Flugausfall-Blog Im Schritttempo nach Bukarest
Vierter Tag: Im Schritttempo nach Bukarest
Die erste Nacht im Zug der Asche-Opfer von Istanbul nach Europa ist überstanden. Sie war unruhig. Gleich nach der Abfahrt verflog die erste Euphorie ziemlich schnell, endlich unterwegs zu sein, nachdem wir feststellten, dass wir alle nur Liegewagen-Reservierungen bis Bukarest bekommen hatten. Ab da muss jeder zusehen, welchen Zug er wann und wohin bekommt.
Chaos nach der Aschewolke: Völkerwanderung per Bahn
Unmut und Zweifel: Hätte man doch lieber auf einen Flug warten sollen, statt sich auf diese doch recht abenteuerliche Reise über den Balkan einzulassen? Aber wir sind alle erstaunlich gelassen: Man kann nun ja ohnehin nichts mehr ändern; bis Bukarest sind wir eine Schicksalsgemeinschaft aus rund 200 Deutschen, Österreichern, Polen, Briten und Franzosen, die das Beste aus ihrem kargen Proviant machen müssen.
Denn Komfort gibt es kaum in diesem hastig von der türkischen Bahn aus uralten Waggons zusammengestellten Zug. Er holpert im Schneckentempo über eine Bahntrasse, die von der Deutschen Bahn wahrscheinlich längst stillgelegt worden wäre. Die Toilette ist ein Loch im Boden. Immerhin konnten wir die Schaffner davon überzeugen, den Strom auch tagsüber anzuschalten, so dass wir unsere Mobiltelefone abwechselnd an einer der beiden Steckdosen an der klapprigen Lampe im engen Waschraum aufladen können. Das Mobilfunknetz zumindest scheint stabil, auch im bulgarischen Niemandsland. Respekt.
Eine durstige Meute Gestrandeter
Zwei Waggons weiter sitzt Bülent, ein bulgarischer Türke Anfang 50, der heißen Tee und Instantkaffee im Plastikbecher für ein paar türkische Lira verkauft. Er macht ein gutes Geschäft auf diesem Trip, erzählt er mir in gutem Deutsch. Die Strecke fährt er regelmäßig, aber normalerweise gibt es nur eine Handvoll Passagiere, keine durstige Meute gestrandeter Westeuropäer. Sein Abteil, das mit Teekartons, Wasserbuddeln und einem alten Gaskocher samt Blechkanne ausgestattet ist, dient uns als Bordrestaurant.
So zuckeln wir durchs Land und wissen weiterhin nicht viel: Die freundlichen Schaffner sind ebenso ahnungslos: welche Route wir fahren, wann wir in Bukarest ankommen? Irgendwann zwischen 22 und 23 Uhr, sagt er, vier Stunden später als geplant, weil der Zug ständig anhält und offenbar repariert werden muss. Das erklärt auch die Schrittgeschwindigkeit, mit der wir uns fortbewegen. Ob es spät abends aus Bukarest noch Züge gibt? Schulterzucken beim Schaffner: "Sorry, I don't know."
Unruhig war die Nacht im Zug übrigens nicht nur wegen des Schnarchkonzerts, das meine fünf Abteilgenossen und ich zum Besten gaben, sondern vor allem wegen einer gespenstischen Szene um 3.30 Uhr morgens in Kapikule an der türkischen Grenze: Alle aussteigen zur Passkontrolle! Schläfrig rappelten wir uns hoch und schlurften im feinen Nieselregen über einen schäbigen Bahnsteig zu einem Büro völlig überforderter Grenzbeamter, die hilflos Lautsprecheransagen auf Türkisch machten. Keiner verstand ein Wort, darüber konnten wir dann doch alle wieder lachen. Eine gute Stunde später hatten wir alle unseren Ausreisestempel und saßen wieder im Zug. Willkommen in Europa.
Lesen Sie hier, was bisher geschah auf der abenteuerlichen Heimreise aus der Türkei!
