Insel Rügen: Bagger auf der Klippe - DER SPIEGEL
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Insel Rügen Bagger auf der Klippe

Von Touristen bestaunt, von Caspar David Friedrich gemalt und jetzt von schweren Baumaschinen heimgesucht: Im Nationalpark Jasmund sollen in den kommenden Wochen die Altlasten aus DDR-Zeiten beseitigt werden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sassnitz - Auf den berühmten Kreidefelsen der Insel Rügen  rollen die Bagger - und die Naturschützer, die sonst bei Eingriffen in sensible Lebensräume auf die Barrikaden gehen, haben keine Einwände. "Wir sind sogar mit Rat und Tat dabei", berichtet der Leiter des Projektbüros Ostsee der Umweltstiftung WWF, Jochen Lamp.

In den nächsten Wochen sollen im Nationalpark Jasmund  die Reste ehemaliger DDR-Militäranlagen beseitigt werden, um Platz für ein modernes Nationalpark-Informationszentrum zu schaffen. Insgesamt müssen die Bagger 7000 Kubikmeter Gebäudeschutt und 6000 Quadratmeter Beton- und Asphaltflächen abräumen.

Mit dem Abriss eines 40 Meter hohen Gittermastes, der zu DDR-Zeiten zur Beobachtung der scharf bewachten Seegrenze diente, soll Ende der Woche eine wichtige Etappe in der Altlastenbeseitigung abgeschlossen werden. Bis Ende März könnte die Räumung beendet sein und mit dem Bau des Informationszentrums begonnen werden.

Dazu ist bis zum Frühjahr 2002 für 17 Millionen Mark auch die Umgestaltung des maroden ehemaligen Hotels "Stubbenkammer" vorgesehen. Lamp ist sicher, dass damit in einer der reizvollsten Naturlandschaften Mecklenburg-Vorpommerns eine Attraktion von überregionaler Bedeutung entsteht.

Den Mammutanteil der Kosten tragen Bund und Land. Der WWF beteiligt sich mit drei Millionen Mark, die EU gibt etwa 700.000 Mark und die Stadt Sassnitz steuert die künftigen Eintrittsgelder der Besucher der Königstuhl-Klippe bei. Das Nationalparkamt Rügen gewährt personelle und fachliche Unterstützung.

Der Sassnitzer Bürgermeister Dieter Holtz ist überzeugt, dass mit dem Informationszentrum die Inselregion touristisch belebt und gleichzeitig der Weg einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung eingeschlagen wird.

Mini-Nationalpark zieht Millionen an

Der mit 30 Quadratkilometern kleinste Nationalpark Deutschlands auf Rügen zieht schon jetzt jährlich über eine Million Besucher an. Dominiert wird der Jasmund von seinen reichen Rotbuchenbeständen, zahlreichen Hochmooren und den Kreidefelsen. Deren höchsten - den 116 Meter hohen Königstuhl - machte der Maler Caspar David Friedrich berühmt.

Im Jasmund sind Rot- und Damwild, Rehe, Marder, Dachse, Mufflons genauso wie Seeadler und Waldohreule zu Hause. Aber auch Kleintiere wie Springfrosch, Rotbauchunke oder Insekten trifft der aufmerksame Besucher an. Seltene Orchideen und andere botanische Raritäten komplettieren das Riesenangebot in Deutschlands Mini-Nationalpark.

Wegen der Vielfalt an Pflanzen und Tieren wurde die Inselregion schon 1929 unter Schutz gestellt. Unmittelbar vor der deutschen Einheit im Oktober 1990 beschloss die scheidende DDR-Regierung ein Nationalparkprogramm, das in Mecklenburg-Vorpommern neben der vorpommerschen Boddenlandschaft und der Seenplatte um die Müritz auch dem Jasmund den höchstmöglichen Naturschutzstatus zuerkannte.

Das bedeutet jedoch keine hermetische Abriegelung des Gebietes. Das künftige Informationszentrum und gelenkte Besucherströme sollen möglichst vielen Naturfreunden Schönheit und Vielfalt des Jasmund erschließen helfen.

Lutz Jordan