Oktoberfest: Bazis, Bier und Beckstein-Maß - DER SPIEGEL
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Oktoberfest Bazis, Bier und Beckstein-Maß

Vom Hochzeitsfest zum Markenzeichen: Was als königliches Pferderennen begann, ist heute Garant für millionenfache Gaudi. Am Samstag wird beim Münchner Oktoberfest zum 175. Mal "o'zapft" - Anlass für G'schichtn und Gegebenheiten rund um Wiesn, Cholera und Hunde-Bier.
Von Carolin Reintjes
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Von Chile bis China ist das größte Volksfest der Welt bekannt und vermittelt als Export vermeintlich deutscher Kultur allerorts ein positives Bild der feierseligen Deutschen. Am Samstag ist es wieder soweit: O'zapft wird. Das Oktoberfest in München und viele seiner weltweit rund 3000 Ableger öffnen die Tore zu ihren Zelten. Und das zum nun schon 175. Mal - die Wiesn feiert Jubiläum.

Millionenfach werden die Maßkrüge in den Bierzelten zum Anstoßen gestemmt - so viele Gratulanten hätten Kronprinz Ludwig und seine Braut, Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen, sicherlich nicht zu ihrer Hochzeitsfeier erwartet. Und Bier gab es auf dem ersten Oktoberfest, das 1810 gefeiert wurde, auch noch nicht. Damals drehte sich alles um ein Pferderennen auf einer Wiese vor der Stadt, die dann zu Ehren der Braut "Theresienwiese" getauft wurde. Schon nach dem ersten Fest war den Bayern klar: Eine solche Gaudi muss wiederholt werden.

Wegen Kriegen, Krisen und Cholera musste die Wiesn in den vergangenen 198 Jahren aber auch einige Male abgesagt werden. Schon im Jahr 1813 hatte der Krieg der Bayern gegen Napoleon Vorrang vor dem Fest, und in den Jahren 1854 und 1873 war den Münchnern wegen einer Cholera-Epidemie auch nicht nach Feiern zumute. Später fiel das Fest wegen der Weltkriege und wegen der Wirtschaftskrise der zwanziger Jahre aus. Im Jahr 1922 kostete eine Maß stolze 50 Mark, für ein Hendl mussten Hungrige schon 500 Mark herblättern.

Damals herrschte zwar Inflation. Aber die zeichnet sich auch bei den Maßpreisen der vergangenen Jahre ab - ein bestimmendes Thema in München. Bis zu 8,30 Euro kostet der Liter Bier beim Jubiläumsfest, am günstigsten gibt's den Gerstensaft für 7,80 Euro im Zelt "Zum Stiftl". Auf das Oktoberfestbier mit seinem erhöhten Alkoholgehalt (5,3 bis 6,6 Prozent) zu verzichten bringt allerdings kaum finanzielle Erleichterung: Mineralwasser und Limonade kosten im Schnitt zwischen 6,75 und 7,50 Euro.

Wirtschaftsfaktor Oktoberfest

Dafür gibt's in diesem Jahr zum ersten Mal auch ein Gebräu für die geliebten Vierbeiner der Wiesngänger: "Schwanzwedler" heißt das alkoholfreie Gesöff aus Rinderbrühe in der 0,33-Liter-Flasche, mit dem Frauchen und Herrchen künftig mit ihrem Hund anstoßen können. Der Dosen-Prosecco, den Paris Hilton einst einzuführen versuchte, hat sich nicht durchgesetzt. Die Bayern sind bodenständig. Aber sie verstehen es zu wirtschaften - natürlich im doppelten Sinne.

Rund eine Milliarde Euro bringt ein durchschnittliches Oktoberfest in die Münchner Kassen. 12.000 Menschen arbeiten auf dem Festplatz, und auch Taxifahrer, die Münchner Verkehrsgesellschaft, Stadtwerke, Hotels und Einzelhandel profitieren: Rund 205 Millionen Euro verdienen sie an den Besuchern des Fests. Noch größer ist der Wert des markenrechtlich geschützten "Oktoberfest München". Die Wiesn ist laut einer Umfrage der Deutschen Zentrale für Tourismus aus dem Jahr 1999 in der Welt als "typisch deutsch" bekannt wie sonst nur Adolf Hitler und die Berliner Mauer.

