Rügen im Winter: "Da brennt der Himmel" - DER SPIEGEL
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Rügen im Winter "Da brennt der Himmel"

Es ist, als ob Effi Briest gerade am Sassnitzer Strand spazieren geht. Caspar David Friedrich blickt verträumt über seine Staffelei hinweg und mischt die Farben des Windes. Es ist schwer, der poetischen Faszination des Winters auf Rügen zu entkommen.
Von Silja Schriever
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es herrscht eine ganz eigene Ruhe auf Rügen. Bei Temperaturen knapp über Null wird Deutschlands größte Insel zum romantischen Eiland. Die Fischerdörfchen, die Steilküsten, die Hünengräber und all die anderen Denkmäler der Vergangenheit erstrahlen in einem besonderen Licht. Sich in Rügen zu verlieben geht schnell.

Gleich fällt einem Theodor Fontanes Effi Briest ein, die der Dichter am Sassnitzer Strand spazieren ließ. Danach die berühmten Insel-Gemälde Caspar David Friedrichs. Kein Wunder also, dass es jemanden gibt auf Rügen, der sich die Romantik quasi zum Beruf gemacht hat.

Matthias Ogilvie, studierter Historiker und Philosoph, gebürtiger Rheinländer, hat nicht nur das alte Strandhotel "Lohme" mit der großartigen Aussicht auf Kap Arkona vor 17 Jahren gekauft. Er hat sein Quartier am nördlichen Rand der Rügener Halbinsel Jasmund im Untertitel "Das poetische Hotel" genannt. Selbstverständlich nicht zuletzt aus romantischen Gründen: "In Lohme liegt die Rügener Wiege der Romantik", sagt Ogilvie. Haben doch einst Fontane, Gerhard Hauptmann und Bettina von Arnim auf der Terrasse des Lohmer Hotels gesessen.

Ogilvie bietet auch im Winter Wanderungen zum Königstuhl, dem berühmten Kreidefelsvorsprung. Eigentlich sind die Touren nur für seine Hotelgäste. Aber wenn da jemand kommt, der sich unbedingt anschließen will, sagt er selten nein. Mit Matthias Ogilvie auf Wanderung zu gehen, heißt nicht nur unvergleichliche Natur zu genießen. Es heißt über das Leben und die Poesie zu reden, über Wirklichkeit und Schein zu philosophieren. Ogilvie spricht viel über die Künstler, die schon vor vielen Jahrzehnten von der Insel begeistert waren, und rezitiert gern.

"Im Grunde lebe ich hier zeitlos", sagt Ogilvie. "Ich fühle mich den Romantikern, die einst auf der Terrasse meines Hotels saßen, verbunden." Es liegt wohl am Licht. Die Farben des Meeres sind nicht nur graublau. Nach großen Kreideabbrüchen schimmert es türkisgrün wie in der Karibik. Manchmal ist es gar milchweiß. "Deshalb kann man die Romantiker verstehen", sagt der Hotelier. "Es sieht aus, als ob das Jenseits durchschimmert."

Rügens Reize strahlen in der kalten Jahreszeit

Rügen ist immer reizvoll. Auch in kalter Jahreszeit. Oder gerade dann. "Von Winterschlaf kann keine Rede sein", sagt Klaus Grünewald. Zwar ist das sein Job als Sprecher der Tourismuszentrale: mit den ganzjährig geöffneten Museen, Galerien, Ausstellungen und gemütlichen Restaurants zu locken. Aber aus diesem schwärmerischen Ton spricht eine ehrliche Überzeugung: Wenn er die Ausflugsschiffe erwähnt, die auch im Winter vom Stadthafen Sassnitz aus in Richtung Kreidefelsen ablegen, die Sturmwanderung und das Fest am Kap Arkona. Und eines sollte keiner vergessen: sich in die Geheimnisse des Nationalparks Jasmund einweihen zu lassen - vom Nationalpark-Zentrum Königsstuhl.

Kontrastprogramm zum Großstadtchaos

Voll ist es auf Rügen nur von Mai bis Oktober. Den meisten Urlaubern bleiben die ganz eigenen Reize, die die Insel im Winter hat, deshalb verborgen: Dabei sind die kilometerlangen schönen Strände, die leuchtenden Seebad-Villen, die Boddenlandschaft und die Buchenwälder gerade bei Frost einzigartig schön. Selbst wenn es regnet an den Kreidefelsen von Kap Arkona, dem nördlichsten Punkt der alten DDR, sind die Ausblicke traumhaft.

