Litauen: Baltikum für Einsteiger - DER SPIEGEL
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Litauen Baltikum für Einsteiger

Von München aus ist Litauens Hauptstadt Vilnius nicht viel weiter entfernt als London. Durch den Beitritt zur EU rückte das Land zwar näher an das "alte Europa" heran. Dennoch ist es für viele Deutsche eine große Unbekannte geblieben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Deutsche wissen nicht immer, wo Litauen überhaupt liegt - das ärgert mich", sagt der litauische Präsident Valdas Adamkus. Initiativen wie Schüler- und Studentenaustausche, aber auch der Tourismus sollen das in den kommenden Jahren ändern.

Als Einstieg in das Baltikum ist Litauen ideal: Die touristische Infrastruktur des 3,4-Millionen-Einwohner-Landes ist gut ausgebaut. Und trotz der komplizierten litauischen Sprache klappt die Verständigung meist problemlos. Englisch wird von den jüngeren Leuten fast immer verstanden, selbst deutsch sprechende Litauer sind keine Seltenheit.

"Anfang der neunziger Jahre hatten wir noch viele Heimweh-Touristen, die nach dem Umbruch ihre alte Heimat wieder sehen wollten", sagt Rasa Dirgelaite vom Tourismusamt Klaipedas, der nach Vilnius und Kaunas drittgrößten Stadt des Landes. "Jetzt kommen auch viele jüngere Leute, die zum Beispiel Fahrradtouren durch das Baltikum machen". Klaipeda selbst ist mit seinen knapp 200.000 Einwohnern eine beschauliche Stadt, hat für Litauen aber große Bedeutung, da es über den einzigen Ostseehafen des Landes verfügt. Von der Industrie geprägt hat dieser wenig mit Seefahrtsromantik zu tun - weshalb die Touristengruppen sich auf das Stadtzentrum konzentrieren.

Erste Anlaufstelle ist der Theaterplatz mit dem Ännchen-von-Tharau-Brunnen. "Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs lebten hier überwiegend Deutsche", sagt Dirgelaite. 1945 ergriffen so gut wie alle die Flucht. Überbleibsel der deutschen Vergangenheit sind jedoch noch heute zu entdecken. Kriege und Verfall überlebt haben zum Beispiel eine ganze Reihe der für Klaipeda typischen Fachwerkhäuser, die den preußischen Einfluss auf die Architektur der Stadt zeigen. Und direkt am Ufer des Flusses Dané steht noch immer das erste Hochhaus des einstigen Ostpreußens.

Zu den zentralen Punkten der Stadt zählt die Markthalle. An etlichen Ständen verkaufen Händler ihre Waren -umgerechnet für wenige Euro oder Cent. Im Vergleich zum Westen Europas ist der Verdienst der meisten Litauer mager. Die Kosten dagegen sind oft hoch. Modische Schuhe und Kleidung etwa kosten genauso viel wie in Berlin oder Hamburg.

Im Sommer kam Thomas Mann nach Nidden

Für die meisten Besucher ist Klaipeda der Ausgangspunkt für Fahrten auf die Kurische Nehrung. Mit der Fähre dauert es nur ein paar Minuten, bis die Halbinsel erreicht ist. Die größte Attraktion sind die gewaltigen Sanddünen. Auch der kleine Ort Nidden gehört zum Pflichtprogramm. Hier steht das einstige Sommerhaus von Thomas Mann - heute ist es ein Museum.

Die Kurische Nehrung ist eines der Gebiete in Litauen, in denen speziell für die Sommermonate Unterkünfte frühzeitig gebucht werden sollten. Denn auch wenn der Tourismus - zumindest aus Westeuropa - noch am Anfang steht, übersteigt zu bestimmten Zeiten die Nachfrage das Angebot. "5000 Gästebetten und einen Campingplatz gibt es auf der Kurischen Nehrung", sagt Dirgelaite. Viel mehr werden vermutlich nicht dazukommen. Die Dünenlandschaft zählt zum Unesco-Welterbe: Ein wirksamer Schutz vor Massentourismus.

Auch andernorts reichen die Hotel- und Pensionsbetten nicht immer aus. Das Wirtschaftsministerium will deshalb in den kommenden Jahren den Dorftourismus fördern. Viele der Höfe liegen idyllisch - etwa an einem der vielen Seen des Landes. Viele Gewässer sind mit Kanälen verbunden, ein ideales Revier für Paddler.

Barockfassaden neben Plattenbauten

Kulturbegeisterte zieht es eher in die Hauptstadt Vilnius. Seit 1994 zählt die Stadt zum Weltkulturerbe. Die Außenbezirke sind mit ihren zahlreichen Plattenbauten aus der Sowjet-Zeit zwar wenig anheimelnd, doch im Zentrum der 580.000-Einwohner-Stadt erwartet den Besucher einer der größten erhaltenen Altstadtkerne Europas. Noch wird überall restauriert und gebaut, doch schon jetzt leuchten viele Barockfassaden in frischen Bonbonfarben.

Die polnische Kultur und der Katholizismus haben Vilnius geprägt. Die zahlreichen Kirchen im Barockstil geben darüber Auskunft. Einst galt Vilnius auch als das "Jerusalem Litauens". "240.000 Juden lebten früher in der Stadt - es war eine der größten jüdischen Gemeinden Osteuropas", sagt Stadtführerin Vilija Gerulaitiene. Unter der deutschen Besatzung wurden rund 100.000 Juden ermordet. Von den 100 Synagogen ist nur eine einzige übrig geblieben.

Wer in die "Republik Uzupis" einreisen will, muss eine kleine Brücke über den Fluss Vilna passieren. Auf den ersten Blick ist es einfach ein Stadtteil von Vilnius. Aber die Republik "Jenseits des Flusses" hat sich vor einigen Jahren von Litauen losgesagt. 41 Artikel umfasst die Verfassung des Kleinstaates mitten in der Stadt. Artikel 1 etwa garantiert jedem Bewohner das Recht, beim Fluss Vilna zu leben.

Eine Art Hippie-Charakter macht den Reiz der winzigen Republik aus. "Noch vor kurzem galt Uzupis als asoziales Viertel", sagt Gerulaitiene. Das änderte sich, als immer mehr Künstler kamen. Galerien prägen jetzt das Bild des Viertels. Noch immer blättert an vielen Fassaden die Farbe ab, manche Häuser sind baufällig. Trotzdem zählt Uzupis heute zu den teuersten und begehrtesten Wohnvierteln von Vilnius.

Sandra Cantzler, gms