Mallorca Vom Deutschen verschmäht?
"Noch mehr Urlauber können wir einfach nicht verkraften", haben die Verantwortlichen auf der spanischen Ferieninsel Mallorca im vorigen Sommer immer wieder erklärt. Viele Mallorquiner wünschten sich, dass der Massenandrang der Touristen ein wenig zurückgehen würde.
Dieser Wunsch scheint in Erfüllung zu gehen, doch nun herrscht plötzlich Katzenjammer. Hoteliers und Reiseunternehmer schlagen Alarm. Manche sprechen von einem Debakel und Umsatzeinbrüchen von 30 Prozent. Die spanischen Tourismusbehörden beziffern den Rückgang allerdings nur auf 3,7 Prozent im ersten Halbjahr 2000.
Auf Mallorca geht eine Ära zu Ende. Die Zeiten des Booms scheinen vorbei zu sein. In den vergangenen Jahren erzielte die Baleareninsel bei den Urlauberzahlen ständig neue Rekorde. Dieser Trend scheint gebrochen zu sein. Für das Jahr 2000 könnte erstmals ein Minus unter dem Strich stehen. "Und 2001 dürfte der Negativ-Trend sich fortsetzen", schreibt das "Mallorca Magazin".
In Cala Millor, einem der Lieblingsziele deutscher Pauschalurlauber, standen zu Beginn der Hochsaison manche Hotels halbleer. Kneipiers und Andenkenverkäufer klagen über Umsatzeinbrüche, Kellner und Barfrauen langweilen sich. "Es kommen weniger Deutsche als sonst, und sie geben auch weniger aus", meint die Besitzerin eines Cafés.
Weshalb wenden Deutsche sich von ihrer Lieblingsinsel ab? Die Mallorquiner haben gleich mehrere Erklärungen parat. Die einen schieben es darauf, dass im Frühsommer in Deutschland schönes Wetter geherrscht und dies viele Urlauber von einer Reise in den Süden abgehalten habe. Andere nennen die Fußball-Europameisterschaft oder die bevorstehenden Olympischen Spiele als Grund.
Aber so einfach ist es nicht. Die Mallorquiner tragen auch selbst dazu bei, dass das Image ihrer Insel nicht mehr so strahlend ist wie vor wenigen Jahren. Die Berichte über Taxi-Streiks, Wassermangel, Stromausfälle oder die geplante Touristensteuer machten Negativ-Werbung für die Baleareninsel.
Hinzu kommt, dass das vorige Jahr für die Reisebranche auf Mallorca ein Ausnahmejahr war und die Besucherrekorde von 1999 ohnehin kaum zu übertreffen waren. Damals profitierte die Insel vom Kosovo-Krieg und von den Erdbeben in der Türkei und Griechenland. Diese Faktoren fielen nun weg.
Unter dem Strich ist Mallorcas "Tourismus-Krise" nicht so gravierend, wie manche Unternehmen der Reisebranche glauben machen. Erstens gilt der Rückgang der Urlauberzahlen vor allem für die Pauschalurlauber aus Deutschland. Deren Ausbleiben wird durch einen Zuwachs von Besuchern aus Großbritannien oder vom spanischen Festland teilweise kompensiert.
Zweitens beziehen sich die Flaute-Zahlen in erster Linie auf die Auslastung der Hotelzimmer. Die Statistik der Flughafenbehörden spricht eine andere Sprache. Danach nahm die Zahl der abgefertigten Passagiere auf Mallorca sogar zu.
Bisher hatte ein Mehr an ankommenden Fluggästen immer auch ein Mehr an Hotelgästen bedeutet. Diese Regel gilt nicht mehr, denn der Tourismus auf der Baleareninsel hat sich geändert: Die Zahl der Pauschalreisenden nimmt ab, dafür nimmt die Zahl derjenigen Besucher zu, die Ferien- und Zweitwohnungen auf Mallorca besitzen oder bei Freunden unterkommen.
Hubert Kahl