"Friederike" in Essen: "Nein, heute fährt wirklich kein Zug mehr" - DER SPIEGEL
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Hauptbahnhof Essen: Gestrandet dank "Friederike"

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Gestrandet wegen "Friederike" "Nein, heute fährt wirklich kein Zug mehr"

"Friederike" war angekündigt. Schon klar. Doch irgendwie überraschen so ein Sturm und ein völliger Zugstillstand dann doch. Passagiere brauchen jetzt gute Nerven. Bahnmitarbeiter noch bessere.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das war doch klar, könnte man jetzt sagen. Schon Anfang der Woche wusste man, dass "Friederike" kommt. Auch die Bahn wusste das, Pendler wussten es, der Nachbar hat die Gelegenheit dankbar genutzt, um sich über das Wetter zu unterhalten - und wer es nicht wusste, hat spätestens heute Morgen im Radio von dem Sturmtief erfahren.

Trotzdem bilden sich am Hauptbahnhof in Essen immer wieder kleine Grüppchen um die Bahnmitarbeiter vor dem Infopoint in der Eingangshalle und fragen fassungslos, was denn los sei.

"Heute KEIN Zugverkehr mehr möglich", steht auf weißen Zetteln, die notdürftig mit Tesafilm im ganzen Bahnhof aufgehängt wurden. Sagt ja eigentlich schon alles. Eine Durchsage, die sich alle fünf Minuten wiederholt, bestätigt ebenfalls noch einmal: "Der Bahnverkehr ist aufgrund von Unwetterschäden durch das Sturmtief 'Friederike' bis 19. Januar um 3 Uhr morgens eingestellt."

"Nein, heute fährt wirklich kein Zug mehr", sagt ein Bahnmitarbeiter, der diesen Satz am heutigen Tag wohl schon einige Male wiederholt haben dürfte. "Ich will einen Taxigutschein", fährt ihn die Frau an, die mit Rollkoffer und Zornesfalte auf der Stirn vor ihm steht. "Wir haben keine Taxigutscheine" - "Warum nicht?" - "Das ist höhere Gewalt." - "Ich bestehe darauf, dass die Bahn mir ein Taxi bezahlt", wiederholt die Frau.

Achselzuckend wendet sich der Bahnmitarbeiter einer anderen Passagierin zu. "Nein, heute fährt wirklich kein Zug mehr", hört man ihn sagen.

Besser die Zahnbürste einpacken

Schon gestern hatte die Deutsche Bahn auf ihrer Website  davor gewarnt, dass es am Donnerstag zu wetterbedingten Beeinträchtigungen kommen könnte. Nun stellte sie den Zugverkehr ein, zunächst in Westdeutschland, am Nachmittag dann bundesweit.

"Pack' mal besser eine Zahnbürste ein", hat meine Kollegin mir noch halb im Scherz geraten, als ich mein Zugticket buchte, um von der Auktion der Air-Berlin-Überreste in Essen zu berichten. "Ach, wird schon nicht so schlimm werden", habe ich nach einem kundigen Blick auf die Wetterprognose entgegnet. Jetzt sitze ich in Essen fest und habe keine Zahnbürste. Der Drogeriemarkt im Bahnhofsgebäude macht heute bestimmt einen überdurchschnittlichen Umsatz mit Pflegeprodukten.

Heute Morgen war noch alles in Ordnung. Der ICE aus Hamburg fuhr pünktlich um 6.12 Uhr am Hauptbahnhof ab und erreichte Essen ebenfalls pünktlich um 8.52 Uhr. Kein ungewöhnlich starkes Lüftchen zu spüren. So wie vermutet.

Nun ist der Haupteingang des Essener Hauptbahnhofs mit rot-weißem Flatterband abgesperrt, und die Bahnmitarbeiter drinnen schieben sich gegenseitig Schokoriegel zum Durchhalten zu.

"Gibt es Schienenersatzverkehr?", fragt eine Frau neben mir, die nach Duisburg muss. "Nein, ist nicht eingerichtet", sagt die Bahnmitarbeiterin, die nicht nur gestresst wirkt, sondern auch einen hochroten Kopf hat. "Warum nicht? Was soll das, so schlimm ist das Wetter doch gar nicht?", fragt die Frau, denn auch der S-Bahnverkehr und die Ruhrbahn fahren in Essen nicht mehr. "Das weiß ich nicht, das ist halt so", antwortet die Bahnangestellte, und ihr Gesicht wird noch ein bisschen röter. Ein paar Meter weiter schreit ein Mann auf Türkisch in sein Handy.

Sturm hat teilweise heftige Auswirkungen

Mit Blick aus den großen Scheiben der Eingangshalle wage ich zu beurteilen, dass das Wetter tatsächlich gar nicht so schlimm aussieht. Es ist grau, Nieselregen, das Absperrband flattert im Wind, aber es hängt noch, nicht einmal die Regenschirme verbiegen sich. Ist ja besser als ein durchschnittlicher Sommertag in Hamburg, denke ich mir.

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Unwetter: "Friederike" erschwert das Reisen

Foto: Maurizio Gambarini/ dpa

Ich prüfe mein Handy und erfahre, dass der Nordausgang des Essener Bahnhofs gesperrt wurde, weil offenbar Teile des Dachs herabzustürzen drohen. Am Niederrhein hat es einen Toten gegeben, in Hamburg wurde ein Junge fast von einem Ast erschlagen. Meteorologen warnen die Bürger davor, das Haus zu verlassen. Bis zum frühen Abend steigt die Zahl der Sturmtoten auf drei.

Okay, es ist schlimm.

"Wie kommst du nachher nach Hause?", höre ich die nervlich gebeutelte Bahnmitarbeiterin ihre Kollegin fragen. "Du, keine Ahnung, fährt ja nix", antwortet die andere. "Mein Freund hat geschrieben, bei uns in der Straße ist ein Baum umgestürzt." Ein Mann tippt sie energisch auf die Schulter. "Hören Sie, Frollein, fährt heute wirklich kein Zug mehr? Das kann ja wohl nicht sein", sagt er.

"Nein, heute fährt wirklich kein Zug mehr", antwortet sie freundlich. Ich nehme mir ein Hotel.