Körperscanner: Deutsche Flughäfen rüsten auf - DER SPIEGEL
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Flugsicherheit Neue Scanner kriegt das Land

Sechs Jahre nach den ersten Versuchen wird die dritte Generation der Körperscanner eingeführt - und zwar an allen deutschen Flughäfen. Ob das den Dauerstau an den Sicherheitskontrollen beenden wird?
Körperscanner R&S QPS200
Körperscanner R&S QPS200

Körperscanner R&S QPS200

Foto: Rohde & Schwarz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Flughafen Hamburg, Rushhour: Quälend langsam schlurfen Urlauber und Business-Reisende durch die mit Bändern abgezäunten Zickzack-Gänge vor den Sicherheitsschleusen. Bei vielen kann man beobachten, wie die Nervosität wächst: Armbanduhren und Handys werden konsultiert, ob es zeitlich noch passen wird. Denn oft genug dauert hier allein der Weg zur Sicherheitsschleuse eine satte, enervierende Stunde.

So chaotisch ist das in der Hansestadt, weil dort so gut wie ausschließlich Körperscanner zum Einsatz kommen. Und die Sicherheitskontrolle mit denen dauert nun einmal rund doppelt so lang wie mit herkömmlichen Metalldetektoren - wenn alles reibungslos läuft.

Denn der zeitliche Mehraufwand ergibt sich schon aus dem Messverfahren selbst: Einen Metalldetektor durchläuft man einfach - er schlägt dann an oder eben nicht. In einem Körperscanner muss man erst eine bestimmte Haltung einnehmen und dann nach dem Scan noch einmal drei bis vier Sekunden warten, bis die Bildanalyse erstellt ist.

Das alles summiert sich zu Stau verursachenden Zeiten - auch, weil die Scanner noch immer gern Muskulatur und Schweißflecken für verdächtig halten und selbst Bonbonpapier in der Hosentasche zur Scanwiederholung führt. Sprengstoff oder Waffen in den Schuhen, verborgen in Hautfalten oder Körperöffnungen würden die bisher aktuellen Scanner dagegen komplett übersehen, denn dort sind sie schlicht blind.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière 2010 im Körperscanner

Bundesinnenminister Thomas de Maizière 2010 im Körperscanner

Foto: Marcus Brandt/ picture alliance / dpa

Unter Sicherheitsexperten waren die Scanner nicht nur darum lang umstritten. Reisende empfanden den "Nacktscan" als Einbruch in die Privatsphäre, der Aufwand war groß, die damit erreichte Verbesserung der Sicherheit höchst strittig.

Inzwischen haben sich die Reisenden an den virtuellen Strip gewöhnt, und die teure Scanner-Technik wurde verbessert.

Und jetzt, bestätigt das Bundesinnenministerium auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, komme schon die nächste Generation der Scanner. Produzierte die erste, von 2010 bis 2014 getestete Serie bei den Messungen noch Fehlerquoten von 70 bis 100 Prozent, sank dieser Prozentsatz bei der zweiten Generation, wie sie heute an vielen Flughäfen steht, deutlich - beträgt aber noch immer rund 50 Prozent.

Beiläufiger, besser, schneller?

Die dritte Generation, die bis Jahresende an den an ersten Flughäfen aufgestellt werden soll, erfülle "die europäischen und nationalen Anforderungen", heißt es aus dem Innenministerium. Das klingt wie eine Antwort, ist aber keine: Solche Anforderungen und Auflagen beziehen sich bisher nicht auf die Scanqualität, sondern auf die Wahrung von Daten- und Persönlichkeitsschutzrechten sowie der körperlichen Unversehrtheit.

Das neue Gerät, heißt es im Bundesinnenministerium, werde aber "sowohl von den Passagieren, als auch von den Luftsicherheitsassistenten positiv bewertet und gut angenommen".

Das weiß man, weil die neuen Scanner des Typs RS QPS200  seit Sommer 2015 am Flughafen Hannover und seit Ende 2015 am Flughafen Sylt erprobt wurden. Ergebnisse dieser Tests sind allerdings nicht bekannt: Die Flughäfen sowie die zuständige Bundespolizei können, wollen oder dürfen dazu nichts sagen und verweisen an das Innenministerium.

