New York: Schlange stehen fürs Massengrab - DER SPIEGEL
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New York Schlange stehen fürs Massengrab

"Ground Zero" hat sich als New Yorks Top-Touristenattraktion etabliert. Die Stadt hat eine Aussichtsplattform am Ort der Katastrophe errichtet, drumherum blüht der Handel mit Souvenirs.
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New York – Auf Annette Honsingers Baseballkappe steht in weißen Lettern "Ground Zero", am Rand in Rot sind die Koordinaten "NYC, 9/11" eingenäht. Ihre kleine Schwester Stefanie hat eine rosafarbene Wollmütze, gleicher Schriftzug. Die beiden wohnen in Stony Creek, Kanada, übers Wochenende sind sie mit ihren Eltern nach New York gekommen - "Ground Zero" gucken.

Wenn es nach dem Vater gegangen wäre, hätten sie diese Reise schon lange hinter sich. Bereits zwei Wochen nach dem 11. September wollte Srecko Marusic, ein gebürtiger Kroate, den Ort des Terrors sehen. Aber die Töchter hatten Angst, sie hatten zu viel ferngesehen. "Ich habe gedacht, uns würde was passieren, wenn wir herkommen", sagt die zwölfjährige Stefanie. Sie hat die Szene mit den Flugzeugen genau in Erinnerung.

Doch Marusic, der bei der Siemens-Tochter Westinghouse arbeitet, gab keine Ruhe. "Ich musste einfach kommen. Eine Stimme im Innern hat es mir befohlen", sagt er. Als er von der Aussichtsplattform am "Ground Zero" hörte, die Ende Dezember eröffnet wurde, war die Entscheidung gefallen. Nach einem Tag im Auto und einer Nacht im Hotel reihte sich die vierköpfige Familie an diesem Freitagmorgen geduldig in die Schlange am South Street Seaport ein. Dort gibt es die Gratis-Tickets, blaue Schnipsel mit einer Uhrzeit. Sie haben das Fenster von zwei bis halb drei erwischt. Pünktlich viertel vor zwei haben sie sich dann bei der zweiten Schlange eingefunden, direkt an der Rampe, nur für Ticketinhaber.

Und nun, nach einem halben Tag des Wartens, sind die Marusics am Ziel. Mit mehreren hundert anderen Personen gehen sie langsam die 90 Meter lange, sanft ansteigende Holzrampe hoch. Rechts, hinter einem Gitterzaun, liegen alte Grabsteine - der Friedhof der St. Pauls Chapel. Am Zaun hängen selbst gemalte Transparente: "United we stand, divided we fall", das Übliche. Die Rampe mündet in eine 9 mal 15 Meter große Plattform am Rand der Baustelle.

Das also ist der beste Blick auf den Ground Zero. Gegenüber erheben sich die Türme des World Financial Center. Im rechten Turm fehlen noch einige Fenster, sie sind durch Holzlatten ersetzt. Weit entfernt sieht man einige Arbeiter. Direkt vor der Plattform versperren die Dächer der Baubaracken den Blick in die Grube. So weit sind die Aufräumarbeiten vorangeschritten, dass die Action längst im Verborgenen stattfindet. Von Trümmerbergen keine Spur. Stattdessen Kräne, Baracken, Lastwagen - der "Ground Zero" sieht aus wie eine gewöhnliche Großbaustelle. "Es ist so leer", sagt Stefanie. Ihre Mutter macht Fotos.

Viel passiert nicht da unten, außerdem weht ein eisiger Wind. Noch ein Blick, ein letztes Foto, und nach wenigen Minuten ist Familie Marusic auf dem Weg zurück. Immerhin haben sie ihre Mission erfüllt. "Wir sind gekommen, um den New Yorkern unseren Respekt zu bezeugen", erklärt Marusic.