Gestrandet am Flughafen: Aschewolke durchkreuzt Reisepläne
Was mich im Moment richtig wütend macht, sind nicht die Airlines, die ihr Bestes tun, das Chaos in den Griff zu bekommen. Es sind auch nicht die anderen Gestrandeten aus aller Herren Länder, mit denen man Stunde um Stunde in Warteschlangen verbringt. Im Gegenteil: Die Stimmung ist gut, man tauscht Informationen aus, während man wartet, und erzählt sich gegenseitig kleine Schicksalsgeschichten. Nein, was mich wirklich wütend macht, sind jene ökologisch bewegten Leute, die sich auf Facebook als Fans des isländischen Vulkans mit dem unaussprechlichen Namen bekennen, weil er so schön dafür sorgt, dass der Luftraum frei von Emissionen bleibt. Auch ich bin dafür, dass das Klima nicht kippt, dass der Treibhauseffekt gestoppt wird, etc., etc. Aber wenn Sie wie ich seit drei Tagen darauf warten, dass Sie endlich eine zuverlässige Auskunft erhalten, wann und wie Sie wieder nach Hause kommen, dann ist Ökobewusstsein das letzte, was mich belastet.
Erster Tag - Die verflixte Nummer 076
Dabei hatte ich sogar noch großes Glück. Am Freitagvormittag vergangener Woche startete ich nach einem zehntägigen Urlaub in Israel von Tel Aviv aus mit einem Linienflieger der Turkish Airlines in Richtung Istanbul. Nach einstündigem Aufenthalt dort sollte es weiter gehen nach Hause, nach Hamburg.
Nun, in Istanbul kam ich einigermaßen pünktlich an - und hätte meinen Weiterflug auch noch bekommen, wenn er nicht bereits gestrichen worden wäre. So begann eine bisher drei Tage dauernde Tour de Warteschlange, denn als nächstes versammelten sich natürlich an die 100 verwirrte Fluggäste vor dem Transfer-Desk der Airline, um Informationen zu erhalten, wie es weitergehen sollte. Am Vorabend hatte ich noch mit einem Freund in einem schönen Tel Aviver Restaurant gesessen und über die ominöse Aschewolke gescherzt: Die würde uns und unsere Flüge schon nicht betreffen, waren wir überzeugt. Der Freund, eigentlich nach Berlin gebucht, kam am Freitagmorgen als einer der wohl letzten Passagiere in München an. Ich strandete - ausgestattet mit je zwei verbliebenen sauberen T-Shirts und Unterhosen - in Istanbul.
Nach einer Stunde Schlangestehen am Transferdesk dann ein erster Lichtblick: "Wer heute noch nach Europa will, bitte melden!", rief ein Mitarbeiter der Turkish Airlines in gebrochenem Englisch in die Meute, es gebe einen Flug nach Wien, der Flughafen dort sei noch offen. Alle Flüge nach Deutschland waren bereits gestrichen, entnahmen wir der hektisch blinkenden Anzeigetafel, auf der immer öfter das Wort "iptal" erschien - türkisch für "cancelled". Bert aus Brüssel, mit dem ich mich zusammengetan hatte, und ich schöpften Hoffnung, schwenkten wie wild unsere Pässe in die Luft und stürmten zu dem armen Airline-Mann.
Auch Wien geschlossen
Bald darauf saß zumindest ich tatsächlich in einem Flugzeug und rollte Richtung Startbahn. Bert hatte ich in der Eile und Hektik der Eincheck-Prozedur leider aus den Augen verloren. Ich hoffe, er ist gut in Belgien angekommen. Vielleicht ist er aber auch noch immer hier in Istanbul, wer weiß. Ich war erst einmal erleichtert: Von Wien aus würde ich schon einen Zug nach Hamburg oder zumindest München bekommen. Alles nicht so schlimm, dachte ich. Kurz vor dem Start kam dann eine Ansage vom Piloten: Sorry, gerade eben erfahren wir, dass auch Wien geschlossen wurde. Leider müssen wir wieder zum Terminal zurückkehren. Stöhnen und Unmutsgeraune in der Maschine.
An dieser Stelle muss ich das Krisenmanagement der Fluglinie ausdrücklich loben: Statt uns erneut Gestrandete in die rund 500 Personen starke Warteschlange an der Passkontrolle zu schicken, schleusten uns die Airline-Mitarbeiter zu einem anderen Durchgang und sorgten dafür, dass wir schnell abgefertigt wurden und zu unserem Gepäck gelangen konnten. Meine Sorge, dass mein Koffer bereits im Transfer-Wirrwarr zwischen Tel Aviv, Hamburg und Wien verloren gegangen sein könnte, bestätigte sich zum Glück nicht: Mit Sack und Pack wurde ich in den Istanbuler Flughafen Atatürk entlassen, in eine ungewisse nähere Zukunft.
