Flugangst: "Fatalisten fliegen gut" - DER SPIEGEL
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Flugangst "Fatalisten fliegen gut"

Selbst Katastrophen wie der Concorde-Absturz werden, so Günter Krampen, keinen Einfluss auf die Entscheidung von Fluggästen haben. Im Interview berichtet der Psychologe über subjektive Sicherheit und Strategien gegen die Flugangst.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Krampen, nach dem Absturz der Concorde weigern sich Passagiere, die technische Defekte an Flugzeugen festgestellt haben wollen, in die Maschine einzusteigen oder erzwingen Zwischenlandungen. Werden die Unglücke der letzten Wochen viele davon abhalten, wieder ein Flugzeug zu besteigen?

Krampen: Das glaube ich nicht. Die meisten werden auf verschiedenste Weise versuchen, sich selbst zu überzeugen, dass sie Kontrolle über ihr Schicksal haben und ein Unglück sie nicht treffen wird. Dafür ziehen sie beispielsweise Statistiken heran, nach denen es unwahrscheinlich ist, Opfer eines Absturzes zu werden. Es werden ja immer wieder Berechnungen veröffentlicht, nach denen Flugzeuge zu den sichersten Verkehrsmitteln gehören. Solche Überlegungen wirken stärker als die Bilder brennender Wracks. Deshalb wird diese Tragödie wahrscheinlich noch nicht mal einen kurzfristigen Einfluss auf die Flugentscheidung haben.

SPIEGEL ONLINE:Das klingt doch ganz vernünftig, denn in der Tat gibt es auf den Straßen viel mehr Tote.

Krampen: Die Flugzeugstatistiken dienen der Selbstberuhigung. Bezieht man die Zahl der Unfälle auf die Zahl der Starts und Landungen, fällt die Statistik viel schlechter aus.

SPIEGEL ONLINE:Es ist sehr aufwendig, sich vor jeder Reise erst über die statistische Wahrscheinlichkeit von technischem Versagen zu informieren.

Krampen:So geht auch niemand vor. Die meisten stellen auf Grund persönlicher Vermutungen und Annahmen ihre eigenen Statistiken auf. Die reichen aus, um ihnen subjektive Sicherheit zu geben. Manche buchen dann gerade bei der Gesellschaft, deren Flugzeug abgestürzt ist – weil sie es für unwahrscheinlich halten, dass die gleiche Linie zweimal hintereinander von einem solchen Unglück getroffen wird.

SPIEGEL ONLINE:Welche Strategien gibt es noch, sich in einer hoch technologisierten Zeit zumindest ein Gefühl von Sicherheit zu verschaffen?

Krampen: Die Theorie, man sei unverwundbar, das konsequente Ausblenden von Gefahren, Fatalismus. Oder magisches Denken.

SPIEGEL ONLINE:Was ist damit gemeint?

Krampen: Die Menschen legen einen Glücksbringer ins Gepäck oder entwickeln ein Ritual von Handlungen, das sie vor jeder Reise wiederholen. Sie sind davon überzeugt, dass es sie vor einer Katastrophe bewahrt, weil es in der Vergangenheit scheinbar dazu geführt hat, dass ihnen nichts passiert ist.

SPIEGEL ONLINE:Die komplexe Flugtechnologie verunsichert den Passagier zusätzlich. Wie kann er sich da behelfen?

Krampen: Ganz einfach: Der Reisende vertraut nicht der Technik, sondern dem Piloten. Er entwickelt mittelbar ein Gefühl der Kontrolle: Der Pilot will ja auch sicher landen, also kann er nicht zulassen, dass die Maschine abstürzt. Dabei wird ausgeblendet, dass der Pilot manchmal weniger Macht im Cockpit hat als der Autopilot, also der Computer.

SPIEGEL ONLINE:Pilot oder Technik – beide kennt der Passagier nicht näher. Ihm bleibt also nur blindes Vertrauen?

Krampen: Richtig. Das Vertrauen wird gezwungenermaßen anonymisiert. Das ist umso schwieriger, je höher Einsatz und Risiko sind. Und umso mehr Strategien müssen dann eingesetzt werden, um das subjektive, aber irrige Gefühl zu erzeugen, die Situation zu beherrschen.

SPIEGEL ONLINE:Offenbar vor allem irrationale Strategien.

Krampen: Ja. Vertrauen macht glücklich, und Fatalisten fliegen gut. Der Handlungsspielraum des Einzelnen ist in unserer modernen Welt enorm eingeschränkt. Wenn man sich einmal entschieden hat, in ein Flugzeug einzusteigen, hat man keine Macht mehr über das eigene Schicksal. Also ist es sinnlos, sich während der Reise Gedanken darüber zu machen.