Österreich: Die Wachau rockt - DER SPIEGEL
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Österreich Die Wachau rockt

Steinfeder, Federspiel und Smaragd - die Qualitätsstufen der Wachauer Weine klingen so poetisch, wie Kenner ihre Würze und Schliff beschreiben: Der grüne Veltiner ist Dank ehrgeiziger Winzer international gefragt, und die junge Generation sorgt dafür, dass der Höhenflug anhält.
Von Ingo Swoboda
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Nehmen S' Tafelspitzbouillon und anschließend frisches Kalbsbeuschel mit hausgemachten Serviettenknödeln", empfiehlt die freundliche Kellnerin im Restaurant "Jamek", die selbstverständlich Dirndl trägt: "Ist typisch Österreich." Sie meint das Essen. Aber im Grunde ist die ganze Wachau ein Stück Österreich wie aus dem Bilderbuch. Hier hat das Ländlich-Traditionelle seinen ursprünglichen Charme bewahrt, ohne ins Kitschige abzurutschen. In der gemütlichen Gaststube "Jamek" in Joching werden wie eh und je die Klassiker von Mutter Edeltraud serviert, dazu kommen Weine von den eigenen Rebhängen auf den Tisch.

Josef Jamek - dieser Name steht wie kein anderer für die Renaissance österreichischer Weinkultur, die vor zwei Jahrzehnten begann. Doch bereits Ende der 50er Jahre hat Jamek als einer der Pioniere auf naturbelassene, trocken ausgebaute Weine gesetzt und damit die Stilistik der Wachauer Weißen maßgeblich beeinflusst. Vor mehr als zehn Jahren hat sein Schwiegersohn Hans-Josef Altmann das Gut übernommen. "Die Wachau ist mit Riesling bekannt geworden, jetzt aber ist der Grüne Veltliner das Thema Nummer eins", sagt Altmann stolz. Längst macht die früher unterschätzte Rebsorte auch international Furore, in den USA ist Grüner Veltliner geradezu Kult.

Gleich vor der Haustür der Jameks schlängelt sich, tief eingegraben ins Urgestein, die Donau durch die engen Kurven des Wachauer Tals, das zum Welterbe ernannt wurde. Sie ist der Leitfaden für eine Lustreise, denn Genuss und Kultur sind auf diesen 30 Kilometern zwischen Spitz und Krems reichlich zu finden: düstere Ruinen, heitere, in leuchtenden Farben bemalte Barockhäuser, Kirchen und Klöster, gemütliche Landgasthöfe mit deftiger wie feiner Küche. Und natürlich Wein, der auf schmalen, Schwindel erregend steilen Terrassen wächst und der schroffen Flusslandschaft sanfte Züge gibt.

Böhmische Masse schafft Resonanzkörper der Weine

Wein brachte der Wachau den Aufschwung, und der Höhenflug hält an. Schließlich profitieren die Winzer von den einzigartigen Boden- und Witterungsbedingungen, die sich anderswo auch mit der raffiniertesten Kellertechnik nicht nachahmen lassen. Terroir muss hier nicht herbeigeredet werden, es ist ganz selbstverständlich da: Die Wachau rockt. Gneis, Granulit und Glimmerschiefer geben dabei den Ton an, und die kargen Böden des Gebirgszugs, der so genannten Böhmischen Masse, schaffen den besonderen Resonanzkörper der Weine.

Den Reben wird ordentlich zugesetzt: Aus dem nördlichen Waldviertel kommen die kühlen Winde und treffen in der Wachau auf milde Strömungen aus dem Südosten. Deutlich spürbar ist der Wechsel zwischen kühlen Nächten und warmen Tagen, ein optimaler Klima-Rhythmus, der die behutsame Reife der Trauben bestimmt. Es ist die relativ lange Zeit am Stock, die den Wachauer Weinen die besondere Würze, den Schliff und die Komplexität verleiht. Keine Frage, in puncto Wein ist die Wachau Österreichs Aushängeschild.

Verantwortlich dafür ist in erster Linie Franz Xaver Pichler, der sich seiner Rolle als Kultwinzer durchaus bewusst ist. Pichler macht keine großen Worte und wirkt so distinguiert, als wäre er für die Probe eigens vom Wein-Olymp herabgestiegen. "Große Veltliner gibt es nur in der Wachau", stellt er fest, und seine Weine gehören dazu. Wer wissen möchte, wie komplex die Region schmecken und wie tief Aromatik einen Wein durchdringen kann, der muss Pichlers Grünen Veltliner Smaragd aus der Lage Loibner Berg probieren. Sensationell! Minutenlang bleibt die Frucht am Gaumen, viel Substanz, dichte Komplexität. Ein Wachauer Monument.

