Sauerland: Oranje schwer im Kommen - DER SPIEGEL
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Sauerland Oranje schwer im Kommen

Die Investitionen zahlen sich aus: Holländer schätzen das Sauerland als beliebtes Urlaubsziel.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Karawanen großvolumiger Limousinen, oft mit noch großvolumigeren Anhängern, sind legendär. Sie passieren die Landesgrenze kurz vor Emmerich, Mönchengladbach oder Aachen, sie haben gelbe Kennzeichen mit schwarzen Ziffern und Buchstaben. Aber längst nutzen sie die Autobahnen Nordrhein-Westfalens nicht mehr allein als Transitwege zu den Stränden des Südens. Für viele ist die Fahrt rasch vorüber.

Immer mehr Niederländer biegen ab Richtung Sauerland. Das reiselustige Volk aus dem Land ohne Erhebungen hat das Land der 1000 Berge entdeckt.

Und so haben sich Hotels, Restaurants und Kneipen auf die holländische Klientel genauso eingestellt wie es Gastronomen auf Mallorca mit der deutschen Kundschaft halten. "Niederländer mögen Sport und feiern gern", berichtet Samone Schwier, Geschäftsführerin des Touristikvereins Sauerland.

Es ist Samstagabend zehn Uhr, und Rob Meurs, 47, heizt seinen Landsleuten ein. Der Hoteldirektor des "Brabander" in Winterberg steht am wichtigsten Tag der Woche selbst am Mischpult der Musikanlage. Es gibt die Hits, die jeder Discjockey dieser Welt spielt, es gibt Spezialitäten aus den Niederlanden, und es gibt die "deutschen Big Five", wie Meurs sie nennt: Andrea Berg, Peter Maffay, Marianne Rosenberg, Gerhard Wendland und DJ Ötzi - Ötzi ist zwar Österreicher, aber so eng sieht man das nicht in Winterberg, 667 Meter über dem Meeresspiegel.

Meurs hat das Hotel 1986 übernommen. Anfangs wollte er Deutsche und Holländer als Gäste ansprechen. Die Deutschen fanden den Mann, "der so wie Rudi Carrell spricht", zwar irgendwie lustig, aber Urlaub wollten sie bei ihm nicht machen. Seitdem wirbt er nur noch in seiner alten Heimat um Kunden, und die finden die Kombination aus westfälischem Mittelgebirge und holländischer Gastlichkeit so attraktiv, dass Meurs seine Anlage auf 310 Betten erweitert hat.

Der deutsche Urlauber, sagt Meurs, passe sich im Ausland an die Landessitten an, der Holländer aber wolle alles so haben wie zu Hause. Und deshalb spricht sein gesamtes Personal Niederländisch, der Bingo-Abend, die Dinner-Show am Samstag - nur heimische Stimmenlaute.

Es ist noch nicht lange her, da pflegten Holländer gern die alten Ressentiments gegenüber den Deutschen. Beim östlichen Nachbarn Urlaub zu machen schien den meisten abwegig. Inzwischen, berichten die Wirte rund um Winterberg, sei das Vergangenheit. Konflikte flackern allenfalls noch einmal auf, wenn wie im vergangenen Sommer mit der EM große Fußballturniere anstehen - aber nie gehässig, nie gewalttätig, eher in einer spaßigen Variante. Meurs' Söhne sind selbst glühende Fans von Borussia Dortmund und hassen die Blauen von Schalke.

Ohne die Holländer wäre der Tourismus im Sauerland wohl ein Sanierungsfall. Früher hieß es scherzhaft, der Sauerländer ernähre sich von dem, was der Holländer aus dem Wohnwagen wirft. Und das war offenbar nicht genug. Mitte der neunziger Jahre ging es der nordrhein-westfälischen Touristenhochburg nicht gut. Das Sauerland verströmte das Image des piefigen Familienurlaubs oder schlimmer noch: des Sauf-Wochenendes für Kegelclubs aus dem Ruhrgebiet.

Inzwischen sind Westfalen und Niederländer eine gedeihliche Symbiose eingegangen. Allein in Winterberg stehen mittlerweile 50 Schneekanonen, die die Pisten von Dezember bis März fast so schneesicher wie die Alpen machen. Die skibegeisterten Holländer danken dies mit hohen Übernachtungszahlen - und sorgen dafür, dass sich die Investitionen amortisieren. Im ersten Halbjahr 2008 stieg die Bettenbelegung um über elf Prozent. Rund 150 000 Touristen aus dem Ausland besuchen jedes Jahr das Sauerland, der überwiegende Teil davon kommt aus den Niederlanden

Zur Erfolgsgeschichte der sauerländischen Erholungsorte gehört, dass der Sommer, so Meurs, "unheimlich im Kommen" sei. Eine Sommer-Rodelbahn, ein Fun-Sport-Park, ein Kletterwald, eine Bullraceanlage und mehrere Kartbahnen bieten besonders jungen Adrenalin-Süchtigen attraktive Angebote; zudem profitiert die Region von der wachsenden Fahrradbegeisterung. Am Fuß des Kahlen Astens gibt es eine der anspruchsvollsten Moutainbike-Arenen Deutschlands. Auch dahin zieht es viele Holländer, die als Radfahrernation zu Hause nur flache Strecken kennen.

Im "Brabander" haben die Gäste zu vorgerückter Stunde ihre Hände auf die Schultern ihrer Vorderleute gelegt. Mit einer Polonaise zieht die Menschenschlange durch den Veranstaltungssaal. Es ist das letzte Lied für heute. Rob Meurs knipst das Licht an und die Musik aus. Früher gingen die Nächte regelmäßig bis morgens um fünf. Heute, sagt er, wolle er den Oranjes mit seinem Hotel "Gefühle verkaufen". Wohlfühl-Gefühle. Und dazu gehöre auch "kontrolliertes" Feiern. Seine Landsleute haben es akzeptiert.