Aschewolke über Europa: Chaos an den Flughäfen (vom 19.4.2010)
Die bestand natürlich zunächst aus einer weiteren Warteschlange - am Ticketschalter der Airline im Abflugterminal, wo sich bereits Hunderte Reisende versammelt hatten. Es war mittlerweile 17 Uhr, und das Einzige, was ich zu mir genommen hatte, war ein kleiner Snack im Flieger von Tel Aviv. Deshalb machte sich allmählich mein Magen bemerkbar, aber zum Essen blieb keine Zeit: schnell einreihen, um eine Nummer für einen der geöffneten Counter zu ziehen. Die aktuelle Zahl war 834. Ich zog die 076, also waren rund 200 Menschen vor mir an der Reihe.
Obwohl die Situation zunehmend hysterischer und abstruser wurde und sich unter den Wartenden langsam die Gewissheit breit machte, dass es an diesem Tag keine Möglichkeit mehr geben würde, die Türkei in Richtung Europa zu verlassen, brach weder Panik aus, noch machte irgendjemand lautstark seinem Ärger Luft. Diszipliniert und mit viel Galgenhumor fügten wir uns ins Unvermeidliche und warteten.
Im Taxi durch die Innenstadt
Um es kurz zu machen: Nach rund drei Stunden schmiss ich meine 076 weg und gab auf, nachdem die roten Digitalanzeigen der Nummern über den Countern immer sprunghafter zwischen 700, 800 und 900 wechselten. Von einem Hamburger Redaktionskollegen hatte ich inzwischen die Telefonnummer eines deutschen Journalisten erhalten, der seit ein paar Jahren in Istanbul lebt. Zum Glück erreichte ich ihn beim ersten Versuch, und er bot sofort Hilfe und Unterkunft für unbegrenzte Zeit an.
Dankbar zog ich etwas türkisches Geld am Automaten und setzte mich in ein Taxi, das mich in die mir völlig unbekannte Stadt bringen sollte. "Sag einfach, er soll Dich zum Galata-Turm bringen", hatte der Kollege gesagt, "den kennt in Istanbul jeder. Ich hole Dich dann ab." Die Fahrt mit dem Taxi war ein Abenteuer für sich, denn die Istanbuler Fahrer sind augenscheinlich sehr stolz darauf, dass sie bis auf wenige Zentimeter an Vorder- und Seitenmännern vorbeimanövrieren können, quer über mehrere Spuren Autobahn und bei halsbrecherischem Tempo.
Aber zumindest hatte ich es besser als die vielen hundert am Drehkreuz Istanbul International Airport Gestrandeten, die ihre erste Nacht als "Asche-Opfer" sitzend oder auf ihrem Gepäck zusammengekauert am Flughafen verbringen mussten. Inzwischen war ich ein verschwitztes, dehydriertes Wrack von einem Flugpassagier, nachdem ich am Freitag in Tel Aviv um zwei Uhr morgens aufgestanden war, die harte Ausreise-Kontrolle der Israelis hinter mich gebracht hatte und nun seit Stunden ohne ausreichend Wasser und Essen in Warteschlangen und engen Flugzeugsitzen verbracht hatte. Bei dem Kollegen zu Hause angekommen, sank ich in einen fast zwölfstündigen Schlaf, unsicher, was der nächste Tag bringen würde.
Zweiter Tag - Trost bei Facebook
Auf Facebook hatten Freunde bereits am Vorabend nach meinem ersten Katastrophen-Posting versucht, mir Mut zu machen: Istanbul sei doch super! Es gebe doch schlimmere Orte, um zu stranden. Tatsächlich ist mir die Riesenstadt am Bosporus in den vergangenen Tagen schon sehr ans Herz gewachsen. Zumal ich am Abend die einmalige Gelegenheit erhielt, bei einem echten türkischen Familiendinner in Erdine am Stadtrand von Istanbul mit Gesang und Grillplatte eingeladen zu werden.
Die Gastfreundlichkeit der Menschen hier ist überwältigend: Über kulturelle und sprachliche Grenzen hinweg, erlebte ich einen Abend voll magischer Momente, den ich wahrscheinlich nie vergessen werde. Als nach viel zu viel Essen und jeder Menge Raki die französische Freundin meines Kollegen mit zarter Stimme "La vie en rose" anstimmte, und zehn Türken andächtig lauschten, um nach dem gebührenden Applaus ein türkisches Volkslied zu singen, war das ein zugleich irrealer und bezaubernder Moment der Völkerverständigung.
