Bergsteigen: Immer Ärger am Mont Blanc
Bergsteiger am Mont Blanc Rekordverdächtig dämlich
Der Bürgermeister von Saint-Gervais in den französischen Alpen hat genug von "Spinnern". Jean-Marc Peillex reicht es: "Ich will hier andere Saiten aufziehen", kündigte er in seinem Dorf im Mont-Blanc-Massiv an. Ihn bringen jene Bergsteiger in Rage, die sich leichtsinnig und unvorbereitet auf den gefährlichen Aufstieg zum rund 4800 Meter hohen Mont Blanc begeben.
Besonders risikobereit - nicht nur auf Kosten der eigenen Gesundheit - hatte sich zuletzt ein Familienvater aus den USA gezeigt, der seine beiden minderjährigen Kinder mit auf den Berg nahm und mit einem Video von der gefährlichen Tour für Aufsehen sorgte. Bürgermeister Peillex hat nun Anzeige gegen den Mann erstattet - wegen Gefährdung des Lebens anderer.
"Am Mont Blanc haben wir schon alles gesehen", sagt Denis Crabières, der Vorsitzende der nationalen Bergführer-Vereinigung (SNGM). Von einer Bergabfahrt in einer Paella-Pfanne bis hin zu halsbrecherischen Mountainbike-Fahrten habe er schon vieles erlebt. Selbst das Video des US-Amerikaners Patrick Sweeney von dem Ausflug mit seinen Kindern konnte Crabière nicht mehr aus der Fassung bringen.
Sohn sollte Rekord des jüngsten Bergsteigers brechen
Sweeney hatte versucht, zusammen mit seinen beiden neun und elf Jahre alten Kindern den Couloir du Goûter auf 3700 Meter Höhe zu durchqueren, den sogenannten Todeskorridor. Auf einem Video, das der US-Sender ABC News ausstrahlte , war zu sehen, wie die Kinder von einer beginnenden Lawine mitgerissen wurden. Ihr Vater konnte sie nur knapp vor dem Sturz in die Tiefe retten.
Der Vater, der sich selbst als "Adrenalin-Junkie" bezeichnet, war von der Kritik an seiner Aktion völlig überrascht: Er habe "den Weltrekord des jüngsten Bergsteigers brechen" wollen, indem er seinen neunjährigen Sohn P.J. auf den Gipfel brachte, rechtfertigte er sich danach.
Auf seiner Facebook-Seite postete er Bilder von seinem Nachwuchs, "den tapfersten Kindern, die ich je kennengelernt habe" - und die auch nach der Lawine den Gipfel erklimmen wollten. Die Erfahrung sei für beide "fantastisch" gewesen und sein Sohn entschlossener denn je, zurückzukehren und den Rekord einzufahren.
"Er hat vor allem einen Rekord in Dämlichkeit gebrochen", kommentiert Bergführer-Chef Crabières die unglaubliche Geschichte. Bürgermeister Peillex hält das Verhalten Sweeneys schlicht für "unverantwortlich".
Christen Sweeney, Mutter von P.J. und Ehefrau von Patrick, schreibt im Blog der Familie , die Videoaufnahmen ihres Mannes würden die Lawine dramatischer aussehen lassen, als sie tatsächlich war. Zudem sei die Bergtour von zwei sehr erfahrenen Führern begleitet worden.
Für Christophe Boloyan von der Vereinigung zur Vorbeugung und Rettung im Gebirge ist die Geschichte der Familie Sweeney ein "Einzelfall". Die meisten Bergsteiger am Mont Blanc würden sich an die Regeln halten, sagt Boloyan. Er räumt aber ein, dass der Mont Blanc, der jedes Jahr fast 25.000 Besucher in der Saison anzieht, zu einem internationalen "Konsum"-Objekt geworden sei.
Keine Ahnung von den Basics des Bergsteigens
Profis wundern sich oft über die mangelhafte körperliche Vorbereitung und Ausrüstung der Bergsteiger. Mancher der Möchtegern-Mont-Blanc-Bezwinger weiß nicht einmal, wie man sich anseilt oder ein Steigeisen verwendet - Unkenntnis, die fatale Folgen haben kann.
Laut der aktuellen DAV-Bergunfall-Statistik nimmt die Zahl an Notfällen zu. Die Bergsportler überschätzten ihre Fähigkeiten und seien überfordert, hieß es, die Verletzungen und Unfälle vermeidbar. Tödliche Unfälle gebe es aber immer weniger, auch weil die Ausrüstungen zunehmend hochwertiger seien.
Am Mont Blanc kamen auf der normalen Aufstiegsroute zwischen der Schutzhütte vom Tête Rousse und der Berghütte des Goûter zwischen 1990 und 2011 insgesamt 74 Bergsteiger ums Leben. Hinzu kommen die vielen Rettungsaktionen am höchsten Berg Europas, den im Sommer täglich etwa 200 Menschen hinaufkraxeln. Laut Bergwacht kommen am gesamten Massiv jedes Jahr etwa 40 Menschen zu Tode.
Höhepunkt eines jeden Bergsteigerlebens
Der Mont Blanc gelte aber auch als Höhepunkt jedes Bergsteigerlebens, sagte ein DAV-Sprecher 2012 nach einem schweren Lawinenunglück mit mehreren Toten. Deshalb seien dort besonders viele Menschen unterwegs.
Der Bürgermeister von Saint-Gervais glaubt, dass es "immer mehr Spinner" am Mont Blanc gibt. Er erinnert an den Fall eines polnischen Bergsteigers, der die Rettungskräfte gebeten hatte, ihn mit dem Hubschrauber wieder ins Tal zu bringen - aus reiner Bequemlichkeit. Peillex meint, man müsse solche Leute "beim Geldbeutel packen" - etwa indem sie für die Rettungseinsätze zahlen müssten.
Dazu müsste Bergsteigern ein absichtliches Verschulden nachgewiesen werden. Für einen 48-Jährigen, den die Bergwacht im Juni mit dem Hubschrauber von der "Goûter"-Berghütte herunterholen musste, hätte dies wohl nicht zugetroffen: Dem Mann waren dort oben die Stiefel gestohlen worden. Er saß in Socken auf 3835 Metern Höhe fest.