Doch auch dort will man sich über die Ergebnisse der Tests nicht äußern. Zur Frage der Geschwindigkeit heißt es dort: "Aussagen zur Entwicklung der Durchsatzzahlen können erst nach Abschluss der derzeit noch andauernden Auswertung getroffen werden."

Was das Ministerium nicht daran hinderte, schon einmal 300 Geräte anzuschaffen. Wie die L3-Modelle (Modell Pro Vision 2)  sollen diese angeblich 200.000 Euro pro Stück kosten, plus Wartungs-, Service- und Schulungskosten. Und zwar überall: "An den deutschen Verkehrsflughäfen sollen mittelfristig und sukzessiv flächendeckend Sicherheitsscanner eingesetzt werden und die derzeit vorhandenen Metalldetektorschleusen ersetzen", heißt es aus dem Bundesinnenministerium.

Die Scanner ersetzen also die verbliebenen Metalldetektoren, die vorhandenen 130 L3-Scanner werden weiter eingesetzt. Die in den EU-Direktiven 1141/2011  und 1147/2011  vorgegebene Freiwilligkeit des Scannerchecks bedeutet dann, dass als einzige Alternative zum Scan für Flugpassagiere die manuelle Körperdurchsuchung bleibt.

Als Lieferant für die Scanner tritt an Stelle des US-Rüstungskonzerns L-3 Communications, der neben Körperscannern auch Regelungselektronik für Streubomben im Programm hat, nun der Münchner Funk- und Messtechnikkonzern Rohde & Schwarz (R&S). Der geht davon aus, dass die QPS200-Scanner künftig nicht nur Flughäfen absichern werden, sondern vielleicht auch Ministerien. Der Zuschlag erfolgte als Resultat einer öffentlichen Ausschreibung, heißt es beim Innenministerium, und mündete in eine "Rahmenvereinbarung zur Lieferung von Sicherheitsscannern".

Neu: 3D-Scan zwischen "Wänden"

Die sehen deutlich anders aus als bisherige Modelle und werden von vielen Passagieren sicher kaum noch als Scanner erkannt: Die QPS200 sind offen gebaut, eine Kabine, die auch die Fluchtwege im Sicherheitsschleusenbereich behindert, gibt es nicht mehr. Der Passagier läuft zwischen zwei senkrecht stehenden Scanwänden hindurch, bleibt kurz stehen und wird in zwei Scanvorgängen, die jeweils 16 Millisekunden dauern sollen, von vorn und hinten gescannt.

QPS200: Wände statt Kabine

QPS200: Wände statt Kabine

Foto: Rohde & Schwarz

Der eigentliche Zeitvorteil ergibt sich, weil die Wartezeit für die Bildanalyse direkt am Scanner entfällt. Stattdessen wird der Passagier durchgeschickt: Die Bildgeräte, die auf verdächtige Gegenstände hinweisen, stehen jetzt an bis zu vier nachgeordneten Sicherheits-Checkpunkten (im Firmenjargon "Remote Resolution Stations" genannt), wo dann im Bedarfsfall auch direkt eine manuelle Abtastung stattfinden kann. Unter optimalen Bedingungen sollte man damit die Geschwindigkeit der Abwicklung vervierfachen können.

Vor allem aber soll auch die Bildanalysesoftware deutlich weniger dumm sein als die bisher eingesetzte: Das 3D-Daten generierende Scanverfahren soll Objekte nicht nur detaillierter erkennen, sondern auch automatisch klassifizieren. Das System ist angeblich lernend, erfährt also im Betrieb eine fortlaufende Verbesserung der Analyse. Das macht Hoffnung, dass künftig nicht mehr jedes in der Hosentasche vergessene Taschentuch zur Scanwiederholung führen wird.

Zielpunkt der Ausschreibung für neue Körperscanner war es 2014 ja, einen Scanner zu bekommen, der als "Walk Through"-Modell eine zügigere, weniger aufwendige Sicherheitskontrolle ermöglichen sollte - und im günstigsten Fall auch das umstrittene Flüssigkeitenverbot endlich wieder überflüssig machen könnte.

Ob das gelang? Man wird sehen, bis spätestens Jahresende an den Flughäfen Hannover, Köln-Bonn und Stuttgart. Und bald darauf überall.