Grafiken und Satellitenbilder: Aschewolke über Europa
Der Nachmittag bestand, natürlich, wiederum aus Warten, am Schalter der Turkish Airlines am Taksim-Platz in der Innenstadt von Istanbul, wo ich eine Reservierung für einen Flug nach Berlin erhielt - am Dienstag. Doch ob bis dahin Flüge möglich seien, wusste niemand. Der Luftraum über Deutschland war zu dieser Zeit schon längst auf unbestimmte Zeit gesperrt. Was tun? Es gebe Züge nach Deutschland, sagte der Kollege, jeden Abend fahre einer über den Balkan nach München oder Berlin.
Glauben an die Macht der Technik
Doch statt sofort zum Bahnhof von Istanbul zu fahren, um ein Ticket zu ergattern, fuhren wir zurück nach Hause, um im Internet zu reservieren. Fehlanzeige, wie übrigens auch alle Versuche, über die Website von Turkish Airlines oder die dauerbesetzte Hotline etwas zu erreichen: Persönlich zum Schalter zu gehen, Reisedokumente, Kreditkarte und Pass in der Hand, und warten, warten, warten, das ist das Gebot der Stunde für alle Vulkan-Gestrandeten hier in Istanbul.
Man könne ja abwarten, wie die Lage ist und am Sonntag immer noch ein Zugticket erstehen, dachte ich naiv. Aber diese Überlegung war typisch für die absurde Lage, in der man sich plötzlich befindet: Es kann ja nicht sein, dass der Flugverkehr über ganz Europa tagelang zum Erliegen kommt, nimmt man an in seinem gewohnt festen Glauben an die moderne Macht der Technik und Logistik. Und erwartet, dass spätestens am nächsten Tag von Aschewolken und Flugstreichungen keine Rede mehr sein wird.
Doch wenn ich etwas gelernt habe in den letzten Tagen, dann, dass es eben doch sehr filigran und anfällig ist, dieses Verkehrsnetz der Lüfte, das uns enorme Entfernungen innerhalb weniger Stunden überbrücken lässt. Und es folgt dann doch einer gewissen Logik, dass es etwas so Archaisches und Urtümliches wie ein Vulkan ist, der, stellvertretend für die Natur, unserer überheblichen Technikgläubigkeit etwas hustet. Plötzlich steht man vor einer Landkarte von Europa und ist sich wieder der Entfernungen bewusst, realisiert, wie weit man von der Heimat weg ist, und wie viel Zeit es ohne Flugzeug kostet, mehrere hundert Kilometer zu überwinden.
Dritter Tag - Riesengeschäft für Brötchenverkäufer
47 Stunden. So lange dauert es, bis der eine Zug, der Istanbul gegen 22 Uhr abends verlässt, in München ankommt. Ein Reisegefühl wie im frühen 20. Jahrhundert: Quer über den Balkan im Liegewagen. Inzwischen, heute ist Montag, besitze ich eines der kostbaren Tickets für diesen Zug, er fährt heute Abend um 22 Uhr ab. Am Sonntag war diese Möglichkeit, Istanbul zu verlassen, nur eine vage Option. Zumal die Menschenschlange im Bahnhof, als wir am späten Vormittag dort ankamen, in mehreren Windungen bereits bis zum Eingang des alten, verwitterten Gebäudes reichte.
Island: Nahaufnahmen vom Vulkan
Seit Billigflugreisen und Bustouren attraktiver und billiger geworden sind, spielt der Bahnhof hier eigentlich keine große Rolle mehr: Zwei schon leicht zugewachsene Gleise ragen in die luftige Halle hinein, ein einziger Schalter wurde für die Verzweifelten geöffnet, von denen sich wiederum Hunderte in abermaliges Warten gefügt hatten. Die Brötchen- und Tee-Verkäufer rings um den Bahnhof machen in diesen Tagen das Geschäft ihres Lebens.
So war die Karawane der Gestrandeten also weitergezogen: Vom Flughafen zum Bahnhof - in der Hoffnung auf einen der von 100 auf rund 400 aufgestockten Plätze im Balkan-Bummelzug gen Westen. Flüge, das hatten wir alle inzwischen verstanden, waren in weite Ferne gerückt. Trotz widersprüchlicher Nachrichten und geraunten Gerüchten über etwaige Luftraumöffnungen war klar: Vor Ende der kommenden Woche würde man Istanbul nicht auf dem Luftwege verlassen können.
