Rettungsflüge: Per Jumbo aus der Krisenzone
Fliegende Krisengewinnler Bei Anruf Jumbo
Der Anruf erreichte die 24 Stunden besetzte Operationszentrale von Air Partner am Samstagmittag. Gesucht wurde nach einem Großraumflugzeug für einen Rettungscharter nach Japan. Rund 30 Stunden zuvor hatte in Fernost die Erde gebebt, Tsunamis weite Küstengebieten zertrümmert.
Die atomare Krise war noch gar nicht absehbar, als große Firmen der deutschen Automobilindustrie wie Volkswagen und Continental beschlossen, ihre in Japan stationierten Mitarbeiter samt Familien schnellstmöglich in die Heimat zu holen. Die Großunternehmen aus Wolfsburg und Hannover gingen von über 400 Menschen aus, die kurzfristig evakuiert werden sollten.
In so einem Falle können die üblichen Linienfluggesellschaften nicht helfen. Am Wochenende war unklar, inwieweit sie überhaupt ihre Flüge in die Region wieder aufnehmen oder aufrechterhalten können. Ein typischer Fall für Air Partner, einem der weltweit größten Flugzeugbroker mit Sitz in London und deutschem Büro in Bergisch-Gladbach. Jedem Kunden innerhalb kürzester Zeit das passende Flugzeug zu beschaffen - davon lebt die Firma. Und das in jüngster Zeit ausgesprochen gut.
"Wir hatten in den vergangenen Monaten mehr als 60 Evakuierungs-Flugeinsätze", sagt Air-Partner-Europadirektorin Birte Püschel-Kipke. Insgesamt konnte der Broker damit über 12.000 Menschen aus Ländern wie Ägypten, Tunesien, Libyen, Neuseeland und aktuell Japan ausfliegen. "Das war ein durchaus bedeutsames Geschäft", erklärte Air-Partner-Vorstandschef Mark Briffa in London, als er am Dienstag eine Gewinnsteigerung von 184 Prozent für das vergangene Geschäftshalbjahr vorlegte.
Arbeitsmarathon rund um die Uhr
Auch in normalen Zeiten ist die Automobilbranche ein wichtiger Kunde: Für Incentive-Reisen oder die oft an exotischen Orten stattfindenden Vorstellungen neuer Fahrzeuge greifen die Autobauer häufig auf die Dienste von Brokern zurück. Sie organisieren sogar Jets, die eigens mit Werbebemalungen für einen neuen Geländewagen oder dem Firmenlogo auf den Kopfstützen der Passagiersitze versehen werden. Ganz zu schweigen von luxuriöser Verpflegung der Reisenden. "Aber diesmal spielte Champagner natürlich keine Rolle", sagt Pascal Glapa, Teamleiter Fluglogistik im deutschen Air-Partner-Büro.
Der 32-jährige Luftverkehrskaufmann kümmerte sich seit dem Anruf am Samstagmittag darum, den Rettungsflug nach Japan zu organisieren. Das bedeutete einen über 70-stündigen Arbeitsmarathon nahezu ohne Schlaf für Glapa und sein vierköpfiges Team sowie eine Vielzahl weiterer Helfer rund um den Globus. Am Mittwochmittag konnte Air Partner den Auftrag erfolgreich abschließen: Um 14.13 Uhr landete auf dem Flughafen Hannover nach fast zwölfstündigem Nonstop-Flug aus Nagoya eine Boeing 747-400 der spanischen Chartergesellschaft Pullmantur Air mit dann doch nur 194 evakuierten Passagieren sowie Ärzten, Mechanikern und Betreuern an Bord, die glücklich deutschen Boden betraten.
Und das war erst der Anfang: "Wir haben allein in Deutschland derzeit etwa zehn Anfragen für Evakuierungsflüge aus Japan auf dem Tisch", sagt Pascal Glapa, "die Lage dort spitzt sich zu, die Firmen müssen handeln. Die Anfragen werden immer dringlicher, da werden nicht mehr nur Optionen eingeholt." Insgesamt hat Air Partner bis Mittwoch bereits fünf Evakuierungsflüge aus Fernost durchgeführt, die meisten davon für ihren Hauptmarkt Großbritannien.
Preissteigerung um ein Viertel in Krisenzeiten
Geld scheint für viele Firmen in derartigen Notfällen nur eine untergeordnete Rolle zu spielen, denn Langstrecken-Charterflüge sind teuer: "Einen ordentlichen sechsstelligen Betrag" kostet so ein Rettungsflug im Jumbojet um die halbe Welt, mehr will Air Partner darüber nicht preisgeben. Anderswo wird man deutlicher, etwa in Hongkong, einem der wichtigsten regionalen Zentren für Evakuierungen. "Ich hatte gestern eine Anfrage, 14 Leute aus Tokio nach Hongkong zu fliegen, ein Flug von fünf Stunden und fünf Minuten Dauer," sagte Jackie Wu vom Privatjet-Betreiber Hong Kong Jet der Nachrichtenagentur Reuters. "Da spielte der Preis keine Rolle, die Kosten stiegen um 26 Prozent gegenüber dem sonst üblichen auf 160.000 US-Dollar."