Die Aussichtsplattform ist der erste architektonische Versuch, die öffentliche Wahrnehmung des "Ground Zero" zu beeinflussen. Was aussieht wie eine behelfsmäßig zusammengezimmerte Holzkonstruktion, aus der Not geboren, um die Besuchermassen zu bewältigen, steckt in Wahrheit voller Theorie und Symbolik. Vier der bekanntesten Architekten New Yorks haben die Pläne gezeichnet. Die beiden 4,50 Meter breiten Rampen, eine rauf, eine runter, sollen den Besuchern das Gefühl geben, an einer Prozession teilzunehmen. Die Holzwand zwischen den Rampen und das Geländer sollen als Gästebuch dienen.

Um die Plattform hatte es heiße Diskussionen gegeben. Trägt die Stadt so dazu bei, dass die schlimmste Attacke der jüngeren amerikanischen Geschichte nicht vergessen wird, oder fördert sie einen pietätlosen Katastrophen-Tourismus? Schließlich schauen die Besucher in ein Massengrab, immer noch suchen Polizisten und Feuerwehrleute nach ihren verschütteten Kollegen. Einige Angehörige der Opfer hatten sich deshalb gegen die Plattform gewehrt.

Doch die Besucher sind dankbar, dass sie sich selbst ein Bild machen können. "Es hilft mir, wütend zu bleiben", sagt Barbara Conrad, die in einer Anwaltskanzlei wenige Straßen weiter arbeitet. "Ich finde, die Leute sollten wütend bleiben." Ihre Freundin Terry Perron, zu Besuch aus Kalifornien, stimmt zu: "Bei uns in Kalifornien ist die Erinnerung an die Attacke schon wieder verblasst. Die Menschen vergessen schnell."

Damit hatte auch die Stadt die Notwendigkeit der Plattform begründet. Der damalige Noch-Bürgermeister Rudolph Giuliani hatte bei der Eröffnung Ende Dezember gesagt: "Ich fordere alle Amerikaner auf herzukommen, übrigens auch alle anderen, und ein kurzes Gebet zu sagen und über die Geschichte Amerikas und der Demokratie nachzudenken."

Die meisten Besucher zeigen sich überrascht, wie wenig von dem Horrorschauplatz aus dem Fernsehen übrig geblieben ist. "Ich habe viel mehr Trümmer erwartet", sagt Terese Kolnes, eine 21-jährige Studentin aus Lake City, Florida. "Es ist unglaublich, wie viel sie bereits weggeschafft haben." Für sie ist der Besuch daher eine Erleichterung. "Das zeigt, dass es weitergeht."

Das Tempo, mit dem die Trümmerberge verschwanden, hat auch die Politiker und Experten überrascht. Gleich nach der Attacke hatten sie mit einem Jahr Arbeit und Kosten in Höhe von 2,5 Milliarden Dollar gerechnet. Jetzt sieht es so aus, als sei der Job nach neun Monaten erledigt - zu Kosten von 750 Millionen Dollar. Alle Beteiligten sind hochmotiviert und fahren klaglos Zwölf-Stunden-Schichten. Seit dem 11. September wurde durchgearbeitet. Nur zwei Pausen gab es: für eine Gedenkfeier und den Besuch des US-Präsidenten George W. Bush.

Täglich können 6500 Menschen von der Plattform aus die Aufräumarbeiten begutachten. Die meisten Besucher machen keinen Hehl aus ihrer Neugier. Sie wollen den historischen Ort sehen, bevor er wieder überbaut wird. Sie wollen verifizieren, was sie seit Monaten lesen und sehen. "Ich wollte es mir einfach mal selbst anschauen", sagt die 43-jährige Lorrane Bonnano aus Kalifornien.

Feierlich, wie von den Planern gewünscht, ist die Atmosphäre auf der Plattform nicht. Dafür sorgen schon das Gekritzel und das Knipsen. Niemand würde auf die Idee kommen, dass diese Rampe von vier Architekten geplant und mit mehreren hunderttausend Dollar finanziert wurde. Das Drumherum spricht eine andere, sehr vertraute Sprache. Die Schlangen, die Eintrittskarten, die Souvenirstände – der "Ground Zero" ist zur Touristenattraktion geworden. Noch dazu eine, die ständig ausverkauft wäre. Wenn die Karten etwas kosteten.