Regionalluftverkehr: Klein aber fein - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Regionalluftverkehr Klein aber fein

Was den großen Branchenführern Airbus und Boeing schon lange recht ist, ist den Kleinen inzwischen billig. Das Wachstum der Regionalverkehrsfliegerei kennt keine Grenzen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg/Basel - Die Regionalverkehrsfliegerei wächst derzeit noch viel stürmischer als der interkontinentale Mittel- und Langstreckenverkehr. Die Folge: Der Konkurrenzkampf bei den Herstellern von Turboprops und kleinen Regionaljets ist genau so hart wie bei den "Großen" geworden. Viele Experten sind sich einig: Von derzeit einem halben dutzend Herstellern werden langfristig wohl nur drei überleben.

"Die Regionalverkehrsfliegerei wird weiter überproportional wachsen. Für die nächsten Jahre müssen wir mit Zuwachsraten von jährlich 15 bis 20 Prozent allein in Europa rechnen", sagt Andre Dose, der neue Präsident der Schweizer Crossair, der größten und bedeutendsten europäischen Regionalfluggesellschaft.

"Aber es werden nur Hersteller mit großen Innovationsfähigkeiten überleben. Wer sich nur auf alten Erfolgen ausruht, hat in der Branche wenig Chancen." Der allgemeine kontinentale und interkontinentale Luftverkehr mit Düsenflugzeugen geht von Zuwachsraten von etwa fünf Prozent jährlich in Europa und bis zu 7,5 Prozent in der Pazifik-Region aus.

Die Schweden, die jahrelang mit ihren tüchtigen Turboprop- Flugzeugen imponiert haben, ziehen sich aus dem Flugzeugbau zurück, der ihnen in den letzten Jahren nur rote Zahlen beschert hat. Das französisch-italienische Unternehmen ATR (Toulouse) ist mit dem Versuch gescheitert, mit englischer Hilfe in den Markt der Düsenflugzeuge unter 100 Sitze einzudringen.

ATR fällt es inzwischen zunehmend schwerer, mit dem kanadischen Multi-Konzern Bombardier Schritt zu halten, der bei den Turboprops immer stärker dominiert und im oberen Bereich sehr leistungsfähige Flugzeuge herstellt. Die 70sitzige Dash 8Q-400, die inzwischen bei einem halben dutzend Airlines fliegt, ist in ihrer Branche das Nonplusultra: leistungsfähig, emissionsarm, leise und fast so schnell wie Jets.

Doch schon jetzt gibt es kaum noch Zweifel, dass die Zukunft bei den kleinen Verkehrsjets den "Emporkömmlingen" gehört: Embraer aus Sao Paulo und Fairchild Dornier (San Antonio/Oberpfaffenhofen). Beide Unternehmen haben bereits neue zweistrahlige Flugzeuge im Einsatz oder in der Entwicklung, die dank ihrer Wirtschaftlichkeit, Leistungen und erheblich besseren Emissionswerte alle vergleichbaren heute fliegenden Typen übertreffen.

Kein Wunder, dass Europas führende Regionalcarrier Crossair und Lufthansa CityLine völlig auf die neuen Jets setzen und in ihrem Schlepptau bereits eine Reihe anderer kleinerer Gesellschaften mit sich ziehen. Crossair wird ihre Saab und Avro gegen 75 neue Embraer- Jets eintauschen, CityLine wird ihre Canadair Regional Jets und Avro gegen Fairchild Dornier-Jets auswechseln. Damit sind grundsätzliche Weichen gestellt.

Karl Morgenstern, dpa