen sie stehen, und die Mauer, die das Anwesen umgibt. Die Bucht von Portlligat ist beinahe ganz von Felsen eingeschlossen, und ein wenig wirkt sie wie eine Miniatur-Ausgabe des Empordà: die ganze Landschaft auf einen Blick, von den Bergketten bis zum Ozean. Manchmal aufgewühlt, manchmal still wie ein glatt gezogenes Betttuch, das man einfach so wegziehen könnte. Auch ein Motiv, das Dalí gemalt hat.

Einer, der häufig im Künstlerhaus aus- und einging, ist Joan Vehí. Seit 1952 zimmerte der Schreiner aus Cadaqués Bilderrahmen und Stühle, Kommoden und ein Bett für Salvador und Gala. Und weil der alte Mann mit der beeindruckend glänzenden Glatze nicht nur mit Säge und Hobel, sondern auch mit der Kamera hervorragend umgehen konnte, hat er dieses andere, private Gesicht auch festgehalten.

In seinem Fotoatelier in der Carrer de l'Església bewahrt er mehrere Kunstlederalben mit überraschenden, seltsam berührenden Aufnahmen auf. Dalí in den Fünfzigern am Strand, ein hart gekochtes Ei essend; Dalí in den Sechzigern im Liegestuhl, eine Blume hinters Ohr gesteckt, die Füße in katalanischen Strohschlappen; Dalí in den Siebzigern, wie er Gala einen herzhaften Kuss auf den Mund gibt - ein Motiv mit Seltenheitswert.

Púbol - Magischster Ort des Dreiecks

Es war eine große Liebe, zweifellos. Aber auch eine, die Abstand brauchte. Um 1970, Gala war mittlerweile eine alte Dame, wurde ihr der Rummel in Portlligat zu viel. Sie wollte einen Ort, an dem sie ihre Ruhe hatte. Und an dem sie sich, Gerüchten zufolge, mit ihren Liebhabern treffen konnte. Dalí schenkte ihr die Burg von Púbol, ein verfallenes Gebäude aus dem 14. Jahrhundert. Er ließ es nach ihrem Geschmack einrichten und legte einen surrealistischen Garten im Innenhof an, mit Skulpturen seiner berühmten "Elefanten auf Spinnenbeinen", Brunnen und einem Labyrinth. Auf der Burg verbrachte Gala ihre letzten zehn Lebensjahre, hier musste angeblich selbst ihr Mann sich schriftlich , wenn er zu Besuch kommen wollte, und hier liegt sie begraben.

Auf der Landkarte bilden Figueres, Cadaqués und Púbol eine spitzwinklige Figur, das so genannte "surrealistische Dreieck". Púbol ist der südlichste Punkt und vielleicht der magischste der drei. Die Landstraßen auf dem Weg sind von Pappeln gesäumt, im Sommer eine grüne Armee, im Winter ein bleiches Geisterheer mit tausenden von Armen. Púbol selbst hat keine hundert Einwohner, ein Ort mit dicken, uralten Steinmauern, schmiedeeisernen Fenstergittern und Gaslaternen.

Nach Galas Tod verließ Dalí Portlligat und lebte noch einige Jahre in Púbol, ehe er in sein Museum nach Figueres zog. Púbol war es auch, wo der Gottvater des Surrealismus 1983 sein letztes Bild malte. "Cua d'oreneta" heißt es, "Schwalbenschwanz", und besteht eigentlich nur aus einem einzigen, dynamischen Strich.

Danach legte er Leinwand und Pinsel für immer weg. Aber in seinem Kopf wird bis zur letzten Minute das surrealistische Orchester weitergespielt haben, zu dessen Takt er durchs Leben tanzte. "Jeden Tag", so heißt es in seiner Autobiographie "Das geheime Leben des Salvador Dalí", "jeden Tag reite ich das Pferd meiner Phantasie bis zum Äußersten."

Und wer ihn besuchen kommt und selbst ein bisschen Phantasie mitbringt, den lässt er aufsteigen und nimmt ihn mit.

Der gesamte Artikel steht im "Merian-Heft" "Barcelona", Mai 2005