Osteuropa: Polen soll sicherer werden - DER SPIEGEL
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Osteuropa Polen soll sicherer werden

Ein Blick auf die Reisehinweise westlicher Außenministerien lässt eine Städtereise nach Danzig (Gdansk) oder Warschau in der Tat gelegentlich wie einen Abenteuerurlaub wirken. Die polnischen Behörden wollen dies nun ändern.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Warschau - Die Analyse war eher schmerzlich. "Polen lässt sich nicht als Reiseland vermarkten, wenn es nicht gelingt, das Sicherheitsgefühl ausländischer Touristen zu stärken", sagt Andrzej Kozlowski, Direktor der polnischen Tourismuskammer. Vor allem die deutschen Urlauber, die wichtigste Zielgruppe überhaupt, entwickelten offenbar zunehmend Ängste, das Nachbarland zu besuchen.

Das britische Außenministerium  versichert zwar auf seiner Homepage: "Die meisten Reisen nach Polen sind problemlos", fügt aber dennoch hinzu: "An den großen Bahnhöfen und auf allen Zugstrecken besteht ein ernsthaftes Risiko, beraubt zu werden. Besondere Vorsicht ist auf den Buslinien vom und zum Warschauer Flughafen geboten."

Auch US-Bürger werden vor den Gefahren eines Polen-Urlaubs gewarnt: "Das Stadtgebiet von Danzig, Gdingen und Sopot hat eine hohe Rate von Raubüberfällen, einige am hellichten Tag", heißt es auf der Seite des State Department . "Autodiebstahl und das Entführen von Fahrzeugen sind an der Tagesordnung."

Auch das Auswärtige Amt  in Berlin warnt deutsche Touristen vor den gängigen Methoden der polnischen Automafia, die etwa fingierte Auffahrunfälle oder Reifenpannen inszenieren, um ihrem ahnungslosen Opfer Fahrzeugschlüssel und den dazugehörigen Wagen abzunehmen.

Oft machen fehlende Sprachkenntnisse ausländische Touristen zu leichten Opfern von Langfingern und Räubern. Sie sind meist von weitem an Kleidung, Schuhwerk oder Frisur zu erkennen. Aber auch vielen Polen ist der feste Griff um Handtasche oder City-Rucksack zur festen Gewohnheit geworden, ebenso die Vorsicht in Bussen und Straßenbahnen.

In der Warschauer Buslinie 175 etwa, wegen ihres Streckenverlaufs von den Innenstadthotels zum Flughafen Okecie die Lieblingsstrecke von Taschendiebbanden, kennen viele ihre "Pappenheimer" bereits.

Wie schnell die Ganoven trotz aller Vorsichtsmaßnahmen zuschlagen, hat Margot Mahler nach einem Ostseeurlaub leidvoll erlebt. Als die 64 Jahre alte Deutsche am Danziger Hauptbahnhof in den Zug nach Warschau einstieg, stand sie plötzlich im Gedränge fest. Ein paar kräftige junge Männer drängten zurück in Richtung Bahnsteig, hinter ihr wurde geschubst und geschoben - und geschickt die Handtasche mit sämtlichen Papieren, Bargeld und Kreditkarten aus dem Rucksack gestohlen. Die Hannoveranerin merkte erst nach Abfahrt des Zuges, dass sie ihre gesamte wichtige Habe los war.

Auch wenn es für bestohlene oder ausgeraubte Urlauber kein Trost ist: "Die Lage hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert", sagt ein Beamter der Konsularabteilung der deutschen Botschaft in Warschau. Mit Nachdruck hatten westliche Diplomaten besseren Schutz ihrer Landsleute auf Polen-Reisen gefordert. Nicht ohne Erfolg.

In Danzig sind mittlerweile entlang des bei Touristen besonders beliebten "Langen Markts" und der Uferpromenade an der Mottlau Überwachungskameras installiert. Die Bilder werden direkt in das nächste Polizeirevier übertragen, und wenn auch im Falle eines Diebstahls der Täter vielleicht schon längst verschwunden ist, hat die Polizei wenigstens dank der Videoaufzeichnungen Beweismaterial.

Auch am Fährterminal von Stettin, in der Altstadt von Warschau oder in anderen polnischen Städten sind die Kameras inzwischen üblich. Polizei und private Sicherheitsdienste patrouillieren auf Bahnsteigen und in Zügen - nur eben nicht überall.

Gerade in den Sommermonaten sind Polizeiposten auf den Marktplätzen von Krakau oder Warschau eingerichtet, die vor allem in- und ausländischen Besuchern im Schadensfall helfen sollen. "Was die Gefährdungslage für Touristen angeht, ist Polen eher europäisches Mittelfeld", versichert Polizeisprecher Pawel Biedziak.

Im Fall eines Falles will die Polizei Ausländern künftig schneller Hilfe zukommen lassen. So wurden nach Auskunft des polnischen Fremdenverkehrsamtes in Berlin inzwischen ein zentrales Infotelefon eingerichtet, bei dem sich Geschädigte melden können. Unter der Nummer 0800-200 300 wird Touristen von jedem Festnetz-Telefon in Polen in deutscher und englischer Sprache geholfen. Vom eigenen Handy ist die Hotline unter der Nummer 0048-22-601 55 55 zu den normalen Telefongebühren erreichbar. Die Servicenummern gelten zunächst bis 31. Oktober 2002, dann sollen die Erfahrungen ausgewertet und über eine Fortführung entschieden werden, so das Fremdenverkehrsamt.

Seit Mitte Juni erhalten nach Polen fahrende Autofahrer bei der Grenzabfertigung mit ihrem Pass von den polnischen Grenzern ein zweisprachiges Info-Blatt. Dort wird auf Gefahrenquellen hingewiesen, aber auch auf wichtige Telefonnummern. An der Informationskampagne beteiligt sich auch der ADAC. In Westpommern, für viele Deutsche etwa aus Mecklenburg-Vorpommern ein Nahziel, haben die örtliche Polizei und Tourismus-Manager ein "Sicherheitszertifikat" geschaffen. Es wird Hotels und Pensionen verliehen, die unter anderem Hotelsafes, Objektschutz und bewachte Parkplätze nachweisen können.

In Masuren, mit seiner Seenplatte und den zahlreichen Wassersportmöglichkeiten ein beliebtes Reiseziel bei Polen und Ausländern, hat die Polizei auf einem "Sicherheitsatlas" Gefahrenquellen wie unübersichtliche Straßenabschnitte gekennzeichnet. Verstärkte Patrouillen in der Urlaubssaison sind geplant, es gibt nur ein Problem: "Wir haben leider nicht genug Geld für Benzin", muss ein Polizeisprecher einräumen.

In manchen Fällen helfen aber auch Sicherheitszertifikate und Polizeikontrollen nicht, sondern nur gesunder Menschenverstand, wie eine deutsche Reisegruppe zum Abschluss ihres Polenbesuchs in Warschau erfuhr: Der Reiseleiter war spurlos verschwunden, die sprach- und orientierungslosen Touristen mussten alleine die Rückfahrt antreten.

Der Gesuchte wurde erst nach zwei Tagen gefunden. Er war auf den ältesten Trick des Gewerbes hereingefallen, als er in "Damenbegleitung" ein mit KO-Tropfen versetztes Getränk getrunken hatte, das ihn erfolgreich und lang anhaltend außer Gefecht setzte. Er erwachte erst im Krankenhaus - ohne Geld und Wertsachen, dafür um eine Erfahrung reicher.