Kanada: Wildgänse unter Dauerfeuer - DER SPIEGEL
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Kanada Wildgänse unter Dauerfeuer

Urlauber in Kanadas Wildnis müssen sich in den kommenden Wochen auf bleihaltige Luft einstellen: Im Norden Amerikas wird die Jagd auf Wildgänse eröffnet.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Toronto - Kanadas Jäger holen die Gewehre aus dem Schrank. Der kommende Montag wird für viele Wochen der letzte Tag sein, an dem sich die nach Bären, Elchen und Wölfen wohl prominentesten Tiere des nordamerikanischen Landes noch sicher fühlen durften.

Am Morgen nach dem Labour Day beginnt die Jagd auf Wildgänse. Zum ersten Mal hat der Canadian Wildlife Service, der viele Jahre lang gegen das Aussterben der Wildvögel gekämpft hatte, die meisten Beschränkungen aufgehoben und das Motto "Feuer frei" ausgegeben. Pro Jäger und Tag dürfen acht Gänse geschossen werden.

Zwei Jahrhunderte der europäischen Besiedlung Nordamerikas schienen den Gänsen fast den Garaus gemacht zu haben. Anfang der achtziger Jahre sagten Vogelkundler ihr baldiges Aussterben voraus. Noch Mitte der neunziger - da hatten strenge staatliche Schutzbestimmungen bereits wieder für eine Erholung des Bestandes gesorgt - rührte der Hollywoodfilm "Amy und die Wildgänse" Tierfreunde in aller Welt zu Tränen. Heute gelten die Kanadagänse vielerorts als Plage.

Zu Tausenden fallen sie über Felder, Seen und selbst Kleinstädte her, werden oft zur Gefahr für den Flugverkehr oder einfach nur als lästig empfunden. Es gebe kaum noch einen Golfplatz, "wo man nicht ständig auf Gänsekacke tritt", klagte die Tageszeitung "Ottawa Citizen".

Allein in der Provinz Ontario hat sich die Gänseschar in den vergangenen Jahren verdoppelt - auf rund 385.000. Die Wildvögel wagen sich selbst in dicht besiedelte Gebiete vor, seit sie merkten, dass freundliche Menschen sie mit Brotkrumen füttern. "Wenn man nicht auf sie schießt und keine Hunde auf sie hetzt, werden die Gänse extrem zahm", sagt der Vogelexperte Bill Rapley vom Metro Zoo in Toronto.

Um das gestörte Naturgleichgewicht wieder herzustellen, ermuntern Kanadas Behörden nicht nur die Jäger. Gemeinden wurden dringend Programme zur "Gänsekontrolle" empfohlen. Dazu gehört die Errichtung von Sichtblenden im offenen Gelände wie auf Weideplätzen, damit die Gänse sich dort nicht mehr sicher fühlen.

In der Umgebung der Millionenstadt Toronto wurden gar Brutplätze mit Mineralöl besprüht. Dadurch soll das Aufplatzen der Eier verhindert oder wenigstens hinausgezögert werden. Die ahnungslosen Gänsemütter brüten dennoch weiter und werden so davon abgehalten, neue Eier zu legen.

Thomas Burmeister, dpa