Rheinland-Pfalz: Eichen pflastern ihren Weg - DER SPIEGEL
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Rheinland-Pfalz Eichen pflastern ihren Weg

Schon im 17./18. Jahrhundert erkannten Forstexperten, dass dem Wald nicht mehr entnommen werden darf, als nachwachsen kann. Der Pfälzerwald und seine Preziosen: Traubeneichen, die wertvollsten Hölzer des Landes. Von Peter Münch
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Die Straße ins Dunkelgrün beginnt gleich hinter Rinnthal.

Nordwärts umkurvt die B 48 zunächst einige Wiesen und steigt dann hoch in den Wald. 33 Kilometer, für deutsche Verhältnisse eine rekordverdächtige Distanz, sind es bis zum nächsten gelben Ortsschild, Hochspeyer. Dazwischen, bei Kilometer 19 und 473 Höhenmetern, steht ein grünes: Johanniskreuz. Der Weiler besteht aus einer Handvoll Häusern. Das älteste stammt aus dem Jahr 1822, ist aus heimischem roten Sandstein gemauert, schiefergedeckt, aus dem Giebel ragt ein gusseiserner Hirschkopf. Im Jahr 1843 trafen sich hier Forstleute aus der damals bayerischen Pfalz. Sie stellten einheitliche Regeln für den Waldbau der Region auf und gaben ihr ganz nebenbei den Namen Pfälzerwald.

Der Naturpark Pfälzerwald ist mit 1800 Quadratkilometern mehr als dreimal so groß wie der Bodensee und Deutschlands größtes zusammenhängendes Waldgebiet. Auf Buntsandsteinboden wächst die übliche Palette eines Mittelgebirges: Buchen, Linden, Fichten, Kiefern. Unüblich und in jeder Hinsicht herausragend aber sind die alten Eichen, die Superstars in der Kategorie Teure Hölzer.

Einen Steinwurf von der historischen Tagungsstätte auf Johanniskreuz hat Burkhard Steckel sein Büro. Er leitet das hiesige Forstamt, ist zuständig für 20 Reviere mit einer Gesamtfläche von 20.000 Hektar und damit auch für das "Millionenviertel". Das liegt keine halbe Stunde zu Fuß vom Forstamt entfernt und erhielt seinen Namen noch zu DM-Zeiten: Bis zu eine Million Mark betrug der Bestandswert jedes Hektars, einer Fläche von knapp anderthalb Fußballfeldern. Den größten Erlös, damals wie heute, erzielt die Traubeneiche. Das Rundholz 250- bis 300-jähriger Bäume spült pro Festmeter um die 3000 Euro in die Landeskasse. Sägen bringt Regen. Die Käufer aus der Möbelbranche lassen die Stämme zu teurem Furnier feinfiletieren, 60 Prozent des Holzes aber gehen ins benachbarte Frankreich, wo vornehmlich Barrique-Fässer daraus gezimmert werden - in Prozentigem zu baden ist ein angemessenes Schicksal für einen Baum aus Rheinland-Pfalz. Etwa 900 Eichen der Altersklasse Ü 200 lässt der Forstdirektor in seinem Bezirk jährlich fällen. Die um 30 Meter hohen Baumriesen sind nur 1,5 Prozent aller Kettensägenopfer, bringen aber 15 Prozent vom Erlös des gesamten Holzeinschlags. Zu ernten, was viele Menschengenerationen heranwuchs, ist für Steckel Alltag: "Wir haben es mit Produktionszeiträumen von bis zu 300 Jahren zu tun. Diese Langfristigkeit zwingt uns zur steten Sorge um den vorhandenen Vorrat und den künftigen Zuwachs. Alte Bäume sind unser Kapital. Das müssen wir erhalten, damit unsere Nachfahren von den Zinsen leben können." Stolz auf seinen Berufsstand schwingt mit, wenn er sagt: "Immerhin waren es Forstleute, die den Begriff der Nachhaltigkeit prägten." Tatsächlich ist das topaktuelle ökologische Postulat, das den verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen unseres Planeten einfordert, eichenalt.

Schon im 17./18. Jahrhundert erkannten Forstexperten, dass dem Wald nicht mehr entnommen werden darf, als nachwachsen kann. Aus rein ökonomischem Interesse, denn Salinen und Erzbergwerke mussten nachhaltig mit Brennstoff versorgt werden. Mit großflächigen Axtmassakern, wie jenes, das aus dem Lüneburger Wald eine Heide gemacht hatte, befand man sich langfristig auf dem Holzweg.

