Kalifornien Die neue Anmut
"Kommen Sie", sagt winemaker Luc Morlet, "ich zeige Ihnen unseren jüngsten Weinberg Ma Belle-Fille. Er ist nach der Schwiegertochter von Sir Peter Michael benannt, und der Bindestrich zwischen Belle und Fille ist sehr wichtig: Ohne ihn würde das Wort nicht Schwiegertochter bedeuten, sondern my babe."
Auch das erschiene passend, so wie der junge Franzose von dem neuesten Projekt der Peter Michael Winery schwärmt. Das Gut des geadelten Medienmoguls liegt im verwunschenen Knights Valley des Sonoma County und ist berühmt für seine dichten, mineralischen Weißen sie haben so gar nichts gemein mit buttrig-fetten kalifornischen Chardonnay, die hierzulande in Weinläden und Supermärkten stehen.
Wir fahren auf unbefestigten Wegen die Weinberge hoch. Es ist neblig, fängt zwischendurch sogar an zu tröpfeln, aber auf 600 Meter Höhe durchbrechen wir die Wolkenwand und stehen auf einer sonnigen, windigen Anhöhe am Fuß des Mount St. Helena. Unter uns klebt die Wolkenschicht wie Watte in den Wäldern. "Der Nebel ist unsere Klimaanlage", sagt der Winzer aus der Champagne. "Und es zieht immer eine kühle Brise vom Pazifik Richtung Mount St. Helena."
Luc Morlet wischt über die weißlichen Brocken im Boden. "Ich dachte zuerst, das hier sei Kalkstein wie in Fronsac. Aber es ist komprimierte vulkanische Asche, also Tuffstein." Um uns herum liegen die anderen Chardonnay-Rebflächen: die steile, steinige Höhenlage La Carrière und La Belle Côte. Weiter unten gedeiht auf kargem Grund der Sauvignon blanc für Peter Michaels frischen, vielschichtigen "LAprès-Midi" (zu Deutsch: der Nachmittag) mit seinen delikaten Limetten- und Mandelnoten.
Die Chardonnay werden als Lagenweine ausgebaut. "Das terroir nur sich selbst zu überlassen finde ich etwas zu einfach", sagt Morlet, "es gehören auch Handwerkskunst und Technik dazu, einen erstklassigen Wein zu erzeugen. Ich sehe mich nicht mehr als terroirist, eher als terroir artist." Dass man sich seinem Nebenmann im Flugzeug nicht als terroirist vorstellen sollte, hat der Winzer auf einer Reise nach Washington festgestellt. "Zum Glück ist mein Sitznachbar heute trotzdem auf unserer Mailingliste", erzählt er. Nur wer auf dieser Liste steht, kann die streng limitierten, luxuriösen Weine von Peter Michael erstehen in Deutschland kostet eine Flasche um die 70 Euro.
"Holz sollte wie ein Gespenst sein"
Wie schafft es Luc Morlet, dass die Weine so unamerikanisch schmecken? "Bei der malolaktischen Gärung kommen nur Bakterien zum Einsatz, die nicht diesen buttrigen Geschmack entwickeln", erklärt er. Seine Weißweine baut er wie Burgunder aus und nicht in amerikanischer Eiche, sondern in französischen, zum Teil gebrauchten Barriques. "Holz sollte wie ein Gespenst sein", sagt Morlet, "man weiß, es ist da, aber man sieht es nicht."
Peter Michaels Chardonnay sind tatsächlich so anmutig, komplex und vielschichtig wie erstklassige Burgunder: der 2002er "La Carrière" mit herrlicher Aprikosenfrucht und zarten Kräuternoten, der blitzsaubere 2002er "La Belle Côte" mit Anklängen an Mandarine und Grafit, dazu einem Hauch von Rosen. Und als erster Jahrgang der 2002er "Ma Belle-Fille", ein körperreicher, fruchtiger Chardonnay mit Aromen von Orange und Bergamotte. Er demonstriert, dass Peter Michaels Weine zwar elegant wie Franzosen sind, aber dennoch die Kraft (und den Alkohol!) besitzen, die man von Kaliforniern erwartet. "Das Beste aus beiden Welten", sagt Luc Morlet.
