Niedersachsen Elisabeths Erbe
Elisabeth muss eine ganz besondere junge Frau
gewesen sein. Sie war gerade 15 Jahre alt, als sie den 55-jährigen Witwer Erich von Calenberg-Göttingen heiratete. Elisabeth wurde bald Mutter und als Erich 1540 starb, übernahm sie für fünf Jahre anstelle ihres 12-jährigen Sohnes die Regierungsgeschäfte in den südhannoverschen Landen.
Wenn sich heute die 15-jährigen Schüler des Gymnasiums Brake über ein neues Internetcafé freuen, dann haben sie das letztlich einer weitsichtigen Entscheidung der jungen Herzogin vor mehr als 450 Jahren zu verdanken. Das gleiche gilt für viele Privatleute und soziale Initiativen in Niedersachsen, die von unverhofften finanziellen Vorteilen und Förderungen profitieren: die Bauherren in Hannover-Stöcken und anderswo, die sich über billige Grundstücke freuen, Kirchengemeinden, die die Restaurierung ihrer Gotteshäuser bezahlt bekommen und schließlich die Bewohnerinnen von 15 Klöstern in Niedersachsen, deren Leben dort bei Bedarf mit festen monatlichen Zahlungen ermöglicht wird.
Obwohl selbst streng katholisch erzogen, wandte sich Elisabeth, geborene Prinzessin von Brandenburg, bald dem neuen lutherischen Bekenntnis zu. Ehemann Erich ließ sie gewähren und für damalige Zeit ungeahnte Großmut walten: "Weil unsere Gemahlin uns in unserem Glauben nicht hindert, so wollen wir sie in ihrem Glauben ungehindert lassen."
Die kurze Zeit ihrer Regentschaft nach Erichs Tod nutzte Elisabeth vor allem, um die Reformation in ihrem Fürstentum einzuführen. Dieser Aufgabe widmete sie sich mit ganz ungewöhnlicher Tatkraft, großem Geschick für Verwaltungsdinge und leidenschaftlicher Hingabe an das Evangelium. Elisabeth ließ 1542 aus dem nahen Witzenhausen den Pfarrer Anton Rabe, der sich latinisiert Corvinus nannte, in ihre Residenz nach Münden kommen. Im Auftrag Elisabeths entwarf der Reformator Corvinus noch im selben Jahr eine Kirchen- und Klosterordnung, die letztlich die Grundlage für die heutigen Segnungen darstellt. Denn während sonst in den Ländern der Reformation das Vermögen der katholischen Klöster zugunsten des Staates bzw. des regierenden Fürstenhauses eingezogen wurde, blieb es im Fürstentum Calenberg-Göttingen (das später im Königreich Hannover aufging, welches schließlich ins heutige Niedersachsen mündete) unangetastet und als Einheit bestehen. Vielmehr kamen im Laufe der Jahrhunderte, besonders in der napoleonischen Zeit, noch weitaus mehr Güter, Forsten, dem römisch-katholischen Kultus gewidmete Kirchen und Klöster in anderen Gebieten Niedersachsens hinzu.
Ganz im Sinne Martin Luthers verfasste Elisabeth eine Art politisches Testament an ihren Sohn Erich II., in dem sie ihn ermahnte, die Klosterbewohner nicht zu vertreiben und das Klostervermögen nicht zu seinem eigenen Nutzen zu verwenden. Sie schlug eine Art zentraler Buchhaltung aller Klöster gegenüber dem Fürsten vor und wollte deren wirtschaftliche Autonomie auf den engeren Bedarf der Konvente beschränken. Überschüsse aus dem Betrieb der Klöster sollten sozialen Zwecken zugute kommen, vor allem Siechenhäusern und Spitälern, sowie der Besoldung von Pfarrern dienen.