Riesling vom Singerriedel mit faszinierendem Schmelz

Auch Pichlers ebenso berühmter Kollege Emmerich Knoll hat mit seinen barocken Weinen an der Donau Akzente gesetzt. "Unsere Rieslinge sind Klassiker", sagt er, "aber die Wertschätzung für den Grünen Veltliner steigt, und die Sorte schlägt sich gut im Wettkampf mit dem Riesling." Das war nicht immer so. Wurde Riesling früher auf bevorzugte Terrassenlagen gepflanzt, musste sich die heimische Rebsorte mit durchschnittlichen Standorten begnügen. "Heute stehen beide gleichberechtigt nebeneinander", sagt Knoll, "in der Lage wie in der Qualität." Man hat den Propheten im eigenen Land entdeckt und damit Weitsicht bewiesen.

"Reden wir doch mal über den Veltliner-Hype", sagt Franz Hirtzberger in seinem Weingut in Spitz, und seine Augen blitzen dabei noch listiger als sonst: "Die Nachfrage steigt kontinuierlich." Für Hirtzberger ist das keine Überraschung. Vor allem seine Grünen Veltliner aus den Lagen Honivogl oder Rotes Tor werden ihm geradezu aus den Händen gerissen. Zugegeben, der Riesling vom Singerriedel ist ein sehr komplexer Wein mit einem faszinierenden Schmelz, den man nur selten bei dieser Rebsorte findet. Aber die Grünen Veltliner sind noch etwas "hirtzbergerischer" - sie sind dichter, komplexer, tragen die Dynamik der Wachau und ihres terroirs in sich. Der 2005er Honivogl etwa präsentiert sich wunderbar cremig und fast weich bei all seiner Kraft.

Die ganze Region ist eben auf Spitzenqualität eingestellt. Das erwartet die internationale Weinwelt, das erwartet Österreich, das erwarten vor allem die Winzer von sich selbst. Und der Nachwuchs steht längst in den Startlöchern: Franz Hirtzberger junior, Emmerich Knoll junior und Lukas Pichler sind genauso ehrgeizig. Schließlich kennen sie die Herausforderungen zur Genüge, die sich mit ihren berühmten Namen verbinden.

Steinfeder, Federspiel und Smaragd

Neben dem renommierten Trio Hirtzberger-Knoll-Pichler hat sich eine weitere Gruppe von Winzern etabliert, die nicht nur schöne Hoffnungen wecken, sondern auch aktuelle Spitzenbewertungen sammeln. Sie wissen, dass die österreichischen Nachbarregionen beim Grüner Veltliner kontinuierlich an Qualität zulegen. Das spornt an.

Zum Beispiel Martin Mittelbach vom Tegernseerhof in Unterloiben. Seine Terrassenlagen Loibenberg und Steinertal haben ein enormes Potenzial, das er in komplexe und feinwürzige Weine umsetzt. Aber rund sechs der 25 Hektar Anbaufläche des Betriebs liegen in Rohrendorf bei Krems und damit außerhalb der Wachau - deswegen darf er nicht dem Qualitätsverband "Vinea Wachau" angehören.

"Für meine Weine fallen somit auch die vom Verband geschützten Qualitätsbezeichnungen Steinfeder, Federspiel und Smaragd weg. Das schafft Erklärungsbedarf", sagt der Einzelkämpfer Mittelbach. Die drei Qualitätsstufen gelten nur für Weine der Wachau: "Steinfeder" bezeichnet leichte, duftige Gewächse; "Federspiel" steht für rassige Eleganz klassisch trockener Weine mit einem Alkoholgehalt von höchstens 12,5 Prozent, "Smaragd" für die höchste Qualitätsstufe aus spät gelesenen Trauben guter Jahrgänge mit vollendeter Reife.

Mittelbachs 2005er Grüner Veltliner Loibenberg zeigt ungeniert seine ganze Stärke. Zunächst entfaltet sich feingliedrig und schmeichelnd ein Duft nach Rosen, doch am Gaumen erkennt man das komplexe Kraftpaket, das mit jedem Schluck die Tiefe seiner dichten Struktur offenbart. Der Wein ist beschwingt und keinesfalls schwerfällig. Ein typischer Wachauer: Eleganz und Kraft sind gleichberechtigt.