Bekannt ist auch, wieviel Bier während der Festzeit durch die Kehlen rinnt. Nämlich 6,9 Millionen Liter. So viel tranken die 6,7 Millionen Besucher im Jahr 2007, also etwas mehr als eine Maß pro Person. Schließlich hatten sie einiges herunterzu spülen: 104 Ochsen, 58.446 Schweinshaxen und 521.872 Brathendl wurden im vergangenen Jahr verspeist.

Bier-Betrug im Wiesn-Zelt?

Trotz der immensen Biermengen hegt der Verein gegen betrügerisches Einschenken e.V. den Verdacht, dass es immer wieder zu Fällen von Bier-Unterschlagung im Maßkrug kommt. Jüngst bekam der Verein Unterstützung von höchster Stelle: Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein hatte bei einer Wahlkampfveranstaltung in Erding erklärt, dass zwei Maß Bier die Fahrtüchtigkeit nicht gefährden würden. Später, um seine Aussage zu revidieren, schob er seine Feststellung darauf, dass die Bierkrüge so sparsam gefüllt seien.

Beckstein schaffte es auf die Titelseiten, schon scherzte Oktoberfest-Chefin Gabriele Weishäupl mit einem winzigen Schnapsglas voller Weißbier in der Hand, das sei die "Beckstein-Maß". Doch vielleicht wurde auch mancher Bayer misstrauisch. Schließlich lautet schon eine Münchner Volksweisheit: Ein anständiger Wirt holt aus einem 50-Liter-Fass 60 Maß Bier. Die Bier-Sheriffs sind alarmiert.

Auch das Thema Rauchen machte das Oktoberfest im Vorfeld der bayerischen Landtagswahlen zum Politikum. Trotz des strengen Verbots in Bayern wird in diesem Jahr nun doch noch einmal ein Auge zugedrückt. Zum letzten Mal darf in den Festzelten der Wiesn der Glimmstengel glühen. Das hat die CSU nach der Kommunalwahlschlappe beschlossen. Und als Entgegenkommen der Wirte werden keine Zigarettenverkäuferinnen mehr durch die Sitzreihen wandern.

Eine Maß für den Franken

Dabei werden Wählerstimmen nicht durch die Rauchverbotsdebatte geholt. Auf dem Oktoberfest gilt seit Jahren: Politiker beweisen sich beim Anzapfen von Bierfässern. 1950 musste erstmalig ein Münchner Oberbürgermeister, damals Thomas Wimmer, zum Fassanstich beim Schottenhamel-Wirt antreten. Mit einem (Negativ-)Rekord von 17 Schlägen ging er in die Wiesn-Geschichte ein - aber auch mit seinem Ausruf "O'zapft is!"

Am Samstag greift wieder Münchens amtierender Oberbürgermeister Christian Ude zum Holzschlegel. Die erste Maß will er dann Beckstein reichen - damit geht sie erstmals an einen Franken. "Er muss zwei Maß trinken, um zu zeigen, wie fit er dann noch ist", spottete Ude.

Neben den bayerisch-fränkischen Annäherungen und dem Schwanzwedler-Gebräu werden auf der Jubiläums-Wiesn auch sonst einige Neuheiten getestet: Mit der "Alpina Bahn" können Mutige mit 80 km/h in die Tiefe rasen und die Schwerelosigkeit spüren, im neonfarbenen Labyrinth des "Psychodelic" können Besucher zur Musik von Abba ihren Orientierungssinn trainieren.

Nicht die Orientierung verlieren sollten die Besucher auf dem Weg zum Klo. Denn die Wiesn-Regeln verbieten wildes "Bieseln", das mit 40 Euro bestraft wird. Damit niemand auf diese Idee kommt, stehen für die Besucher 964 Sitzplätze und 878 laufende Meter Stehplätze in den Toilettenanlagen bereit.

Wenn die Sanitäter vor lauter Bierleichen nicht hinterherkommen, ist auch die medizinische Versorgung teuer: Dann gilt es, sich am Erste-Hilfe-Automaten "Medomat" gegen Geldeinwurf das Nötigste zu beschaffen: Pflaster, Rettungsdecke, Kondome, Schwangerschafts- oder Alkoholtest. Letzteren sollte vielleicht Ude seinem Ministerpräsidenten zusammen mit der zweiten Maß in die Hand drücken - damit der nicht zu früh ins Auto steigt.

Mit Material von AP

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