Kreuzfahrt-Boom Schuhschachteln mit Kunsteisbahn
Hamburg - St. Martin befindet sich im Belagerungszustand. Vier große Schiffe ankern vor der Küste der halb französischen, halb niederländischen Karibikinsel. So ähnlich muss eine Invasion in vergangenen Zeiten ausgesehen haben. Doch die Passagiere, die im Pendelverkehr ausgebootet werden, kommen in friedlicher Absicht.
Etwa 8000 Kreuzfahrtpassagiere überfluten innerhalb weniger Stunden die Insel und verleihen dem vermeintlichen Karibiktraum albtraumhafte Züge. An Tagen wie diesem ist er greifbar: der vielbeschworene Boom bei den Kreuzfahrten.
Das Gedränge in der Karibik wird bald noch größer: Bis zum Jahr 2004 wollen die Reedereien in den USA, Europa und Fernost 54 neue Kreuzfahrtschiffe mit mehr als 75.000 Betten in Dienst stellen. Bei der Kapazität jagt ein Rekord den anderen: Vor kurzem startete die "Voyager of the Seas" der US-amerikanischen Reederei Royal Caribbean auf ihre Jungfernfahrt - mit einer Bruttoraumzahl (BRZ) von 142.000 das gewaltigste je gebaute Passagierschiff. Die "Titanic" war nur etwa ein Drittel so groß.
Der neue Spitzenreiter, der auch über eine Kunsteisbahn und eine Kletterwand verfügt, wird nicht lange allein bleiben. Die Reederei hat den Bau von vier Schwesterschiffen für zusammen mehr als vier Milliarden Mark in Auftrag gegeben. Den Rekord wird die "Voyager" aber wohl im Jahre 2003 an die "Queen Mary 2" der Cunard-Reederei abgeben, die mit 330 Metern so lang ist wie drei Fußballfelder.
Mit den eleganten Luxuslinern vergangener Tage verbindet die Kreuzfahrtschiffe von heute nicht mehr viel. "Sie haben mehr die Form von Schuhschachteln", sagt der Schweizer Journalist Kurt Ulrich, der einen Bildband über die Geschichte der Kreuzfahrt herausgegeben hat.
Wie Hochhäuser auf dem Festland nutzen die modernen Kreuzfahrtschiffe die umbaute Grundfläche möglichst effizient aus. Die Stabilität ist durch das Höhenwachstum nicht gefährdet, schließlich dümpeln die Schiffe ohnehin meist in den Gewässern des ewigen Sonnenscheins.
"Es wird alles getan, um den Passagieren das Gefühl zu nehmen, auf einem Schiff unterwegs zu sein", sagt Ulrich. So nimmt der Anteil der mit Balkon ausgestatteten Zimmer ständig zu. Doch angesichts der mannigfachen Ablenkung - von der Badelandschaft bis zum Internet-Café - bleibt kaum Zeit, sich dort auch aufzuhalten.
Der Transport findet meist unbemerkt in der Nacht statt. Jeden Morgen erwacht der Passagier mit dem Ausblick auf eine neue Insel, die er wenige Tage später kaum noch von ihren Vorgängern unterscheiden kann. Aber den meisten ist das Schiff ohnehin Insel genug.
Dass sich in dieser sonnenseligen Club-Atmosphäre - außer beim Captain's Dinner - niemand mehr mit Fragen der Garderobe aufhält, versteht sich von selbst. Nur in Deutschland hat sich dies zum Leidwesen der Kreuzfahrtgesellschaften noch nicht herumgesprochen. Hier gilt die Urlaubsform noch immer als steif und teuer. "Die Fernsehserie 'Das Traumschiff' hat diese Vorurteile zementiert", sagt Kurt Ulrich.
Zwar ist die Zahl der deutschen Passagiere auf Hochseekreuzfahrten 1999 um acht Prozent auf 330.680 gestiegen, doch verglichen mit den mehr als 30 Millionen verkauften Pauschalreisen sind das Peanuts. Und mit noch einem Problem haben die Kreuzfahrtmanager hier zu Lande zu kämpfen: Der durchschnittliche Passagier einer Hochseekreuzfahrt ist in Deutschland immer noch 52,6 Jahre alt.
Tobias Wiethoff