Königsberg: Zwischen Plattenbau und Philosophen - DER SPIEGEL
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Königsberg Zwischen Plattenbau und Philosophen

Langsam kommen mit dem alten Glanz auch die Touristen wieder nach Kaliningrad. Denn das ehemalige preußische Königsberg hat mehr als Kant und Klöpse zu bieten.
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Königsberg - Früher standen im Zentrum von Königsberg dicht an dicht mittelalterliche Häuser und Kirchen. Heute eröffnet sich vor dem Auge des Besuchers weite Ödnis. Sowjet-Monumente wachsen in den Himmel: Lenin, Mütterchen Russland, ein Panzer, ein Marineboot.

Königsberg, im Zweiten Weltkrieg und den Folgejahren zu neun Zehnteln zerstört, von Stalin der Sowjetunion einverleibt, hat aufgehört zu existieren: An seine Stelle ist Kaliningrad getreten. Mit seiner Plattenbau-Pracht wirkt es nicht mehr "ein wenig", wie ein Reiseführer der zwanziger Jahre bemerkte, sondern ausgesprochen russisch.

Nach dem Krieg sorgte die Politik für weitere Zerstörungen des Stadtbilds, Kaliningrads deutsche Vergangenheit wurde systematisch ausgelöscht. Die Ruine des Stadtschlosses, in dem Preußens Könige gekrönt wurden, wurde in den Sechzigern abgerissen. An derselben Stelle entstand das Haus der Räte, ein 16-stöckiger Betonkoloss, der für die Partei vorgesehen war, aber nie bezogen wurde. So wird der Anblick Kaliningrads heute wieder von einer Ruine beherrscht.

Die im Krieg beschädigte Außenfassade des Domes hingegen wurde vor zwei Jahren wiederhergestellt: Sein Kupferturm hat der Stadt alten Glanz zurückgegeben. Die Renovierung des Inneren ist noch in vollem Gange, ein kleines Kant-Museum aber bereits zu besichtigen. Das Grab des großen Philosophen, der Königsberg sein Leben lang nicht verlassen hat, lehnt sich an die Südseite des Domchors - und bewahrte das Gotteshaus vor der Einebnung. Denn Immanuel Kant galt den Sowjets als Urahn des Sozialismus.

Es lassen sich noch mehr Spuren der alten Kulturstadt entdecken: Das Schauspielhaus überstand den Krieg, bekam jedoch mit einer neuen Säulenfront ein russisches Gesicht verpasst. Gegenüber steht eine Schiller-Statue: Eines der wenigen Denkmäler aus deutscher Zeit, das während des Krieges nicht geköpft wurde. Ein Rotarmist schrieb auf russisch auf den Sockel: "Nicht erschießen! Das ist ein Künstler!".

Im Dohnaturm können Teile des Bernsteinzimmers im Nachbau bestaunt werden. Die Spuren des sagenumwobenen Schatzes verloren sich in den letzten Tagen des Krieges in Königsberg. Die originalgetreu rekonstruierten Teile sind großenteils aus konfisziertem Schmuggel-Bernstein angefertigt.

Bernstein ist unter Urlaubern heute noch das beliebteste Mitbringsel. Überall, wo Touristen auftauchen, bieten fliegende Händler das "Ostsee-Gold" zu Spottpreisen feil. Allerdings sollte man vor Fälschungen und minderwertigem Pressbernstein auf der Hut sein.

Spannend ist ein Bummel über den Kaliningrader Zentralmarkt: Räucherfisch, Wellensittiche, Kohlköpfe, gehäkelte Topflappen, alte Kaffeekannen, handbemalte Matrjoschkas, gebrauchte Plastiktüten aus dem Westen werden hier verkauft. Und natürlich Wodka - die Halbliter-Flasche "Kenigsbergskaja" mit dem historischen Stadtschloss-Stich auf dem Etikett.

Bis zum Jahr 1991 war Kaliningrad Sperrgebiet: Erst dank der Perestroika-Politik von Michail Gorbatschow öffnete der westlichste Vorposten der UdSSR seine Grenzen. Seither haben hunderttausende Deutsche Stalins Beuteprovinz besucht - nicht nur Vertriebene, die hier geboren wurden.

Wer ein wenig Zeit mitbringt, sollte sich in der Umgebung Kaliningrads etwas umtun. Ein Ausflug könnte beispielsweise nordwärts an die Steilküste des Samlandes führen. Zu Kaisers Zeiten vergnügte sich die Königsberger Hautevolee in den Ostseebädern Rauschen (Swetlogorsk) und Cranz (Selenogradsk). Heute sind es vor allem neureiche Kaliningrader, die sich alte Villen aus deutscher Zeit als Datschen für die Sommerfrische ausgebaut haben. Beide Orte haben traumhafte Sandstrände, an denen so viel Bernstein angespült wird wie sonst nirgends auf der Welt. Den Glamour früherer Zeiten sucht man allerdings vergebens.

Von Cranz geht es weiter auf die Kurische Nehrung, jene fast 100 Kilometer lange, sandige Landzunge, die sich heute Russland und Litauen teilen. Die Nehrung trennt die Ostsee vom Kurischen Haff, einer Süßwasserlagune, die etwa dreimal so groß wie der Bodensee ist. Schon Thomas Mann war von der Schönheit des Landstrichs hingerissen, der mit seiner einzigartigen Dünenlandschaft an die Sahara erinnert.

"Die weiße Küste ist schön geschwungen, man könnte glauben, in Nordafrika zu sein", schwärmte der Dichter. 1930 bezog er in Nidden (Nida) ein Ferienhaus, das heute ein Thomas-Mann-Museum beherbergt. Nidden ist mit seinen alten, reetgedeckten Fischerhäusern touristischer Mittelpunkt der Nehrung. Von hier aus kann man die größten Dünen Europas erkunden oder die elchreichen Wälder durchstreifen. Ungestört dösen lässt es sich am Ostseestrand.

Weiter oben, am Nordzipfel der Nehrung, fährt eine Fähre hinüber nach Memel (Klaipeda), das ein halbes Jahrtausend preußisch war. Heute ist Memel Litauens drittgrößte Stadt. Anders als in Königsberg wurde hier die Altstadt unter Denkmalschutz gestellt, systematisch renoviert und wieder aufgebaut. Hier steht auch kein Lenin-Denkmal mehr. Die Statue des Sowjetherrschers wurde 1991 als eine der ersten im Sowjetreich vom Sockel gehoben.