Solch wohl balancierte Weiße gedeihen in den sogenannten cool-climate-Regionen Kaliforniens am besten. Im Sonoma County sind das auch die Appellationen Russian River Valley, Chalk Hill und Los Carneros. Durch die hügeligen Weingärten zieht eine Brise vom Pazifik und der San-Pablo-Bucht, hartnäckiger Nebel legt sich über die Trauben wie ein Sonnenschirm. Beides verlängert den Reifezyklus, so dass die Beeren bei niedrigeren Zuckerwerten gelesen werden, also weniger Alkohol bringen.
Chalk Hill ist auch der Name des Weinguts von Fred und Peggy Furth, einem wohlhabenden Ehepaar aus dem Mittleren Westen der USA. Nahe Healdsburg windet sich eine kurvige, von mächtigen Eukalyptusbäumen gesäumte Straße auf den gleichnamigen Hügel zu ihrem Anwesen. Die passionierte Dressurreiterin Peggy Furth fährt mit uns durch die Weinberge, die in ihrer geologischen Vielfalt wie ein Flickenteppich aussehen.
"Der Name Chalk Hill kommt von dem weißen Stein, der wie Kreide (englisch: chalk) aussieht", erklärt Peggy Furth. "Oh, und das ist Dream", fügt sie hinzu und deutet auf ein schwarzes Pferd, das durch die Rebberge geführt wird. Peggys Pferdeleidenschaft hat sichtbare Folgen: Auf dem fast 500 Hektar großen Grundstück befinden sich auch eine Reithalle, Reitplätze und Stallungen.
Fortschritte durch Klonforschung
Zwei ebene, kieselige Mini-Lagen liefern die besten Chardonnay-Trauben von Chalk Hill: Founders Block (fünf Hektar) und Oak Hill (drei Hektar). Das Lesegut dieser Parzellen wird als Estate Vineyard Selection abgefüllt. So zeigt sich der 2000er Chalk Hill Estate Vineyard Selection Chardonnay aus der Lage Oak Hill extraktreich, aber elegant und stramm am Gaumen.
Winzer Steve Leveque behandelt die Weißweine aus streng selektiertem Lesegut besonders schonend, vermeidet zum Beispiel zu langen Schalenkontakt, indem er die ganzen Trauben samt Stielen presst, lässt die Gärung durch natürliche Hefen beginnen und verwendet viel gebrauchtes, also neutrales Holz. Wie sein Kollege Morlet tut Leveque alles, um den kalifornischen Buttergeschmack zu vermeiden: "Butter", sagt er, "hat nur in der Küche etwas zu suchen."
Große Fortschritte macht der Weinbau auf Chalk Hill durch die Klonforschung des vineyard managers Mark Lingenfelder. Auf fünf Hektar hat der Kalifornier mit Pfälzer Vorfahren 17 verschiedene Chardonnay-Klone angepflanzt. "Nummer 15 ist der Beste", sagt Lingenfelder, "ein Klon aus dem Bundesstaat Washington. Die Traube ist lockerbeerig und erzielt kleine, feine Erträge." Viele andere Winzer in den cool-climate-Regionen von Sonoma setzen für ihre eleganten Chardonnay auf die französischen Dijon-Klone. Deren Beeren werden schon bei für kalifornische Verhältnisse relativ niedrigen Mostgewichten reif.
Zwischen Chalk Hill und der Pazifikküste liegt das kühle Russian River Valley. Von dort beziehen viele Weingüter in Sonomas heißen Tälern wie dem Alexander oder dem Dry Creek Valley neuerdings Chardonnaytrauben, oder sie legen gleich eigene Weinberge dort an. Jordan Vineyards etwa erzeugt seit einiger Zeit einen blitzsauberen Chardonnay aus gut gekühlten, nachts gelesenen Trauben vom Russian River Valley, einen frischen, unbeschwerten Essensbegleiter, der sich in amerikanischen Restaurants bestens verkauft. Und selbst Konzerne wie Gallo erzeugen Lagenweine von kühl gelegenen Weinbergen, etwa den schmelzigen 2002er Laguna Ranch Vineyard Russian River Valley Chardonnay oder den 2000er Two Rock Chardonnay von der Sonoma Coast.
Lesen Sie im zweiten Teil: Die Zitrusfrüchte besiegen die Ananas
Die Zitrusfrüchte besiegen die Ananas
Die Appellation Sonoma Coast ist riesig, sie erstreckt sich weit ins Landesinnere. Zur geografischen Küste geht es immer am Russian River entlang durch Redwood-Wälder bis nach Jenner, wo der Fluss eindrucksvoll ins Meer strömt und graue Felsen wie Eisberge im türkisfarbenen Pazifik liegen der wird hier auch im Sommer nicht wärmer als 15 Grad. Ganz oben, auf den Hügeln knapp hinter dem Meeresstrand, besitzen einige der berühmtesten kalifornischen Weißweingüter Rebberge. Hier an der "real Sonoma Coast", wie Ross Cobb vom Weingut Flowers sagt, wird es abends kalt wie an der Nordsee.
