Eiszeit Eine Wüste mitten im Eis
Der letzte Schönwetter-Tag bescherte uns einen Besuch in Scotts Terra Nova Hütte. Sie war Ausgangsort der wohl tragischsten Episode im Wettlauf um die Eroberung des Südpols. Von hier brach Sir Robert Falcon Scott zu seiner letzten Expedition auf. Nach einer der bittersten Erfahrungen seines Lebens schrieb Scott am 16. Januar 1912 in sein Tagebuch:
"Lager 68. Höhe 2970 Meter. Das Furchtbare ist eingetreten. Das Schlimmste, was uns widerfahren konnte... Die Norweger sind uns zuvorgekommen - Amundsen ist der erste am Pol! Schrecklich genug, dass wir uns hierher gequält haben ohne den Lohn, die ersten zu sein... Das wird ein zermürbender Rückmarsch werden... Vor uns liegt eine Strecke von 1500 Kilometern mühsamer Wanderung - 1500 Kilometer Entbehrung, Hunger und Kälte! Wohlan. Traum meiner Tage - leb' wohl!"
Flucht unter die Tischtennisplatte
Von Hunger und Entbehrung kann an Bord der Kapitan Khlebnikov keine Rede sein. Einzige Entbehrung momentan ist das schöne Wetter. Heute ist mal wieder ein bisschen "Rock'n Roll" angesagt. So nennt man das, wenn die Kapitan Khlebnikov die etwas andere Berg - und Talfahrt macht. An Schlafen ist nicht zu denken.
Es sei denn, man macht es wie Fabrice, mein französischer Tischtennispartner, der heute Nacht aus seiner Kabine von Deck 8 nach Deck 3 gezogen ist, um unter unserem Sportgerät zu schlafen. Er meint, dass sei ein bisschen hart gewesen, aber lieber hart schlafen als gar nicht. Denn unten im "Gym" (von Gymnastik) sind die Schiffsbewegungen nicht ganz so schlingernd.
Ferngesteuertes Frühstück
Heute Morgen sah man etliche zerknirschte Gestalten. Eine Frau erschien sogar barfuß zum Frühstück, weil sie sich nicht auf ihre Schnürsenkel konzentrieren konnte. Sie wurde dann aber schnell des Frühstück-Feldes verwiesen, weil kurz zuvor ein Großteil des Buffets Bestrebungen gemacht hatte, sich nach Deck 3 zu verkrümeln und noch nicht alle Splitter beseitigt waren. Schiffsführung und Expeditionsleitung sind dann sehr besorgt.
In der Regel wird der Kurs zwecks Nahrungsaufnahme kurzzeitig geändert und die KK in eine günstigere Position zu Wind und Wellen gebracht. Sonst kann es passieren, dass man seinen Sitznachbarn füttert und nicht sich selbst. Heute Nacht wurden Schiffsbewegungen bis zu 42 Grad gemessen. Man wird ganz malade im Hirn. Immerhin kann ich jetzt besser nachvollziehen, weshalb man früher lebensmüde Matrosen am Mast festgebunden hat.
Mit dem Hubschrauber ins Reich der toten Robben
Andererseits wäre die Antarktis nicht das, was sie ist, wenn man sich nur Moonboots und Ohrenwärmer anziehen müsste, um hierher zu kommen. Eine unzugängliche Majestät. Sie tut, was sie kann, um sich die Leute vom Leib zu halten. Sie hüllt sich in Kälte und widriges Wetter. So mussten wir beispielsweise einen Tag aussetzen, um die Dry Valleys zu besuchen, was für viele Passagiere zu den Highlights dieser Reise gehört.
Die Dry Valleys wiederum gehören zu den trockensten Gebieten der Erde und sind - im Gegensatz zum Rest der Antarktis - vollkommen eisfrei. Es gibt sogar Gewässer, die aufgrund ihres hohen Salzgehaltes selbst bei extremen Temperaturen nicht zufrieren. Die Vorfreude war also groß -doch die Dry Valleys erwiesen sich als Ort von Tod und Verhängnis.
Der Flug dorthin mit dem Helikopter dauerte ungefähr 15 Minuten. Kaum gelandet, wurden wir instruiert, uns zu beeilen, weil wir mit dem nächsten Hubschrauber wieder zurück müssten, wie es hieß. Uns blieben ungefähr 15 Minuten, um ein abgestecktes Dreieck abzugehen bzw. im Dauerlauf zu absolvieren. Ein seltsames Gefühl, so im Angesicht der Ewigkeit an toten Robben vorbeizuhetzen, die hier mal eben seit 700 Jahren konserviert liegen. Oder noch länger. Man weiß es nicht genau. Aber man weiß, dass in Dry Valleys unlängst der Hubschrauber eines Wissenschaftsteams abgestürzt ist.
Killerwale halten Ausschau nach Beute
Als wir zurück zur Kapitan Khlebnikov kamen, wurde die Aufmerksamkeit sofort von ein paar Orcas okkupiert, die in der Nähe des Schiffes gesichtet wurden. Hin und wieder sah man zwischen den aufgebrochenen Eisplatten beeindruckende Rückenflossen. Ingrid, die Walexpertin, meinte, wenn wir Glück haben, machen die Tiere "Spyhopping", was in etwa bedeuten soll, dass die Orcas aus dem Wasser schnellen, um zu schauen, wo ein paar lebende Leckerbissen auf dem Eis dösen.
Die Kapitan Khlebnikov parkte rückwärts aus dem Packeis aus und bahnte sich ihren Weg - grobe Richtung Nord. Noch gröber: Kurs Heimat. Der Anblick, wie sich die KK durch geschlossene Eisdecken ihren Weg bricht, ist immer wieder faszinierend, wenn auch nie so ganz geheuer.
Man wartet nur darauf, dass das Eis zupackt. Vor allem, wenn man einen Tag zuvor filmisches Originalmaterial über Shackletons Endurance Expedition gesehen hat. Wie das Schiff vor den Augen der Mannschaft langsam zerquetscht wurde und auf den Eisplatten, wenn ich mich recht erinnere, das "Camp Patience" errichtet wurde.
Zu wenig Pinguine, zu wenig Parmesan
Unser letzter geplanter Ausflug nach Cape Hallet und der "Scenic flight" entlang dem Gletscher fielen dem schlechten Wetter zum Opfer. Domenico aus der italienischen Nachbarkabine ist etwas geknickt deswegen. Er hat mir mal spaßeshalber unsere Brutto-Hubschrauberzeit vorgerechnet. Die genaue Minutenzahl habe ich vergessen. Irgendwas mit Zwanzig. Zu wenig, findet er. Auch hätte er sich - alles in allem - ein paar "Pinguini" mehr gewünscht. Im Prospekt werden sie in "Millionen" angegeben.
Aber das kann man niemandem vorwerfen, habe ich beschwichtigt. Das gehört in die Abteilung "eigenes Versagen". Wenn man wegen der possierlichen "Pinguini" die Antarktis besucht, muss man sich schon an deren Brutgewohnheiten halten. Gegen Ende des Sommers sind die meisten wieder im Wasser. Domenico hat daraufhin nur geflucht. Nächstes Jahr fährt er wieder nach Botswana. Und vorher unbedingt nach Hause. Sein letztes Stück Parmesan geht langsam zur Neige.