Eines der letzten vier Tickets
Also am Boden bleiben. Und Geduld haben. Inzwischen war ich Teil einer kleinen Reisegruppe geworden: Eine Journalistenkollegin aus Hamburg, ein Arzt aus Bochum und ein Student aus Freiburg und ich hatten in der Warteschlange beschlossen, uns zusammenzuschließen. Gegenseitig hielten wir uns die Plätze in der Schlange frei, wenn jemand zur Toilette musste, eine Zigarette rauchen wollte oder etwas zu Essen oder zu Trinken besorgen wollte.
Nach sechs Stunden Warten dann endlich: der Ticketschalter. Für den Sonntagabend waren längst keine Tickets mehr erhältlich, das hatten wir bereits am Mittag erfahren. Nun ging es um den Montagabend. Und wie durch ein Wunder oder sagen wir besser: eine Fügung des Schicksals, ergatterten wie die letzten vier Tickets für den Zug. Die Briten hinter uns in der Schlange bekamen nur noch Fahrkarten für Dienstagabend.
Aber was erstaunlich ist in diesen Zeiten der Krise: Niemand neidet dem anderen seinen kleinen Erfolg. Die Engländer, die ohnehin die ganze Zeit über einen anarchischen Humor und unverwüstliche gute Laune verfügt hatten, freuten sich aufrichtig für uns, nachdem wir neugierig und irgendwie selbstverständlich abgewartet hatten, ob sie noch Tickets bekommen würden.
Der isländische Vulkan sorgt zumindest hier, am anderen, östlichen Rand Europas, für jenen Grenzen und Nationen übergreifenden Zusammenhalt, der so gerne von Politikern beschworen wird. Hier, in der Warteschlange am brüchigen Bahnhof von Istanbul, wird er plötzlich greifbar. "Another ten inches", sagte ich scherzend irgendwann während der langen Ansteherei zu meinem britischen Hintermann, als es ein kleines Stückchen weiterging. "No, no", sagte er lachend, "it's ten centimeters. We are all Europeans after all!"
Hoffnung auf früheren Flug
So weit, so gut. Mein Bahnticket habe ich, die Rückreise ist gesichert, am Mittwochabend werde ich zurück in Hamburg sein, wenn nichts Unvorhersehbares mehr passiert. Doch die Ungewissheit, ob man die richtige Entscheidung getroffen hat, bleibt eben doch bestehen, weil sich die Informationslage von Stunde zu Stunde ändert. Am Montagabend lese ich bei SPIEGEL ONLINE, dass die Österreicher ihre Flughäfen wieder geöffnet haben sollen. Okay, denke ich: Ein Flug nach Wien ist besser als eine zweitägige Zugfahrt. Von Wien aus mit dem Zug nach Hause, das sollte doch kein Problem sein.
Statt also die Gelegenheit zu nutzen, noch ein bisschen Sightseeing in Istanbul zu machen, fahre ich mit dem Taxi wieder zum Taksim-Platz und suche abermals das Büro der Turkish Airlines auf. Was mich dort erwartet? Klar: mindestens hundert andere, die ebenfalls wissen wollen, ob nicht doch vielleicht noch "was geht", ob nicht doch noch Hoffnung auf einen frühen Flug nach Hause besteht.
Nach zweistündiger Wartezeit, die ich nach den Erlebnissen der letzten Tage als geradezu luxuriös empfinde, stehe ich am Counter bei einem sehr netten, Deutsch sprechenden Airline-Angestellten. Flüge nach Deutschland? Frühestens am Samstag, sagt er mir. Aber die Österreicher..., erwidere ich. Davon wisse er nichts, entgegnet er. Einen Flug nach Wien könne er mir reservieren, allerdings ebenfalls erst am kommenden Wochenende. Aber ich habe ja noch meine Reservierung für den Flug nach Berlin am Dienstag, meint er. Ja, sage ich, aber wie sicher ist es, dass es den tatsächlich geben wird?
Der freundliche Mann lächelt breit und sehr sympathisch. Und zuckt mit den Schultern. Und ich beschließe instinktiv, an meinem kostbaren Bahnticket festzuhalten. Mal sehen, was mich in den nächsten 48 Stunden noch an innereuropäischen Abenteuern erwartet. Ich bin gespannt.