Der Charme Rügens mag auch darin liegen, dass die Insel nicht die deutsche Hautevolee anzieht. Es ist kein Sylt in der Ostsee. Rügen ist Rügen - und der Touristentyp verändert sich doch langsam von Jahr zu Jahr. Durchschnittsalter 47 Jahre. Immerhin. Mehr Jüngere könnten kommen, findet Mathias Haak. Wohl aus diesem Grund und weil der Tourismusverband es auch so sieht, hat er für die Internetseite von Rügen einen Videopodcast gedreht. Mit Nora.

Nora Sanne ist 23 Jahre alt und eine fröhliche, sympathische Moderatorin mit Nasenring vom Stadtfernsehen Rostock. Und sie ist auf der Insel geboren. "'Nora auf Rügen' soll künftigen Gästen die Insel auf emotionale Art näher bringen", sagt Haak. Rügen in all seinen Facetten zeigen. Heiraten am Strand. Piratentouren. Auch andere junge Menschen sollen Rügen kennen lernen, nicht nur die Radler, die Surfer, die Segler und die Angler.

Meist sind es unverwüstliche Angler, die ganzjährig nach kapitalen Hechten fischen. So ist Axel Kull, Fotograf aus Berlin, mehrmals im Jahr auf Rügen. Wenn er in der Stille der Boddengewässer im offenen Motorboot rausfährt, genießt er "diese ganz eigene melancholische Stimmung." Er schätzt die Sonnenuntergänge, die man im Sommer nie haben könnte. "Da brennt der Himmel richtig", sagt er. Sein Boot lässt er ganzjährig im "Schmuckstück" Seedorf bei der "Herbergsmutter".

Wenn Axel Kull Hechte angelt, stört nichts und niemand. Alles fällt ab vom einsamen Angler, der Berliner Stress, die lauten Menschen. Man ist allein mit der Natur. Das alltägliche Großstadtchaos ist weit weg. Die Rüganer bieten Kontrastprogramm. Sie seien zwar eher verschlossen, meint Kull, "aber ehrlich in ihrer Art". Nicht übertrieben freundlich, aber sehr treu, wenn man mal ein Herz gewonnen hat. Eine Gemeinsamkeit gebe es mit der Berliner Mentalität: "Entweder man kann damit umgehen oder nicht."

Rügen trumpft nicht nur mit unvergleichlicher Natur, außergewöhnlicher Architektur von den romantischen Seebäder-Häusern bis zum "Kraft-durch-Freude"-Betonklotz in Prora, Relikten aus der Altsteinzeit und Hechtaufkommen-Rekorden. Rügen hat die Heilkreide. Da geraten selbst die jungen Rüganer Videoexperten in Verzückung. "Die Kreide ist unser weißes Gold", sagt Mathias Haak. "Ein fossiler Bestandteil der Insel, Jahrtausende alt." Basisch und Haut reinigend, den Körper entschlackend und schmerzlindernd soll das 60 bis 70 Millionen Jahre alte Material sein.

Und ohne "Wellness" geht es auch auf Rügen nicht. Gerade im Winter. In vielen Hotels kann man eine "Ganzkörper- Kreidepackung" im Wasserbett genießen oder eine Thalasso-Therapie mit der Rügener Dreikronen-Heilkreide und Algen. Im Hotel "Meersinn" in Binz gehört Heilkreide mit zum "Artepuri-Gesundheitskonzept", Kreidepackungen bietet auch das schöne Schlosshotel Ralswiek. 55 Grad warme Kreide auf der Haut.

Einer wie Matthias Ogilvie hat die Heilkreide noch nicht im Hotel-Angebot. Aber auszuschließen ist das künftig nicht. "Die Welt wird für mich immer mehr zum Geheimnis", sagt der Hotelier. Oder um es mit Theodor Fontane, dem Rügen-Freund, zu sagen: "Alles Alte, soweit es den Anspruch darauf verdient hat, sollen wir lieben; aber für das Neue sollen wir eigentlich leben."