Auch wenn diese Richtschnur noch nicht von Erich II., sondern erst von späteren Welfenfürsten verfolgt wurde, wird in Elisabeths Anweisungen heute die Grundlage des Allgemeinen Hannoverschen Klosterfonds und der Klosterkammer Hannover gesehen, jener Institution, die dank des über die Jahrhunderte versammelten Vermögens heute sogar noch in Zeiten knappster öffentlicher Kassen in der Lage ist, für das erwähnte Internetcafé oder etwa eine Obdachlosenzeitung in Hannover zu zahlen. Bis heute verwaltet die Klosterkammer kirchlichen Besitz unter staatlicher Aufsicht. Staatliche Beamte betreuen kirchlichen Grundbesitz, dessen Fläche fast der Größe des Bundeslandes Bremen entspricht, sie besolden Pastoren und wirken bei der Besetzung von Pfarrstellen mit. Das ist verfassungsrechtlich ein Kuriosum, denn an sich sind in Deutschland seit der Weimarer Verfassung von 1919 Staat und Kirche voneinander getrennt. Doch da die Klosterkammer mit großem Erfolg wirtschaftet (die Erträge lagen zuletzt bei 30 Millionen Euro im Jahr), gibt es schon lange keine ernsthaften Stimmen mehr, die diesen Zustand beenden wollen. Seit mehr als 450 Jahren fördert so diese größte historische öffentlich-rechtliche Stiftung kirchliche und soziale Vorhaben im Lande. Für Touristen am augenfälligsten ist aber eine andere Tätigkeit der Klosterkammer: Sie unterhält fast überall in Niedersachsen Dome, Kirchen und historische Gebäude in großer Zahl. Allein das um 850 gegründete Stift Bassum bei Bremen ist die älteste noch existierende geistliche Einrichtung Norddeutschlands. Die 15 evangelischen Klöster und Stifte, die zum Teil seit über 1000 Jahren bestehen, locken jedes Jahr tausende Touristen. Denn in ihren Mauern ruhen seit Jahrhunderten unversehrt Sehenswürdigkeiten ersten Ranges und man kann dort sehr gut auch heute noch eine wenig veränderte mittelalterliche Wohnwelt erkennen. Man sieht uraltes Mobiliar, Truhen und Schränke und die über Jahrhunderte konservierte Aussteuer, die von den Novizinnen mit ins Kloster gebracht wurde.
So bergen die Lüneburger Klöster Lüne und Wienhausen große Schätze an Bildteppichen. In Isenhagen, Walsrode und Ebstorf sind es die schönen Nonnenchöre, mittelalterliche Perlenstickereien und andere sakrale Kunstwerke, die die Besucher anziehen.
Viele dieser Orte bezaubern durch ihre Architektur und einzigartige Atmosphäre und sind schon deshalb einen Besuch wert. In Barsinghausen, Wülfinghausen und Wennigsen aber trifft man moderne evangelische Konvente an, die den Gast zu Gebet, Einkehr und Retraite einladen - eine Form des Urlaubs, die in den letzten Jahren immer beliebter geworden ist.
Aber auch die schönsten römisch-katholischen Kirchen der Bischofsstadt Hildesheim (mit Ausnahme des Domes) gehören zum Vermögen der Klosterkammer. Sogar zwei gewaltige barocke Kirchen aus der Gegenreformationszeit finden sich in Niedersachsen, Bauwerke, die man eher in Bayern oder Österreich erwarten würde: die Klosterkirchen in Grauhof bei Goslar und in Lamspringe. Das Kloster Medingen ist nach einem Brand neu errichtet worden und vielleicht das einzige evangelische Kloster weltweit, das im Barockstil erbaut wurde.
Wer mit wachen Augen durch Niedersachsen reist, wird allenthalben auf herausragende Kirchen, Klöster und andere schöne historische Gebäude stoßen, die sich als Teil des Allgemeinen Hannoverschen Klosterfonds entpuppen. In Deutschland, wo so viel wertvolle Bausubstanz im Krieg zerstört und fast noch mehr danach abgerissen wurde, ist es schon bemerkenswert, wie eine solche Einrichtung über Jahrhunderte im Dienst der Kirche und der Allgemeinheit so viele Werte bewahrt hat. Vielleicht errinnert sich der interessierte Reisende beim Besuch einer Kirche oder eines Klosters daran. Und an die junge Elisabeth, der wir dies letztendlich verdanken.
Aus "Merian"extra-Heft "Deutschland", Dezember 2004