Moskau: Spielplatz der Architekten - DER SPIEGEL
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Moskau Spielplatz der Architekten

Schwimmbäder in den Wolken, Ufos unter Brücken - die atemlose russische Hauptstadt übertrifft sich selbst mit spektakulären Bauprojekten. Dabei liegt ihr architektonischer Reiz in der widersprüchlichen Vielfalt.
Von Carmen Eller
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Moskau - Diese Stadt steckt ihren Kopf in die Wolken. Wer es nicht glaubt, steigt in die nagelneuen Metrowaggons Richtung "Moscow City". Nur vier Kilometer Luftlinie vom Kreml entfernt, wächst auf einer enormen Baustelle eine Stadt in der Stadt. Schon jetzt erstreckt sich dort über zweieinhalb Millionen Quadratmeter ein riesiger Spielplatz für Stararchitekten.

Nach den Entwürfen des Briten Norman Foster soll bis 2012 der "Russia Tower" in den Himmel ragen - mit 612 Metern als höchstes Gebäude Europas. Im bereits errichteten "Federation Tower" erlaubt künftig ein Schwimmbad in luftiger Höhe, mitten in den Wolken im Wasser zu liegen. Das neue Moskau denkt in Superlativen und läuft in Siebenmeilenstiefeln. Mit milliardenschweren Auftraggebern und experimentierfreudigen Stadtplanern ist die russische Hauptstadt heute eine Traumfabrik für Architekten.

Moskau will sich neu erfinden. Doch seine Bauwerke zeugen von einer schwierigen Biographie. Der Wettstreit der Weltanschauungen und schließlich der Wechsel vom Kommunismus zum Kapitalismus haben in der Stadtarchitektur deutliche Spuren hinterlassen. Als Sinnbild für die Größe seiner Sowjetunion ließ Stalin in den fünfziger Jahren sieben imposante Wolkenkratzer hochziehen - die sogenannten Stalinschwestern. Zu den Zuckerbäckerbauten zählen die Universität auf den Sperlingsbergen oder das Hotel Ukraine.

Nach dem Ende des sowjetischen Imperiums frönt Moskau nun einem neuen Monumentalismus. Die stalinistische Architektur erlebt im 21. Jahrhundert eine Renaissance. Mit dem 254 Meter hohen "Triumphpalast" kam 2006 das bislang höchste Wohngebäude Europas, aber auch so etwas wie eine achte Stalinschwester auf die Welt. Size matters. Das gilt nirgendwo mehr als in dieser Stadt.

Skifahren im Sommer

Das neue Moskau wartet nicht. Es will zu jeder Zeit alles bieten. Zum Beispiel 365 Tage Schnee. In einer kürzlich eröffneten Skihalle stehen Sportler bei minus fünf Grad bis Mitternacht auf der Piste. Wer luftige Abenteuer liebt, darf sein Abendessen demnächst in einem ufoförmigen Restaurant einnehmen, das auf 100 Metern unter einem Brückenpfeiler hängt. Auch wenn es manchmal scheint, als lebe Moskau schon in der Zukunft, steckt es mit einem Bein doch noch in seiner Vergangenheit. Ein Spagat, für den man die Stadt belächeln, aber auch bewundern kann.

Noch existieren sie, die Extreme beider Epochen. Es gibt vereinzelt sowjetische Läden, in denen man sich zweimal anstellt, weil die Kunden ihre Kohlköpfe an der einen Kasse zahlen, aber an einer anderen entgegennehmen. Dann wiederum hat die Stadt Lebensmittelgeschäfte, die Luxusgüter wie Straußeneier in die heimische Residenz liefern. Auch in der Moskauer Architektur findet sich, bildlich gesprochen, noch beides: Kohlköpfe wie Straußeneier. Ein Spaziergang durch die Stadt mutet an wie eine Reise durch die Zeit. Ein bisschen Sozialismus hier, noch mehr Kapitalismus dort.