Wirtschaftlich nachhaltig dachte auch der Eisenbaron Ludwig von Gienanth, als er, um den Nachschub an Holzkohle für seine Erzgruben zu sichern, 1833 das Dominalgut Trippstadt kaufte. Dazu gehörten Wälder rund um Johanniskreuz sowie das 1767 für einen kurpfälzischen Jägermeister erbaute Trippstadter Schloss. Heute hat hier, sieben Kilometer nordöstlich von Johanniskreuz, die Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft ihren Sitz. In der Abteilung "Genressourcen und Forstpflanzenerzeugung" sorgen Bolko Haase und Patrick Heintzen dafür, dass dem Wald die Bäume nicht ausgehen. Sie sind zuständig für die Nachwuchsarbeit im besten Wortsinn.

Ganz am Anfang des Produktionszeitraums eines Baums steht die Samenernte. Im Herbst beauftragt Forstamtmann Heintzen seine Zapfenpflücker. Nach allen Regeln des Alpinismus gesichert, unternehmen sie aus der Sicht menschlicher Flachwurzler dennoch halsbrecherische Klettertouren in die Wipfel von ausgesuchten Prachtnadlern, aus denen sie Tannen-, Fichten- und Kiefernzapfen bergen. Über Eichen müssen sie nicht gehen. Deren Früchte werden am Boden aufgesammelt, traditionell opfern ganze Schulklassen einen Teil ihrer Herbstferien für diesen besonderen Lesewettbewerb. Die Zapfen und Eicheln landen, ebenso wie Bucheckern, Kirschkerne und die Früchte anderer Baumarten, in der Samenklenge Elmstein, der landeseigenen Samenbank für heimische Hölzer. Dort werden die Zapfen in Darröfen geklengt: viele Stunden lang getrocknet, bis die Samen - KLENG! - aus ihrem Gehölz schießen. Diese Prozedur bleibt den Eicheln erspart. Ordentlich gereinigt und vorsorglich gegen Schwarzschimmel behandelt, geht es zum Lagern in die Kühlkammern. Bei einem simulierten Winter mit fünf bis zehn Grad minus, abgefüllt in sorgfältig beschrifteten Apothekergläsern, schlummern die künftigen Wälder ihrer Aussaat entgegen. Die Eichen weniger tief und lang - sie verlieren ihre Keimfähigkeit nach spätestens zwei Jahren - als die Nadelhölzer, denen etwas mehr Geduld in die Gene geschrieben wurde.

Vorrat an Saatgut ist in Elmstein reichlich vorhanden, nicht nur für den eigenen Forst, sondern auch für den freien Markt. Bereits im vorembryonalen Stadium sind Bäume und Sträucher garantiert Pfälzer Herkunft begehrte Handelsware für Baumschulen und jedermanns Garten. Der Katalog der Samenklenge reicht von Abies grandis, der Riesentanne, bis zur Wildbirne. Dazwischen natürlich die Traubeneiche, aber auch Arten wie Elsbeere, Feldulme, Kreuzdorn, das Pfaffenhütchen und der Speierling. Von letzterem, Baum des Jahres 1993 und seinerzeit allenfalls Ebbelwoitrinkern bekannt, werden gerade einige Exemplare auf dem Antonihof aufgepäppelt, dem 1,5 Hektar großen Freigelände der Forschungsanstalt bei Trippstadt, eine Nachbarschaftshilfe für Luxemburg, wo dem Baum die Ausrottung droht.

Auf dem Antonihof haben auch einige Eichen erstmals Bodenkontakt, bevor ihnen nach zwei Jahren ihr endgültiger Standort zugewiesen wird, andere wurden bereits im Wald ausgesät. Stecklinge und Keimlinge müssen sich gleichermaßen gegen die Konkurrenz aus dem eigenen Lager behaupten.

Manche schaffen ein Menschenalter, bevor sie als Jungholz den künftigen Altstars weichen müssen. Die werden von den Urenkeln der noch ungeborenen Förster zu Fall gebracht. Doch auch wenn die Säge das Requiem für eine Eiche singt, muss das noch kein Abschied für immer sein: Mancher Baum wird in Form eines Barrique-Fasses dorthin reimportiert, wo er jahrhundertelang verwurzelt war. Und bereichert dann den Pfälzer Wein um einen Gruß aus dem Pfälzerwald.

Aus "Merian"extra-Heft "Deutschland", Dezember 2004

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