Auf 450 Meter Höhe hat das Inhaberpaar Joan und Walt Flowers 13 Hektar vulkanisch-marinen Boden mit Reben bestocken lassen. Sie erzeugen herrlich dichte, mineralische Chardonnay mit feiner Säure wie den 2003er Camp Meeting Ridge mit delikaten Aromen, die an Orangen, Mandeln und Vanillecreme erinnern, oder die schmelzige 2002er Andreen-Gale-Cuvée. "Es gibt einen Trend hin zu weniger neuem Holz, etwas weniger Alkohol, mehr Mineralität und immer kühleren Anbauzonen", sagt winemaker Cobb über Kaliforniens Weißweine, "es geht mehr um zitronige und weniger um exotische Aromen. Die Zitrusfrüchte besiegen die Ananas, das werte ich als Erfolg."
Durch den neuen, eleganteren Stil gewinnt auch das Anbaugebiet Los Carneros südlich des Städtchens Sonoma an Bedeutung. Das sanft gewellte Land gehört teils zum Sonoma County, teils zum Napa County. Wenn die Winzer aus dem sonnenverwöhnten Napa Valley also feinere Weiße machen möchten, keltern sie Trauben aus dem kühlen Süden anstelle von denen, die in der heißen Ebene rechts und links vom Highway 29 brutzeln.
Steve Test, schnauzbärtiger Winzer bei Merryvale in St. Helena, mag kraftvolle, aber balancierte Weißweine mit klarer, lebendiger Frucht. "Es gibt immer noch die holzbeladenen, körperreichen, superreifen Weißweine aus Kalifornien", sagt Test, als wir in einem mannshohen ausgebauten Holztank sitzen und die Weine verkosten. "Und auf der anderen Seite werden jetzt auch ganz schlanke, stahlige Weine erzeugt, aber die sind nicht so interessant. Ich versuche, den kalifornischen Stil mit dem burgundischen zu verbinden, am Ende geht es um die Balance."
Mit seiner schmelzigen 2001er Reserve Carneros Chardonnay, die nach frisch gebackenem Apfelkuchen duftet, ist das dem winemaker bestens gelungen. Und selbst Sauvignon blanc und Chardonnay aus der preisgünstigeren Merryvale-Linie "Starmont", für die ein Großteil der Trauben aus Napa-Weinbergen kommt, erscheinen leicht, frisch und fruchtig, da Steve Test die Weine nicht vollständig die malolaktische Gärung durchlaufen lässt und sie in überwiegend neutralem französischem Holz ausbaut.
Würzige Zitrusaromen von Limette und Orange
Warum sich der neue Stil erst langsam durchsetzt, erklärt Winzer Richard Ward vom Weingut Saintsbury, das ebenfalls im ländlichen Carneros liegt: "Eleganz und Finesse werden vom durchschnittlichen Weintrinker nicht so leicht registriert, viel Holz und Kraft schon." Auch für Ward ist die Finesse höchstes Ziel und Herausforderung zugleich. Neben seinem fruchtig-frischen, elegant vom Holz getragenen Carneros Chardonnay hat er im Jahr 2002 erstmals einen reifen und würzigen, aber mineralischen single-vineyard-Wein aus der Lage Brown Ranch ausgebaut.
Winzerin Laurie Hook verfolgt beim Weinriesen Beringer mit ihrem Kollegen Ed Sbragia den eleganten Mittelweg: "Auch wenn wir schon lange dabei sind, haben wir keine Angst vor Veränderungen." Den Chardonnay aus dem Carneros-Weinberg Stanly Ranch bauen sie jetzt in neutralem Holz aus, sodass herrlich würzige Zitrusaromen von Limette und Orange sowie mineralische Nuancen zum Ausdruck kommen. "Jeder Wein verträgt eine andere Dosis Holz", sagt Laurie Hook mit leuchtend grünen Augen, "es ist wie mit einer Federboa an einer Frau. An Schauspielerin Catherine Zeta-Jones sähe so eine Boa umwerfend aus, an einer energischen Dame wie Condi Rice würde sie lächerlich wirken." Und oft ist weniger einfach eleganter.