Lesen Sie im zweiten Teil: Quereinsteiger, Shooting Stars und Newcomer - die junge Generation der Wachauer Winzer

Der 27-jährige Winzer Leo Alzinger aus Dürnstein gehört ebenfalls zu den jungen Hoffnungsträgern. Mit klarem Blick analysiert er die Situation der Wachau: "Wir sind zwar noch das bekannteste österreichische Weinanbaugebiet, aber der Konkurrenzdruck nimmt zu." Vater und Sohn Alzinger halten dagegen, mit durchweg eleganten, vielschichtigen Grünen Veltlinern, in deren fein ziselierter Mineralität das terroir unverkennbar zu schmecken ist.

"Die Weine" , sagen die Alzingers, "müssen ein Abbild der jeweiligen Lage sein." Das ist auch die Philosophie des traditionsreichen Guts Prager in Weißenkirchen, in dem jetzt Toni Bodenstein für die Qualität der Weine zuständig ist. Der engagierte Quereinsteiger ist das Lexikon der Wachau: Er kennt jede Gesteinsschicht, jeden Höhenmeter und jedes Kleinklima. Keiner weiß besser über die Beschaffenheit des terroirs Bescheid. Und er ist ein strikter Gegner geklonter Reben, ihm geht es um authentische Weine. "Die alten Reben verstehen den Boden in all seiner Unterschiedlichkeit", sagt Bodenstein. Seine Rieslinge und Grünen Veltliner aus den Lagen Achleiten, Klaus, Steinriegl, Weitenberg und Kaiserberg sind fruchtkomplexe Meisterwerke mit der subtilen Würze des terroirs und seiner feinen Mineralität. Botschafter aus der Tiefe des Bodens. Echte Bodensteiner eben.

Châpeau, Rudi Pichler!

Den Untergrund ins Glas bringen - auch für Johann Schmelz in Joching ist das die größte Herausforderung im Wachauer Weinbau. Ihm gelingt das trefflich; vor allem die Grünen Veltliner aus den Terrassenweingärten in Dürnstein verbinden feinwürzige Noten mit einladenden Fruchtaromen, die von viel Cremigkeit getragen werden.

Genauso ein Qualitätsfanatiker ist der 41-jährige Rudi Pichler in Wösendorf, nicht verwandt mit F.X. Pichler. Gerade wurde er vom Wein Gourmet mit dem "Wine Award" als "Newcomer des Jahres 2006" ausgezeichnet. Mit seiner neuen Kellerei bekennt er sich klar zur Zukunft: Der puristische Kubus birgt aktuelle Technik. Vor allem Pichlers charakterstarke Grüne Veltliner lassen staunen. Sie drücken ihre Herkunft in einer lebhaften Mineralik aus, dazu kommt eine deutliche Frucht, saftig, kräftig und doch elegant. Paradebeispiel ist der 2005er Veltliner Smaragd Terrassen mit seiner ausgeprägten Frucht, die in eine komplexe Struktur eingebunden ist. Der Wein zeigt Tiefe, cremig läuft die harmonische Textur mit der Mineralik zusammen. Châpeau, Rudi Pichler! Der Mann ist ein Talent.

Wie auch Josef Högl. Der Winzer aus Spitz konzentriert sich neben Riesling vor allem auf Grünen Veltliner - und hat den Dreh raus, Schmelz und die typische Pfefferaromatik so in Spannung zu bringen, dass der Wein sanft würzig schmeckt. Auch Karl Lagler in Spitz gehört zu jenen, die das verlässliche Rückgrat der Weinregion bilden. Junior der Qualitätsoffensive ist Johann Donabaum. Er gilt als Shootingstar, der den elterlichen Betrieb in kürzester Zeit in die Wachauer Spitzengruppe gehoben hat, mit herzerfrischenden Rieslingen und cremigen Grünen Veltlinern, die in Smaragd-Qualität lange auf der Feinhefe liegen und im Glas mit ihrer tiefgründigen und komplexen Frucht beeindrucken.

Eine echte Veltliner-Hochburg ist das Weingut Holzapfel im barocken "Prandtauerhof" in Joching. Gäste sollten nicht nur Lust auf Karl Holzapfels strahlend feste Grüne Veltliner mit ihrer tiefen Mineralität und eleganten Textur mitbringen, sondern auch Appetit. Barbara Holzapfel serviert im schicken Restaurant zu den Weinen ihres Mannes eine fantasievolle bodenständige Küche, die zwischen Tafelspitz mit Erdäpfelschmarren und glacierter Kalbsleber mit Marillenbalsamico pendelt. Apropos Marillen: Die Wachauer Paradefrucht gibt es hier in vielen Facetten. Auf keinen Fall verpassen sollte man Barbara Holzapfels Marillenkonfitüre - köstlich und genauso typisch Österreich wie Grüner Veltliner.

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