Am Dienstag, sagte Wu, habe man den Preis eines Rettungsflugs von Tokio nach Australien mit 265.000 US-Dollar für die einfache Strecke angegeben, 20 Prozent höher als sonst üblich. Asia Jet, eine andere Charterfirma aus Hongkong, hat derzeit fünf Großraumjets vom Typ Airbus A330 in Bereitschaft, die allein am Mittwoch über 1000 Ausländer aus Japan ausfliegen sollten.
"Der Grund für das große Interesse an solchen Krisen-Chartern ist die Verlässlichkeit. Da hat man einfach weniger Parameter, die unsicher sind, als bei Linienflügen, die sich kurzfristig ändern können oder bei schwierigen Bedingungen manchmal ganz gestrichen werden", sagt Pascal Glapa von Air Partner. So hat etwa die Lufthansa die Bedienung Tokios ganz eingestellt und weicht vorerst nach Nagoya und Osaka weiter südlich aus. Flughafenschließungen und Treibstoffknappheit führten bereits zu Absagen einiger Linienflüge nach Japan.
Am schwierigsten sind die Überflugrechte
Während innerhalb Europas oder etwa nach Nordafrika innerhalb weniger Stunden eine Evakuierung starten kann, benötigen Broker für die Organisation eines Japan-Fluges drei bis fünf Werktage. Zunächst geht es darum, das geeignete Flugzeug zu finden - für den Rettungsflug im Auftrag von VW und Continental kam nur eine Boeing 747 in Frage, die über die nötige Passagierkapazität und Reichweite verfügt. "Und die stehen ja nicht einfach so überall gerade zur Verfügung", weiß Teamleiter Glapa.
Insgesamt zehn Anbieter, darunter große Airlines wie Lufthansa, wurden angefragt. Air Partner hat hier eine spezielle Datenbank und ein enges Netzwerk, macht der Broker doch sein größtes Geschäft mit Beschaffung und Vermietung kommerzieller Jets. Fündig wurde man schließlich in Madrid bei Pullmantur Air, die mit ihren vier mit je 477 Plätzen extrem eng bestuhlten Jumbo Jets normalerweise Kreuzfahrt-Touristen zu und von ihren Schiffen befördert.
"Der größte Brocken in der Vorbereitung ist es aber, die nötigen Überflug- und Verkehrsrechte bei den Behörden verschiedener Länder genehmigt zu bekommen", erklärt Pascal Glapa. So habe man sich bewusst gegen eine Route über chinesisches Territorium entschieden, da in China die Bürokratie noch schwieriger als anderswo sei. "Das hätten wir nicht geschafft", so Glapa. Aber auch die Verhandlungen mit Russland und Japan zogen sich in die Länge. "Dass das ein Rettungsflug ist, interessiert da niemanden", so seine Erkenntnis. Air Partner, das seit 2004 auch für das Weiße Haus Pressebegleitflüge bei Reisen des US-Präsidenten organisiert, profitiert dabei von eigenen Büros etwa in Tokio, die vor Ort die Abwicklung beschleunigen.
Verpflegung schon auf dem Hinflug an Bord
Am Montagabend schließlich startete der Jumbo in Madrid zum Flug nach Japan - leer. "Fracht oder Hilfsgüter mitzunehmen hätte die Abfertigung in Japan möglicherweise verzögert, für uns hat der planmäßige Abflug im Interesse des Kunden Priorität", sagt Pascal Glapa. Mit an Bord waren aber Ärzte sowie Schutzausrüstungen für die Besatzung, außerdem ausreichend Jodtabletten. Die gesamte Bordverpflegung für den Rückflug der Evakuierten wurde in Spanien beladen - "dann kann uns vor Ort nichts passieren, das ist eine Unwägbarkeit weniger", so der Organisator.
Als dann am Mittwoch um 11 Uhr Ortszeit die spanische Boeing 747-400 voller Deutscher pünktlich den Flug aus Japan nach Hannover antrat, herrschte nicht nur unter den Menschen an Bord große Erleichterung, sondern auch bei Air Partner in Bergisch-Gladbach. "Wir standen ständig unter Strom und haben mitgefiebert und gehofft. Das ist eben auch eine Herzensangelegenheit, gerade wenn es um Deutsche geht", sagt Pascal Glapa.