Pauschalreisen: Machtkampf hält die Preise niedrig - DER SPIEGEL
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Pauschalreisen Machtkampf hält die Preise niedrig

Der Tourismusmarkt ist in Bewegung: Immer größere Konzerne versuchen mit allen Mitteln sich gegenseitig Marktanteile abzuringen. Gut für den Kunden, der sich über sinkende Preise freuen kann. Bloß wie lange noch?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Machtkampf zwischen den Konzernen der Touristik-Branche nimmt europäische Dimensionen an: Mit der TUI Group sowie der C&N Touristic AG auf der einen und Airtours sowie Thomson auf der anderen Seite, liegen je zwei deutsche und zwei englische Konzerne an der Spitze.

Noch. Denn nicht nur Stefan Pichler, Vorstandssprecher von C&N, glaubt, dass in einigen Jahren zwei bis drei große Konzerne das lukrative Reisegeschäft unter sich ausmachen werden. Die Flut bunter Kataloge, die derzeit auf der Internationalen Tourismus-Börse  (ITB) in Berlin verteilt werden, verstellt da nur den Blick auf die hohe Konzentration.

Beispiel C&N: Zum Konzern, Anfang 1998 von der Lufthansa und Karstadt-Quelle ins Leben gerufen, gehören unter anderem Neckermann, Terramar und Kreutzer Touristik. Alle werben mit ihren eigenen Prospekten, alle haben unterschiedliche Schwerpunkte, und alle gehören zum selben Unternehmen.

"Unsere Marken sind unsere Stars", sagt Pichler in Berlin. Der Name C&N, den meisten Reisenden eh kein Begriff, soll eher im Hintergrund bleiben. Wenn auch nicht so ganz: Rechtzeitig zur Cebit hat das Unternehmen aus Oberursel seinen neuen Internet-Auftritt  vorgestellt.

Parallel soll dem Kunden behutsam vermittelt werden, dass hinter Neckermann und Co. ein großer Konzern steht, dessen Töchter "eine einheitliche Qualität bieten". Wie Pichler das schaffen will, dazu will oder kann er auf der ITB keine konkrete Antwort geben.

Braucht er auch nicht: Das Umsatz wird so oder so steigen: Neben der Informationstechnologie gilt der Tourismus als die Wachstumsbranche des 21. Jahrhunderts. Mit 22 Millionen Arbeitsplätzen ist er einer der Beschäftigungsmotoren Europas. Doch der Konkurrenzkampf lässt die Gewinnspannen schmelzen - und die Preise purzeln.

Gut für die Kunden, die auch im vergangenen Jahr kräftig verreist sind: 86 Milliarden Mark gaben die Deutschen 1999 für die schönsten Wochen des Jahres aus, 42 Prozent davon flossen in die Kassen der Pauschalreise-Veranstalter.

Die geballte Einkaufsmacht der Großunternehmen hält die Preise niedrig, glaubt der Reiseverkehrsanalyst der Dresdner Bank, Hans-Peter Muntzke. Auch Verbraucherschützer und Wettbewerbshüter erkennen die Preisvorteile an. Dennoch bereitet ihnen die Konzentration Bauchschmerzen.

"Wir bejubeln das nicht. Je weniger Anbieter, umso höher die Gefahr einer wettbewerbslosen Marktbeherrschung", sagt Hans-Jürgen Ruppelt vom Bundeskartellamt in Bonn. Und umso höher die Gefahr, dass die Preise bald wieder anziehen werden.

Mit besonderem Missfallen beobachtet die Behörde, wie Reisebüroketten im Zuge der Konzentration von den Großen geschluckt werden. Schon werden Parallelen zu England gezogen, wo es kaum noch selbständige Reisebüros gibt. Für die Wettbewerbshüter ein Graus.

Noch von einer anderen Seite droht Gefahr: Für 2000 streben die Reiseveranstalter ein Plus beim Umsatz von bis zu zehn Prozent an. Ein Ziel, das wohl nur über niedrigere Preise zu erreichen ist. Um gleichzeitig aber nicht in die Verlustzone abzurutschen, müssen die Konzerne bei ihren Ausgaben den Rotstift ansetzen.

Vor allem der Vertrieb wird weiter unter Druck geraten. Noch ist die Zahl der bundesweit 15.780 Reisebüros nach Angaben des Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalter Verbandes  (DRV) vergleichsweise stabil - trotz Provisionskürzungen von Seiten der Fluggesellschaften und trotz der Bedrohung durch das Internet.

Der Rotstift der Reiseveranstalter könnte der Stabilität ein Ende machen: Um möglichst effektiv zu arbeiten, bündeln die Konzerne unter ihren Dächern nicht nur verschiedene Marken, Hotels und Fluggesellschaften sondern zunehmend auch Reisebüros. So beherrscht C&N bereits knapp 1300 Reisebüros.

Zumindest für die Veranstalter hat das nur Vorteile. Ob Kataloge, Eigenvertrieb, Transport oder Unterbringung: Die gesamte Reise - und damit auch die betriebswirtschaftlich so wichtige "Wertschöpfung" - bleibt fest in einer Hand.

Alexander Stirn/Anja Kreisel