Luftfahrt Surfen im Flieger
Die asiatischen Fluggesellschaften Cathay Pacific und Singapore Airlines sowie die britische Virgin Atlantic sind für ihren guten Bordservice bekannt. Doch neuerdings beschränkt sich das Angebot nicht mehr auf Mahlzeiten, Getränke und die übliche Bordunterhaltung. Von Bord je eines Jumbos dieser Gesellschaften können Passagiere bereits jetzt (bzw. in den nächsten Monaten) E-Mails verschicken und empfangen.
Sie brauchen dazu einen eigenen Laptop mit vorher am Boden aus dem Internet (www.tenzing.com) geladener Software - und Geduld. Denn noch ist das über dieselben Kanäle wie die bordeigenen Satellitentelefone laufende Schmalband-System des amerikanischen Start-up-Unternehmens Tenzing Communications sehr begrenzt in seinen Möglichkeiten: Nur 24 Passagiere können es zur gleichen Zeit nutzen. Dazu erreicht die Übertragungsgeschwindigkeit mit maximal 9,6 Kilobit pro Sekunde (Kbps) allenfalls ein Schneckentempo, das gerade mal einem Sechstel der Geschwindigkeit über eine ISDN-Leitung entspricht.
Aber Tenzing, an dessen Kapital sich gerade Flugzeughersteller Airbus zu 30 Prozent beteiligt hat, will künftig schneller werden und in etwa zwei Jahren Breitbandverbindungen anbieten. Zunächst setzt das Unternehmen aber auf die schnelle Verfügbarkeit seines Systems. Der Anfang ist gemacht, in den nächsten 12-14 Monaten will Singapore Airlines das System in rund 60 Langstreckenflugzeugen für insgesamt über 100 Millionen Dollar installieren.
Auch Virgin Atlantic Airways und Cathay Pacific stehen mit einer serienmäßigen Nachrüstung in den Startlöchern, während Air Canada, SAS, Swissair und Sabena noch testen und Lufthansa nach Höherem strebt.
Die deutsche Fluggesellschaft hat in dieser Woche auf der Pariser Luftfahrtschau als erste europäische Fluggesellschaft ein neuartiges System bestellt, das es in Passagierflugzeugen noch gar nicht gibt: "Connexion by Boeing", ein Breitband-Kommunikationssystem des weltgrößten Flugzeugherstellers. Dank einer neuen Technologie soll es hohe Übertragungsraten bieten - eine Empfangsleistung von fünf Megabit und ein Versenden von einem Megabit. "Damit werden unsere Passagiere in der Luft genauso schnell online arbeiten können wie in ihrem Büro oder zu Hause", verspricht Wolfgang Mayrhuber, Chef der Lufthansa Passage Airline.
Im Oktober 2002 beginnt ein viermonatiger Test mit einer Boeing 747-200 auf Transatlantikstrecken. Ab Mitte 2003 sollen dann alle rund 80 Langstreckenjets der Lufthansa mit dem neuen System ausgestattet werden. Neben dem zügigen Empfang und Versenden von E-Mails ist über einen Bord-Server und ein Local Area Network (LAN) auch ein schneller Zugang zum Internet möglich. Die Kosten für das Surfen am Himmel sollen denen von Mobiltelefon-Gesprächen am Boden entsprechen. "Der Zeitplan ist extrem ehrgeizig", gesteht Mayrhuber, "wir müssen die Erwartungen der Kunden erfüllen und zeigen, dass das System funktioniert und einfach zu bedienen ist".
Auch drei große amerikanische Airlines, American, Delta und United, sind mit Boeing im Geschäft und wollen ab Mitte 2002 mehr als 1500 Flugzeuge mit "Connexion" ausrüsten. Neben Online-Zugang werden die US-Gesellschaften auch den Empfang von vier Live-TV-Programmen über die angeschlossenen Laptops und eines weiteren Programms über fest installierte Bildschirme ermöglichen. Die Lufthansa hat sich gegen Fernsehen an Bord entschieden, da in Europa mit seinen vielen Sprachen die Auswahl und Verfügbarkeit der Kanäle schwierig wäre. Dafür soll in den deutschen Flugzeugen über kioskähnliche Terminals in der Kabine oder über in den Rückenlehnen eingebauten Bildschirmen der Online-Zugang auch für Passagiere möglich sein, die keinen Laptop dabeihaben.
Mit dem Internet-Zugang an Bord tut sich ein höchst lukrativer Markt auf: In den nächsten 24 Stunden werden drei Millionen Menschen rund um die Welt insgesamt 42.300-mal ein Flugzeug besteigen. Das sind nur ein Hundertstel so viele, wie weltweit heute schon das Internet nutzen, ihre Zahl wird auf 305 Millionen geschätzt. Aber die Fluggäste sind eine wichtige Zielgruppe, vor allem weil sie zwischen knapp einer und bis zu 16 Stunden an ihren Sitz gebunden sind - und damit Zeit zum Surfen, Arbeiten, vor allem aber zum Online-Geldausgeben haben.
Bisher scheiterte die Einführung von Internet über den Wolken sowohl an
fehlender Antennentechnik als auch an der begrenzten Satellitenkapazität, die
nicht für Breitband-Empfang ausgelegt war. Boeing hat bereits 1986 für
militärische Anwendungen eine spezielle, surfbrettgroße Antenne entwickelt,
die künftig der zivilen Hochgeschwindigkeits-Datenübertragung dienen soll.
Dank elektronischer Steuerung und ihrer Größe kann sie auch schwache Signale
umwandeln und damit "die ganze Art zu reisen ändern", wie Boeing-Chef Phil
Condit vollmundig verspricht. Einen sieben Milliarden Dollar schweren Markt
in den nächsten zehn Jahren sieht Condit darin schlummern, rund ein Drittel
aller etwa 12.000 Verkehrsflugzeuge westlicher Bauart mit interaktivem
Hochgeschwindigkeits-Datenaustausch auszurüsten und dann die Nutzer zur Kasse
zu bitten.