Fotoreisen: Schule des bewussten Sehens - DER SPIEGEL
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Fotoreisen Schule des bewussten Sehens

Nie ist die Versuchung, wahllos alles zu fotografieren, größer als im Urlaub. Gestaltung ist oft Nebensache. Geführte Fotowanderungen und -reisen dagegen schärfen den Blick, für bessere Bildkompositionen, aber auch für Landschaft, Städte und die Menschen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Murnau/Solms - Stolz in all ihrer Einsamkeit steht sie da, die alte Eiche in der Moorlandschaft des Murnauer Mooses. Joerk Henkel vom Alpin Fototeam hat seine Gruppe auf das Motiv aufmerksam gemacht. Aber damit fängt die Arbeit erst an. Wie wird aus dem Baum ein Bild? Die meisten in der Gruppe rücken ihn in die Mitte, was schon im Sucher zwar korrekt, aber auch sehr fade aussieht. Henkel geht von Stativ zu Stativ, umreißt Grundregeln der Bildkomposition, erzielt mit kleinen Verschiebungen große Effekte. Später im Atelier wird er die Bilder ausdrucken und seinen Schülern das Gefühl geben, erstmals beim Fotografieren nicht nur Zufallstreffer gelandet zu haben.

Joerk Henkel, 41 Jahre alt, ist gebürtiger Saarländer und hat als Tatortfotograf viele Jahre auf ganz andere Motive angelegt als auf Bäume und Blumen. Doch dann verliebte er sich in die bayerische Voralpenlandschaft, die schon Maler wie Franz Marc und Wassily Kandinsky faszinierte, und gründete in Murnau das Alpin Fototeam. 25 Euro pro Teilnehmer kosten die dreistündigen Fotowanderungen durch das Murnauer Moos, zu denen er jeden Mittwoch mit seinen Gruppen aufbricht. Im Angebot sind auch zweitägige Exkursionen etwa zum Eibsee oder zu den Kuhflucht-Wasserfällen für jeweils 155 Euro.

Moderne Kameras nehmen ihrem Besitzer jede Mühe ab, und das ist den Fotos häufig anzusehen - Gestaltung Fehlanzeige. Nie ist die Versuchung, wahllos draufzuhalten, größer als im Urlaub. Die Resultate dürfen erst noch ein paar Bekannte langweilen. Dann verschwinden sie auf Nimmerwiedersehen in den Untiefen eines Schuhkartons.

Fotoreisen für Amateure

Als Kontrastprogramm dazu empfehlen sich geführte Fotowanderungen und -reisen. Sie können nicht nur die Freude an einem neuen Hobby wecken. Häufig sind sie auch die besseren Besichtigungstouren, da sie den Teilnehmern Zeit lassen, ihren eigenen Blick für die versteckten Sehenswürdigkeiten einer Stadt oder Landschaft zu schärfen. Bilder, an denen man womöglich Stunden gefeilt hat, bis der Aufbau und die Beleuchtung stimmten, brennen sich ein - nicht nur auf den Film, sondern auch in die Seele.

Michaela Klüver-Spreng nimmt für sich in Anspruch, ihre Kunden an Orte zu führen, "die in keinem Reiseführer stehen". Ihre vor drei Jahren gegründete Firma Highlight Tours in Stockach ist auf den Bodenseeraum spezialisiert. Zum Themenspektrum der meist zwei- bis viertägigen Foto-Workshops zählen Schwäne auf dem Rhein, Schmetterlinge auf der Insel Mainau, die Obstblüte oder die Farbe Rot in der Natur. "Es geht immer auch um den Naturgenuss, nie nur ums Fotografieren. Aber durch das Fotografieren schaut man einfach genauer hin."

So wie das Alpin Fototeam oder Highlight Tours sind viele Anbieter von Fototouren Kleinstunternehmen. Auch Horst Riefers von Click Fototours in Krefeld steht bloß eine Mitarbeiterin zur Seite. Trotzdem hat sich der im neunten Jahr bestehende Veranstalter 2005 Reisen nach Berlin, Paris, Venedig, Barcelona und Mallorca vorgenommen. Alle Programme richten sich ausdrücklich auch an Amateure, die mit dem Hobby erst beginnen wollen.

Das ist bei den Fototouren des Studienreiseveranstalters Ikarus Tours und der Leica Akademie schon ein bisschen anders. Bei Preisen von mehreren tausend Euro sollte man sich mit der Kamera auskennen, um an Ort und Stelle keine kostbare Zeit zu verlieren und die Gruppe mit Grundsatzfragen aufzuhalten. "Unsere Teilnehmer sind in der Praxis Amateur-Profis", sagt Frank Fischer von Ikarus Tours in Königstein. "Bei manchen ist die Ausrüstung teurer als die des begleitenden Fotografen."

Begleitet durch Profifotografen

Mit ihren Fotoreisen sind Ikarus Tours und die Leica Akademie bezogen auf den Gesamtmarkt Nischenanbieter. Ikarus Tours hat pro Jahr 16 bis 20 Fotoreisen im Angebot, die praktisch keinen Erdteil ausklammern. Zu den exotischsten Zielen zählen Tibet, Äthiopien und die Nordostpassage. Alle Reisen werden von einem Profifotografen begleitet. Oft handelt es sich um bekannte Namen wie etwa Helfried Weyer oder Reiner Harscher, die bei ihren Diashows große Säle füllen.

Bei der Leica Akademie ist die Liebe zur Fotografie eng mit der Liebe zur Leica verbunden. Das heißt aber nicht, dass an den Programmen nicht auch Eigner einer Canon oder Nikon teilnehmen können. Die Akademie wurde 1930 gegründet, um der Nachfrage nach Unterweisung in der von Leitz entwickelten Kleinbildfotografie Rechnung zu tragen. Workshops werden am Firmensitz in Solms bei Wetzlar sowie an Außenstellen in Altenberg, Glückstadt, im Ostseebad Zingst und im Berchtesgadener Land ausgerichtet. "Da gerade die Außenstellen in touristisch reizvollen Gegenden liegen, hängen viele Teilnehmer noch einen Urlaub dran", sagt Akademieleiter Udo Zell.

Doch die Akademie begibt sich rund zehnmal im Jahr auch auf große Fahrt. Der 75. Geburtstag wird in diesem August mit einer Donaukreuzfahrt von Budapest nach Passau gefeiert. Zu den weiteren Angeboten zählt eine 14-tägige Tour nach Alaska für 7600 Euro und, am unteren Ende der Preisskala, eine einwöchige Tour nach Teneriffa für 1650 Euro.

Den Reisen schließen sich immer auch Nachtreffen an, auf denen die Teilnehmer die Früchte ihrer gemeinsamen Unternehmung herumzeigen. Und so werden Fotoreisen zu einem rundum nachhaltigen Erlebnis: fototechnisch, touristisch und zwischenmenschlich.

Von Tobias Wiethoff, gms