Indoor-Klettern: Der künstliche Berg ruft - DER SPIEGEL
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Indoor-Klettern Der künstliche Berg ruft

Bouldern, Toprope und Speedklettern: Wenn's draußen stürmt und schneit, können Kraxelfans in 150 Kletterhallen in ganz Deutschland flüchten. Für den Höhenrausch am Indoor-Berg benötigen sie weder starke Muskeln noch großen Mut.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Göttingen/ Berlin - Die Füße tasten sich vorsichtig voran, die Finger greifen langsam nach dem Vorsprung: In der Kletterhalle "T-Hall" in Berlin hangeln sich viele Jungen und Mädchen an den grauen Wänden hinauf und jubeln, wenn sie es bis nach ganz oben geschafft haben.

Der künstliche Berg ruft - und immer mehr wollen ihn erklimmen. "Klettern ist die neue Trend-Sportart", sagt Sven Frings, der als Klettertrainer an der Universität Göttingen tätig ist. "Und das Schöne daran ist, dass jeder klettern kann - egal ob dick oder dünn, groß oder klein." Gerade in der kalten Jahreszeit bietet sich für das Kraxeln eine der mehr als 150 Hallen in ganz Deutschland an.

"Eigentlich ist Klettern ja ein Outdoor-Sport, aber durch die Hallen dringt er in immer mehr Städte vor", sagt Wolfgang Wabel, Ressortleiter Spitzenbergsport beim Deutschen Alpenverein in München. Denn Kletterhallen sind praktisch für alle, die nicht nach der Schule schnell mal auf den Berg hinter dem Haus steigen können.

Klettern ist nicht gleich Klettern

"Es gibt vier Möglichkeiten", erklärt Wabel. "Bouldern beispielsweise ist die Variante, für die man kein Seil benötigt, weil die Wände nicht so hoch sind." Man hangelt sich also ohne technische Hilfen nach oben. Die Folge ist: Wer den Halt verliert, fällt zwar ungesichert zu Boden, dafür aber nur aus höchstens vier Meter Höhe - und auf eine dicke Matte. "Beim Toprope dagegen geht es je nach Halle in bis zu 25 Meter Höhe - mit Seil", sagt Frings. Allerdings muss man als Kletterer kein Seil dabei haben, da es schon in den Haken an der Wand hängt und ganz oben festgemacht ist. "Da hakt man sich dann beim Klettern nur ein. Dennoch braucht man auch dabei einen Sicherungspartner, um die Kontrolle über das Seil zu haben."

Außerdem gibt es das Speedklettern, bei dem zwei Konkurrenten gleichzeitig gegeneinander in die Höhe kraxeln. Beide nehmen die gleiche Route, die sie möglichst schneller als der Partner zurücklegen müssen. Die vierte, gerade in Hallen weit verbreitete Möglichkeit, ist das Klettern im sogenannten Vorstiegsbereich. "Die Karabiner hängen je nach Route und Schwierigkeitsgrad in einem bestimmten Abstand voneinander in der Wand, und der Kletterer hangelt sich von Haken zu Haken und muss das Seil jedes Mal neu einhängen", erklärt Frings. Das sei etwas schwieriger, weil man mehrere Dinge auf einmal koordinieren muss und trotz Sicherung mehrere Meter tief stürzen kann. "Dabei muss man vor allem die Nerven behalten und mentale Stärke beweisen", sagt Frings. Denn man muss nicht nur die Höhenangst überwinden. Jeder Schritt sollte auch genau überlegt sein.

Mädchen sind besser als Jungen

"Jungs haben im Vorfeld eine große Klappe, merken dann aber, dass sie es nicht so einfach auf Anhieb schaffen", sagt Udo Batz, einer der Eigentümer der Berliner T-Hall. "Mädchen dagegen sind meist viel ängstlicher, dann aber überrascht, wie gut sie klettern können." Denn wichtig sei beim Kraxeln nicht allein der Umfang des Bizeps. " Es ist ein weit verbreiteter Anfängerfehler, sich mit den Armen nach oben zu ziehen." Besser drückt man sich mit der Kraft der Beine nach oben - "und die haben auch Mädchen". Mädchen konzentrierten sich außerdem mehr und entwickeln eine Strategie, bevor sie weiter nach oben klettern.

Klettern trainiert und fordert aber nicht nur den ganzen Körper. "Man muss auch durchhalten, weil man nicht einfach stehen bleiben kann", sagt Batz, der selbst als Jugendlicher mit dem Klettern anfing. Das schult die Selbstbeherrschung und vermittelt Selbstvertrauen. " Vor allem aber muss man lernen, sich auf seinen Sicherungspartner zu verlassen", sagt Batz. "Das fällt einigen am Anfang noch etwas schwer. Es ist aber - wenn man sich darauf einlässt - ein ganz tolles, beruhigendes Gefühl."

Von Aliki Nassoufis, gms