Finnland Ein Wichtel namens Turku
Turku - Seit über 700 Jahren treibt sich der Alte mit dem langen Bart auf Finnlands ältester Festung, Schloss Abo/Turku, herum. Alle 20 Jahre trifft er den nur unwesentlich jüngeren Wicht, der den Dom der Stadt hütet. Mit dem Wichtelmärchen hat der Schriftsteller Zacharias Topelius (1818-1898) Burg und Stadt weltweit bekannt gemacht. Die Finnen lieben ihre Wichtel und derer gibt es viele.
Vornehmlich zur Adventszeit können sie in den Straßen von Turku gesehen werden, gehören diese "Tonttu" doch zum Gefolge des Weihnachtsmannes. Und Turku ist "die", wenn auch selbst ernannte, Weihnachtsstadt Finnlands. Die Feierlichkeiten beginnen am 1. Advent und dauern bis zum St. Knutstag am 13. Januar.
Turku liegt rund 140 Kilometer westlich des Fährhafens Hanko an der Mündung des Aurajoki in die Ostsee. Das Wasser des etwa 60 Kilometer langen und verhältnismäßig flachen Flusses wirkt durch den tonhaltigen Boden braun. Im Allgemeinen sind Finnlands Flüsse kristallklar. Jedes Frühjahr findet auf dem Aura-Fluss ein akademisches Wettrudern vor großem Publikum statt. Die der Stadt vorgelagerten Schären sind durch einen 250 Kilometer langen Ring verbunden. Turku ist die einzige finnische Stadt, die enge Kontakte zur Hanse hatte.
Der Tradition verpflichtet
Als älteste Stadt Finnlands - immerhin wird 2004 das 775. Gründungsjubiläum gefeiert - fühlt man sich hier der Tradition verpflichtet. Als Hauptstadt der Zeit, als Finnland noch schwedische Provinz war, wurde bereits im Mittelalter am Heiligabend vom Balkon des Brinkkala-Hauses auf dem Marktplatz der Weihnachtsfrieden verkündet. Heute kann dieser Augenblick über Radio und TV aus allen Teilen des Landes und ganz Skandinavien verfolgt werden.
Auch andere Weihnachtsbräuche gehen weit ins Mittelalter zurück. Sie lassen sich in Ausstellungen, Museen und bei traditionellen Gerichten erleben. Nach heidnischer Vorstellung warf der alte Julbock bei den Nachbarn Geschenke zur Tür hinein. Schon damals wurde zu Weihnachten gekocht, gebraten und gebacken.
Die Gerichte vom Weihnachtsstern mit Pflaumenmus über Weihnachtsbrei, Fisch und verschiedene Aufläufe bis hin zum Schinken kamen alle gleichzeitig auf den Tisch und mussten eine ganze Woche bis Neujahr reichen. Auf den Fußboden darunter wurde Stroh gestreut - als Symbol für Fruchtbarkeit und Glück. Nachdem dies aus Brandschutzgründen verboten wurde, entwickelte sich ein aus Stroh geflochtener Bock zum Hoffnungsträger für die nächste Ernte.
Der Strohbock steht noch heute als Dekoration auf den Weihnachtstafeln, auch wenn der Joulupukki, der Weihnachtsbock oder Weihnachtsmann, nunmehr auch in Finnland mit seinem Sack in Begleitung seiner Rentiere, der Schneekönigin und der Wichtel aus dem hohen Norden kommt, wo er im lappländischen Rovaniemi wohnen soll.
Sechs Hauptinseln und mehr als 20.000 kleine Schären
Aber ist es Weihnachtsstimmung, was all jene suchen, die sich in der dunklen Jahreszeit auf den Weg über die Ostsee nach Südwestfinnland machen? Vielleicht sind sie tatsächlich dem Weihnachtsmann in Bocksgestalt auf der Spur. Vielleicht wollen sie aber auch nur die beschauliche Schönheit des Turku vorgelagerten Schärengartens genießen. Er reicht bis hinüber nach Stockholm.
Der Archipel Turku besteht aus sechs Hauptinseln und mehr als 20.000 kleinen Eilanden und Schären. Die Fahrrinne schlängelt sich zwischen Steinen, großen und kleinen Inseln hindurch, immer neue Ausblicke in Buchten und Sunde gewährend. Im Winter kann eine Reise durch das Packeis allerdings abenteuerlich werden. Wenn sich das Schiff seinen Weg durch die zugefrorene Ostsee bricht, begleitet das Schaben und Poltern der Eisschollen die Fahrt.
Der nordische Winter ist einzigartig. Kaum, dass die Sonne schräge Strahlen über den Schnee schickt. Die Menschen rücken beim "Glögi", dem Glühwein mit geschälten Mandeln und Rosinen, näher ans Feuer und in der Sauna dichter zusammen. Finnland ist zeitlose Natur, aber auch Kultur mit trutzigen Burgen aus Feld- oder Backstein und mit kleinen farbig angestrichenen Holzkirchen und -häusern.
Einzigartige Holzarchitektur in weihnachtlichem Lichterglanz
In dem exponiert auf einer Landzuge gelegenen Turku mit seiner einzigartigen Holzarchitektur ist Wohnen heute kaum noch erschwinglich. Zurzeit des russischen Großfürstentums ein mondäner Badeort der Petersburger Oberschicht, gibt es hier noch immer viele dieser Bauten. Wie wertvolle Kleinodien werden sie angestrahlt. Auch die Uferpromenaden, die zu den stimmungsvollsten Plätzen der Stadt führen, präsentieren sich in einem wahrhaften Lichterglanz.
Bestimmt wird die Szenerie von Burgschloss und Dom. Dort erinnert eine Büste von Mikael Agricola (um 1509-1557) daran, dass der finnische Reformator und Schüler von Luther und Melanchthon hier einst Bischof war. Er übersetzte die Bibel und gilt seither als Begründer der finnischen Schriftsprache. Auch die erste Universität auf finnischem Boden wurde hier 1640 gegründet, später dann aber nach Helsinki verlegt, weil ein Brand den größten Teil der Stadt 1827 zerstört hatte. Nur die Holzhäuser auf dem Klosterberg blieben verschont und beherbergen heute das Handwerksmuseum.
Nach einem Rundgang durch Stadt und über den Weihnachtsmarkt lädt das Ambiente von Kunst und Engelsschwingen zu einem Besuch in das bekannte "Engelrestaurant" an. Daneben sollte man auch einen Blick in die kuriosen Themenkneipen wie etwa "Neue Apotheke", "Alte Bank" oder "Die Schule" werfen. Trotz einiger Gläser Glögi, den Weihnachtsmann in Bocksgestalt hat beim Stadtbummel bisher niemand zu Gesicht bekommen.
Weitere Informationen www.turku.fi, www.visitfinland.de, Finnische Zentrale für Tourismus, Lessingstraße 5, 60325 Frankfurt/Main, Tel.: 069/50070157, Fax: 069/7241725 Cornelia Höhling,ddp