Wohin man geht, stößt man auf Stein gewordene Widersprüche. Graue Plattenbauten hinter grandiosen Palästen, klassizistische Bauwerke neben futuristischer Architektur. An keinem Ort aber zeigen sich die Kontraste Moskaus deutlicher als am Roten Platz. Das harmonische Ensemble mit der märchenhaften Basiliuskathedrale kann über offensichtliche ideologische Gegensätze nicht hinwegtäuschen. Gegenüber dem Lenin-Mausoleum, einem Sinnbild von Moskaus kommunistischer Zeit, lockt mit dem Kaufhaus Gum ein turbokapitalistischer Konsumtempel.

Wer das alte Moskau sucht, wird noch fündig auf dem Arbat. Im 18. Jahrhundert residierte hier der Stadtadel. Hier wohnten und wirkten auch Künstler und Schriftsteller. Heute steht die Fußgängerzone mit ihrem altertümlichen Flair unter Denkmalschutz. Ihre Häuser bilden die Kulisse für das tägliche Straßentheater. Maler fertigen Karikaturen von Moskaubesuchern, Tierhändler bieten in alten Kartons Katzen und Frettchen feil, Hobbygitarristen halten ihre Hüte auf.

Kein Platz für Stadtneurotiker

Manchmal betreibt Moskau aber auch Mimikry. Gibt sich älter als es ist. So wie an der Christus-Erlöser-Kathedrale. Das imposante weiße Gotteshaus mit den goldenen Kuppeln wirkt wie ein Zeugnis aus der Zarenzeit. Tatsächlich ist das Gebäude acht Jahre jung und eine Kopie der Kirche, die Stalin in den dreißiger Jahren sprengen ließ. Die Kommunisten konstruierten auf der heiligen Stätte später ein Schwimmbad. Moskaus Metamorphosen lassen staunen.

Meist aber zeigt einem die Stadt die kalte Schulter. Erhebt sich stolz und stählern über seine Bewohner und schüchtert fremde Besucher leicht ein. Moskau verweist den Menschen in seine Grenzen. Wie ein Gebirge den Bergsteiger lässt es seine Bewohner vor der urbanen Kulisse winzig und unbedeutend wirken. Mit ihren riesigen Boulevards erscheint die Stadt westlichen Spaziergängern mindestens zwei Nummern zu groß. Um mit Moskau Schritt zu halten, müssen die Menschen schnell laufen und im Sekundentakt Metro fahren.

Und doch gibt es Ecken, in denen sich die Stadt klein macht. Der Eremitage-Garten in Kreml-Nähe ist so ein Ort. Dort wachsen die Blumen in herzförmigen Beeten, dort gurren Tauben, dort gleiten im Winter unzählige Schlittschuhe übers Eis. In ihren grünen Lungen kommt die sonst atemlose Stadt zur Ruhe. In groß angelegten Parkanlagen wie Kolomenskoje, der einstigen Sommerresidenz der Zaren mit ihren 600 Jahre alten Eichen beobachten die Besucher Eichhörnchen oder genießen ein Bier zwischen Bäumen. Auch die Friedhöfe der Stadt sind für Zeitreisende reizvolle Stationen. Hier laufen die Uhren noch rückwärts.

Weil einem aber hier meist die Zeit davonläuft, macht Moskau müde. Vielerorts haben die Architekten diese Stadt so angelegt, als solle sie keine anfälligen Zweibeiner, sondern eine robustere Spezies der Zukunft beherbergen. Widerstandsfähig, anpassungsfreudig, dickfellig. Tatsächlich ähneln die Moskowiter solchen Wesen. Die überdimensionierte Architektur der russischen Hauptstadt hat keine hoch sensiblen Stadtneurotiker hervorgebracht wie Woody Allens New York. Dafür Menschen, die sich in eine raue Schale schmeißen und so ganz in ihrer großen Stadt aufgehen.


In Moskau leben mehr Dollarmilliardäre als in New York, die Wolkenkratzer sind höher als in Frankfurt und die Bars hipper als in London. Lesen Sie in der Titelgeschichte des aktuellen SPIEGEL, wer den Preis für den rasanten Fortschritt des "Manhattans an der Moskwa" zahlt.

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